Georg Klein: "Bruder aller Bilder":Zeitsprungwettbewerbe

Georg Klein: "Bruder aller Bilder": Wie um die Vergangenheitssucht noch zu steigern: Rosenaustadion in Augsburg, Baudenkmal der Nachkriegsmoderne und jetzt auch Literatur-Schauplatz.

Wie um die Vergangenheitssucht noch zu steigern: Rosenaustadion in Augsburg, Baudenkmal der Nachkriegsmoderne und jetzt auch Literatur-Schauplatz.

(Foto: imago sportfotodienst/imago sportfotodienst)

"Bruder aller Bilder" beginnt wie eine nette Heimatgeschichte. Aber Georg Klein wäre nicht, wer er ist, wenn es dabei bliebe.

Von Kristina Maidt-Zinke

Was will Addi Schmuck, in Ehren ergrauter Sportkolumnist der Augsburger Allgemeinen (nicht zu verwechseln mit der real existierenden Zeitung Augsburger Allgemeine) von der Nachwuchsredakteurin Monique Gottlieb alias MoGo? Er möchte die junge Kollegin, die gerade mit einem Trachtenmoden-Messebericht ihr erstes Glanzstück abgeliefert hat, auf eine Recherche besonderer Art mitnehmen und lässt sie deshalb für fünf Tage freistellen, wobei ihm seine langjährige Liaison mit der Verlegerin, Gräfin Elisabeth von Eszerliesl, von Nutzen ist. MoGo wird gebeten, ihr Smartphone zu Hause zu lassen. Addi hat auch keins. Dafür holt er sie mit seinem Oldtimer ab, einem sanddornfarbenen Cabriolet der Marke Ford Mustang, das seltsamerweise gar nicht nach Zigarettenrauch riecht, anders als der vorzeitliche mechanische Aschenbecher, das einzige Accessoire auf Addis stets sauber aufgeräumtem Redaktionsschreibtisch, es vermuten ließe.

Wie um die Vergangenheitssucht noch zu steigern, rollt das betagte Luxusgefährt am Rosenaustadion vorbei, einem Baudenkmal der Augsburger Nachkriegsmoderne, das nur mehr zu Trainingszwecken und für Leichtathletik-Wettbewerbe genutzt wird. MoGo hat dort als Gymnasiastin, barfuß und mit verpflastertem Zeh, einen Mittelstreckenlauf gewonnen. Addi aber steuert die 2009 eröffnete Süd-Arena an. Sie trägt heute, weil Himmelsrichtungen keine Sponsorengelder ausschütten, den Namen einer Versicherung. Die im Roman gerade fünf Jahre alte Heimstätte des lokalen Erstliga-Clubs hat ein Taubenproblem, das den Anlass für Addis Recherchetour liefert. Doch das Interview mit dem Greenkeeper ist nur eine Pflichtübung. Schon geht es weiter zur "Flughafengaststätte", einer Holzbaracke auf dem Gelände des ehemaligen Militärflugplatzes, wo zum Bier eine "Messerschmitt-Brotzeit" serviert wird. Die ganze Zeit redet der alte Sportreporter wie ein Buch - im wahrsten Sinne, so betulich setzt er seine Worte. MoGo sagt gar nichts, hängt nur ihren Gedanken und Erinnerungen nach.

Wer Georg Kleins letzten Roman "Miakro" noch im Gedächtnis hat, diese traumlogisch zerfließende, dystopisch aufgeladene, zu tausend Deutungen verführende Fremdwelt-Fantasie, oder auch irgendeines seiner früheren Werke, die sich entweder als Science-Fiction zu erkennen gaben oder zumindest in abenteuerlich verrätselten, oft schaurigen Gegen- oder Pseudo-Wirklichkeiten spielten, der dürfte staunen über den gemütvollen Realismus dieses Einstiegs. Die süddeutsche Kleinstadtzeitung mit "warmbusiger", klatschsüchtiger Redaktionssekretärin, vagen Anklängen an "Kir Royal" und sanften Gegenwartsspitzen (man plant ein Superressort für "Kultur, Sport und Leben"), die Heimat-Reminiszenzen des in Augsburg aufgewachsenen Autors, die hier, anders als im 2010 erschienenen "Roman unserer Kindheit", ohne monströse Nachtseiten auskommen - das alles scheint eine entspannte, nicht allzu fordernde Lektüre zu versprechen.

Schrifsteller Georg Klein

Der 1953 in Augsburg geborene Schriftsteller Georg Klein.

(Foto: Carmen Jaspersen/picture alliance / Carmen Jasper)

Doch dieser Eindruck wird, um im Fußballjargon zu bleiben, nur angetäuscht. Hinweise gibt es von Anfang an, von den Kapitelüberschriften, die Pflanzen und Tiere bezeichnen, über Schreckensträume und Hellsicht-Erlebnisse der jungen Journalistin bis hin zur Allgegenwart von Vögeln und Vogelmotiven, zu denen auch MoGos ungewöhnlich lange, spitze Nase zählt, gar nicht zu reden von den Krallenfüßen ihres attraktiven Wohnungsnachbarn Dr. Feinmiller, die sie im Traum unter seinen grauen Wollsocken ertastet. Aber noch bleibt alles im Rahmen milder Skurrilität. Unter dem Vorwand, zum Taubenproblem der Süd-Arena einen Fachmann befragen zu müssen, nimmt Addi seine Kollegin mit zu einem Kumpel und Altersgenossen, dem sogenannten "Auskenner", der in einer umgebauten Halle auf verwildertem Gelände am Stadtrand residiert, ganzkörpergebräunt bis zum ledernen Lendenschurz, mit langen graublonden Locken und einer geheimnisvollen Narbe am rechten Oberarm. In einem Interview verriet der Autor, dass er in diesem naturverbundenen Lebenskünstler und Tüftler seinem verstorbenen Bruder ein Denkmal gesetzt hat, was den kryptischen Romantitel "Bruder aller Bilder" ein wenig durchsichtiger macht.

Der "Auskenner" hat unter anderem ein Futterkarussell für Fledermäuse konstruiert, und er adoptiert die blauäugige, stellenweise kahle Katze, die MoGos kürzlich verstorbener Mutter zugelaufen war. Und nun verwandelt sich die bis dahin so übersichtliche Handlung ganz sacht in ein verwirrendes Geflecht von Verweisen und Korrespondenzen, die an symbolisch aufgeladenen Gegenständen, Lebewesen und Orten festgemacht sind, unter Beibehaltung des Lokalkolorits. Wer jetzt noch versuchen will, eine nacherzählbare Struktur in das Geschehen zu bringen, stößt bald an Grenzen. Das alte Rosenaustadion wird besichtigt, unterirdische Tunnel tun sich auf, ominöse Unfälle ereignen sich oder haben schon stattgefunden, mit Zeitsprüngen und -schleifen muss gerechnet werden. Uhren, antiquierte Elektrogeräte, Röhren und Verdrahtungen, Vögel und Vierbeiner als Boten werden bedeutsam, desgleichen MoGos Vater, der längst dahingeschiedene Bäckermeister, mit seinem unsterblichen Diktum: "Der Teig ist nicht tot."

Georg Klein: "Bruder aller Bilder": Georg Klein: Bruder aller Bilder. Roman. Rowohlt, Hamburg 2021. 272 Seiten, 22 Euro.

Georg Klein: Bruder aller Bilder. Roman. Rowohlt, Hamburg 2021. 272 Seiten, 22 Euro.

Das ist aber noch nichts gegen das, was ihre unlängst beerdigte Mutter treibt: Sie meldet sich aus dem Jenseits, wo sie über einen altmodischen Fernseher ihre Tochter beobachtet und daneben eine Liebesaffäre mit dem "Auskenner" beginnt, der sich offenbar in beiden Welten gleichzeitig aufhalten kann. Um die Durchlässigkeit der Barriere zwischen Tod und Leben also geht es Georg Klein in diesem Zwitter aus Mystery- und Heimatroman, der sich damit doch nahtlos in sein übriges Œuvre fügt - nur dass hier ein freundlicheres Licht über allem liegt.

Man kann seinen Spaß damit haben, den Anspielungen und Motivverknüpfungen zu folgen, etwa nach den Farben zu fahnden, die überall versteckt sind wie Ostereier: Rot, Grün und Weiß, die Trikolore des FC Augsburg, aber auch Orange, Blau und Schwarz, weniger leicht zu entschlüsseln. Als Virtuose der zwischenweltlichen Kommunikation hat Klein allerdings ein Problem: Auch Tote können sehr geschwätzig sein. Das machte sich, vor nunmehr fünfzehn Jahren, schon bei Sibylle Lewitscharoffs Roman "Consummatus" bemerkbar (an den man hier ohnehin erinnert wird, wenn die beiden alten Freunde einander Zitate aus englischen Popsongs zuwerfen, deren Urheber im ewigen Off weilen). Zum Ende hin würde man der Stimme aus dem Schattenreich gern mal den Stecker ziehen. Aber das besorgt dann, genau im richtigen Moment, der stromtechnisch versierte "Auskenner".

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