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Geisteswissenschaften:Der letzte Gast im Kaffeehaus Mitteleuropa

George Steiner, George Steiner

Philosoph, Kulturkritiker, unermüdlicher Autor und Erfinder der "Suhrkamp-Kultur": George Steiner (1929-2020).

(Foto: Regina Schmeken)
  • Der Literaturwissenschaftler, Kulturkritiker und Intellektuelle George Steiner ist am Montag im Alter von 90 Jahren gestorben.
  • Er wuchs in Paris und New York auf, als Kind österreichischer, jüdischer Eltern, die aus Wien vor dem Holocaust fliehen mussten.
  • Als Akademiker mit Professuren in Cambridge, Paris und Genf prägte er die Literaturwissenschft, seine größte Stärke war der freischweifende Essay.

Seinen größten Erfolg erlebte George Steiner als unfreiwilliger Werbetexter. 1973 veröffentlichte er im Times Literary Supplement eine ziemlich heftige Kritik an einer vielbändigen Werkausgabe von Theodor W. Adorno bei Suhrkamp, tadelte also wortreich, dass jede Rede, jede Erklärung, jeder Zettel des Meisters veröffentlicht und damit seine eigentliche Bedeutung geschmälert werde. Adorno, so erklärte er seinen britischen Lesern, die von diesem negativen Dialektiker wahrscheinlich noch nie gehört hatten, dieser exotische Adorno habe wie Benjamin und Bloch erheblich von der "Suhrkamp-Kultur" profitiert, die einen modernen philosophischen Kanon zustande gebracht habe. Der dauerhafte Ertrag bestehe darin, dass sich "auf deutschen Bücherregalen eben jener deutsch-jüdische intellektuelle und feinnervige Geist findet, den der Nationalsozialismus auslöschen wollte".

Die Suhrkamp-Werbeabteilung ließ sich das nicht zwei Mal ins Kontorbuch schreiben, der schöne Begriff ging als Schlagwort in die Prospekte und die Verlagsgeschichte ein und bezeichnete von Stund an nicht nur die regalfüllenden Gesamtausgaben, sondern auch die regenbogenfarbige Aufmachung der Taschenbücher durch den Designer Willy Fleckhaus.

Oxford wollte ihm keine Professur anbieten, so behalf er sich mit Cambridge, mit Genf, mit Paris.

Dem Cambridge-Professor Steiner konnte diese Transsubstantiation von Geist in Verpackung fremder kaum sein. Zwar kam er 1929 in Paris zur Welt, aber er war sein Leben lang ein altösterreichischer, also deutsch-jüdischer Literat, der das Kaffeehaus Mitteleuropa auch bei seinen Gastprofessuren in Peking, New York und Harvard nicht verließ. Sein Vater war Bankier und trotzdem ein Schöngeist und dabei so deutsch, dass er sein Pferd, das er im Ersten Weltkrieg ritt, "Lohengrin" taufte. Richard Wagner war sein Held, so wie es Martin Heidegger für den Sohn wurde. (Vergeblich versuchte er Siegfried Unseld, den Chef der "Suhrkamp-Kultur", zu einer Ausgabe von "Sein und Zeit" zu überreden.) Die Familie war bereits 1924 vor dem Wiener Antisemitismus nach Westen geflohen, wo Wagner, wie Steiner in seinen Memoiren berichtet, nicht mehr in deutschen, sondern in französischen Aufnahmen gehört wurde.

Das Kind wurde dreisprachig erzogen, dazu kam, seit der Vater dem Sechsjährigen die Ilias vorgelesen hatte, die Literatur als neue Heimat, und das wird der Ursprung der in viele europäische Idiolekte ausgreifenden "Steiner-Kultur". Fast alle Mitschüler am Pariser Lycée starben im Holocaust, die Steiner-Familie konnte sich nach New York retten, aber es war wieder der Vater, der den Sohn bei Kriegsende zurück nach Europa und nach Oxford drängte, "damit Hitler nicht gewonnen hat". So wurde Steiner erst recht einer der Kosmopoliten, wie nicht nur die Nazis die Juden beschimpften. "Ich bin in der Freimaurerei des Wanderns und der Sprachen zu Hause", wie er einmal sagte.

Oxford wollte ihm keine Professur anbieten, so behalf er sich mit Cambridge, mit Genf, mit Paris. Womöglich hätte ihn die Musik mehr interessiert oder auch die Malerei und gewiss das literarische Schreiben, doch der Vater, es ist immer der Vater, bestimmte ihn zum Lehrer. Er wurde also, so hat er es selber gesehen, Rabbiner (darin nicht unähnlich, dem vor wenigen Monaten verstorbenen Harold Bloom), allerdings legte er nicht mehr die eine Heilige Schrift aus, sondern die Schrift als Gesamtheit war ihm heilig und Gegenstand.

Auf seine Schüler sei er am meisten stolz, sagte Steiner gern, nur um dann zu beklagen, dass er keine Schule habe bilden können. Das trifft aber gar nicht zu, denn allein "Nach Babel" (1975), seine Studie über Sprache und Übersetzung, gilt bis heute als Grundwerk der Komparatistik und hatte nicht nur eine Fernsehserie zur Folge, sondern auch die Musikgruppe "News from Babel".

So großen Wert er auch auf seinen akademischen Status legte, seine wahre Stärke war der freischweifende Essay, der Aufsatz, in dem er beispielsweise im New Yorker Robert Pirsigs Buch "Zen oder die Kunst, ein Motorrad zu warten" zum modernen "Moby Dick" erheben konnte. Dann wieder nahm er, ganz "Steiner-Kultur", zwei Bücher über Spinoza zum Anlass, über Wittgenstein, Alain und Kant zu dozieren. Der Literat Steiner genoss die Urteilsfreude und sparte nie mit Verweisen auf die eigene Bildung, mit der er alle und alles hinter sich ließ. So konnte er in einem großen Aufsatz über den "Denker" Robert Musil, den er nicht ganz passend mit Henry James verglich, beiläufig eine Wertung unterbringen, um die sich ein Germanistik-Ordinarius ein ganzes Buch lang herumdrücken würde, nämlich dass Thomas Manns "Tod in Venedig" doch ein gehöriges Maß an "genialem Kitsch" enthalte.

Mit gewohnter Verve forderte er sein eigenes Fach heraus, die Literaturwissenschaft

Ein Gespräch mit Steiner konnte von Brancusi über die Shoa und Odysseus bis Bill Gates reichen und nonchalant die Eigenbewerbung für den Büchnerpreis einschließen. Auf Vorschlag des ehemaligen Bücherdiebs und Literaten Joschka Fischer erhielt er 2003 immerhin den Börnepreis der Stadt Frankfurt. Er sei nicht so arrogant, sich als Nachfolger Walter Benjamins zu sehen, sagte er einmal im Gespräch mit dieser Zeitung, "aber der einzige Nachfolger von Ernst Robert Curtius in Europa, das wäre sehr schön, das wollte ich sein". Harald Schmidt konnte dieses Steiner'sche Ruhmreden herrlich parodieren.

Als Kulturkritiker, immer noch im Heidegger'schen Geiste und völlig unbeeindruckt von feministischer Kritik, feierte er den Kanon der klassischen Literatur, in den er sich allenfalls von Nietzsche hineinreden ließ. 1989 veröffentlichte er die Kampfschrift "Von realer Gegenwart", in der er sich mit gewohnter Verve gegen sein eigenes Fach, die Literaturwissenschaft, wandte. Nichts sollte mehr gelten außer den Texten selber, was er mit der seltsam zirkulären These einleitete: "Die Annahme lautet, dass 'Gott' ist, nicht weil unsere Grammatik sich überlebt hat; sondern dass die Grammatik lebt und Welten erzeugt, weil es dieses Setzen auf Gott gibt." Ein Nachwort von Botho Strauß in der deutschen Ausgabe (angeblich wusste Steiner nichts von diesem Nachwort) machte daraus einen "Aufstand gegen die sekundäre Welt", was von der masochistisch erschütterten Nach-Wende—Intelligenz gern genommen wurde.

Am Montag hat der letzte Gast das Kaffeehaus Mitteleuropa verlassen. Im Alter von neunzig Jahren ist George Steiner im Wiener Außenbezirk Cambridge gestorben. Jetzt hilft nur noch lesen.

© SZ vom 05.02.2020/khil
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