"The Midnight Sky" auf Netflix: Einer ist zurückgeblieben

The Midnight Sky

Hoffnung auf den Himmel: George Clooney als Dr Augustine Lofthouse in "The Midnight Sky".

(Foto: Netflix)

In George Clooneys neuem Film "The Midnight Sky" ist die Menschheit fast am Ende - aber ein Forscher bahnt dem Leben einen Weg.

Von Susan Vahabzadeh

Der Polarstern ist von überall auf der Nordhalbkugel der Erde sehen. Das macht ihn zu einem poetischen Symbol der Verbundenheit - er ermöglicht einen gemeinsamen Blick, über Kontinente und Meere hinweg. Aber kann man ihn eigentlich von einem Raumschiff im All aus sehen?

Am Anfang von George Clooneys neuem Film "The Midnight Sky" herrscht zu viel Aufregung am Nordpol, um darüber nachzudenken. Eine Forschungsbasis in der Arktis wird da gerade zurückgelassen, eine große Evakuierung ist im Gange. Eine Frau sucht ihre kleine Tochter, aber ihr wird gesagt, das Kind sei schon fortgebracht worden. Die Menschen verschwinden - wohin ihre Reise gehen soll, das sieht man nicht, und weiß auch nicht so recht, wovor sie sich fürchten.

Eine nicht näher bezeichnete globale Katastrophe, die bald auch die Arktis erreichen wird, zwingt sie zur Flucht. Ihre Welt wird bald unbewohnbar sein. Irgendwann kehrt Stille ein im Schnee. Einer ist zurückgeblieben. Er sieht jetzt schon so aus, als ob ihn sein Bart nicht mehr kümmert, keinen stört es mehr, wie zottelig er ist. Augustine Lofthouse - Clooney spielt ihn selbst - wirkt müde und angestrengt, als er allein nach drinnen geht.

Das Werk ist eine Mischung aus Dystopie und mythischer Hoffnung

Augustine Lofthouse ist Astronom, der Mitternachtshimmel war seine ganze Welt. "The Midnight Sky", basierend auf einem Roman von Lily Brooks-Dalton, spielt im Jahr 2049. Ihre Erde haben die Menschen zerstört, die Hoffnung auf eine neue Heimat hat sich zerschlagen - ein Raumschiff ist unterwegs, die Mannschaft sollte den Mond K 23 auf seine Tauglichkeit für eine Übersiedlung der Menschheit zu prüfen, doch es gibt noch keine Antwort. Die Astronauten sind zu weit weg, und nun ist es zu spät. Augustine weiß das.

Für ihn ist die Reise zu Ende. Er legt sich selbst eine Infusion, horcht in die Stille hinein. In kleinen Flashbacks hat man eine Frau gesehen, die ihn verlassen hat, weil nichts mit seiner großen Liebe, der Astronomie, konkurrieren konnte; es gibt da eine Tochter, die er nicht kennt. Nun ist Augustine todkrank. Was aber soll hier aus ihm werden? Nicht einmal den Zugang in seinen Arm könnte er erneuern, nun vollkommen allein auf der Welt.

Ein Geräusch schreckt ihn auf, und er findet in der Station ein kleines Mädchen. Nun hat er eine Aufgabe: Er muss sich um sie kümmern, sie antwortet fast nie, doch als sie eine Blume malt, findet er heraus, dass sie Iris heißt. Aber da ist noch etwas: Mit letzter Kraft versucht er, immer wieder, das Raumschiff anzufunken - wenn es noch irgendeine Zukunft geben soll für das menschliche Leben, dann muss er die Astronauten darin warnen, dass sie nicht wie vorhergesehen auf der Erde landen können.

Augustine mobilisiert noch mal alles, er muss das zu Ende bringen. Ein bisschen wie in dem berühmten Gedicht von Dylan Thomas, das sich auflehnt gegen das Sterben des Lichts: "Geh nicht gelassen in die gute Nacht. Brenn, Alter, rase, wenn die Dämmerung lauert; Im Sterbelicht sei doppelt zornentfacht". Das Studium des Mitternachtshimmels, sein Lebenswerk,war kein Selbstzweck - seine Arbeit ist die Basis für die Mission im All.

The Midnight Sky

Allein in der Einsamkeit der Arktis: George Clooney und Caoilinn Springall in "The Midnight Sky".

(Foto: Netflix)

Es gibt eine Wetterstation mit besseren Geräten, dahin machen sich Augustine und die kleine Iris auf, durch todbringende Stürme und schmelzendes Eis. Auch an Bord des Raumschiffs überstürzen sich die Ereignisse - die Crew macht sich Sorgen, weil auf der Erde niemand mehr antwortet, die Wissenschaftlerin Sully (Felicity Jones) ist schwanger von Commander Adewole (David Oyelowo). Schon deswegen gibt es bald Diskussionen, ob die Crew umdrehen soll. Denn die Nachricht, die sie nicht durch den Äther bekommen, wäre positiv: K 23 ist bewohnbar.

"The Midnight Sky" ist eine Mischung aus Dystopie und mythischer Hoffnung; über die Entscheidung bei Netflix, diesen Film in einem Jahr wie dem, das hinter uns liegt, als großes Feiertagsereignis zu starten, kann man streiten. Will man zum Schluss noch zuschauen, wie die Menschheit versucht, sich selbst endgültig auszulöschen? Irgendwie schon, denn Clooney ist selbst voller Hoffnung für die Welt, und das überträgt sich auf seine Geschichte: Er erzählt davon auf eine Art, die in sich etwas Tröstliches trägt - weil der Weg so schön ist, die Musik, mit der Alexandre Desplat den Film untermalt, so betörend, das Licht so zart.

Das ist ein bisschen so wie bei William Faulkner: Das Licht, die Hoffnung, lag auch in seinen düstersten Geschichten. Er weigere sich, hat Faulkner 1950 in seiner Nobelpreisrede gesagt, das Ende der Menschheit zu akzeptieren; der Mensch sei unsterblich, weil er eine Seele habe. Clooney ist vielleicht kein cineastischer Faulkner, aber so ähnlich ist es dennoch in seinem Film: Es gibt Liebe und Verantwortungsgefühl und eine unaussprechliche Schönheit in allen Dingen. Der Weg bis zum Silberstreif am Horizont ist allerdings recht weit in "The Midnight Sky".

Clooney hat ein illustres Team versammelt, darunter Stephen Mirrione, der "Traffic" geschnitten hat und Kameramann Martin Ruhe, der für Anton Corbijn "The American" fotografiert hat. Und man spürt, dass die Haltung, die der Film einnimmt, nicht nur eine Pose ist - was man schon daran sieht, dass Clooney die Schwangerschaft von Sully erst in die Geschichte hineingeschrieben hat, als Felicity Jones, die er so gern in der Rolle besetzen wollte, tatsächlich schwanger wurde.

Im Raumschiff singen die Astronauten "Sweet Caroline" - eine grandiose Szene

Ein perfekter Film ist es dennoch nicht geworden, er fühlt sich ein wenig langsam an. Und ja, es stimmt, dass alles dann doch oft an ein paar großartige Filme erinnert, in denen Clooney vorher Akteur war. Da sind die magischen Bilder des Weltraums und der sagenhafte Überlebenswillen aus Alfonso Cuaróns "Gravity", und Steven Soderberghs "Solaris" (2002) lässt grüßen mit der melancholisch-apokalyptischen Grundstimmung und dem Fluss der Erinnerungen. So gut austariert wie diese beiden, so perfekt im Rhythmus und Tempo, ist "The Midnight Sky" nicht. Dafür hat er andere Qualitäten.

Clooney hält ganz wunderbar die Balance zwischen großer Emotion und Sentimentalität. Es gibt eine grandiose Szene an Bord des Raumschiffs, wenn die Astronauten die Melodie von Neil Diamonds "Sweet Caroline" hören und dann, in einem befreienden Moment, laut mitsingen: hands touching hands. Und er findet großartige Bilder von Schneestürmen, orangefarbenem Himmel über dem Eis, sogar einem Tod im All, bei dem Blutstropfen durch den Raum schweben, als würde mit ihnen ganz langsam ein Leben entweichen.

Am Ende ist jedenfalls sonnenklar, warum es Augustine nicht egal ist, ob etwas von der Menschheit übrig bleibt.Es gibt immer noch etwas, wofür es sich zu kämpfen lohnt, auch wenn es nicht mehr für einen selbst ist. Irgendwer da draußen muss mit ihm den Polarstern sehen, von wo auch immer - jemand mit einer Seele.

The Midnight Sky, USA 2020 - Regie: George Clooney. Drehbuch: Mark L. Smith. Kamera: Martin Ruhe. Musik: Alexandre Desplat. Mit: George Clooney, Felicity Jones, David Oyelowo, Tiffany Boone. Netflix, 117 Minuten.

© SZ/kni
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