Georg Baselitz über Holz "Plötzlich kommst du in diesen Katalog von Sotheby's oder Christie's"

Der Künstler vor seinem Bild 'Der Hintergrund Geschichte' während einer Ausstellungseröffnung in Valencia 2001.

(Foto: DPA/DPAWEB)

Erklärt das den Eindruck, den man haben kann - dass Ihr bildhauerisches Werk thematisch geschlossener ist als ihr malerisches Œuvre?

Das ist ganz gewiss so, aber das ist kein Mangel meines malerischen Werks. Wenn man sich Michelangelos Skulpturen anschaut und dann sofort einen großen Sprung zu Rodin macht, dann ist zwar ein raffinierterer Umgang mit Stein, Marmor oder Bronze zu sehen, aber inhaltlich oder formal gibt es wenig modellhaft anderes. Es gibt zwar handschriftliche Signale, die deutlich sind - Rodin oder Michelangelo erkennt man sofort -, aber letztlich ist der Rückgriff auf antike Skulpturen immer augenfällig.

Was man von Ihren Werken ja nicht gerade sagen kann . . .

Dieser Modell- oder Motivbezug, der fällt bei mir zunächst einmal vollständig flach. Das ist bei mir in der Malerei so wie auch in der Bildhauerei. Die Dinge, die ich mache, haben irgendetwas mit irgendetwas zu tun, aber mit nichts, was man sieht, erkennt, kennt oder findet. Also, ich sage immer, das, was ich mache, sind archäologische Bruchstücke, aber es ist nichts, dem man gegenüber sitzt und das man nachformen kann. Das gelingt einem, glaube ich, bei keiner einzigen meiner Plastiken.

Darin steckt für mich ein gewisser Widerspruch, denn viele Ihrer Skulpturen tragen einen Titel, der auf eine konkrete Vorstellung verweist.

Das ist richtig, und ich muss etwas ausholen, um das, was Sie als widersprüchlich empfinden, zu erklären. Ich stamme aus der Lausitz, einer sehr ländlichen Gegend. In den dortigen Dörfern trifft man häufig auf Gedenksäulen mit einer Art Kuckuckshäuschen drauf, in dem eine Skulptur steht. Oft ist das der Heilige Sebastian oder der Schmerzensmann, meist jedoch ist es die Maria. Diese Skulpturen sind typisch für diese Gegend, man sieht sie aber auch in Bayern und anderswo. Aber dennoch unterscheiden sich die Figuren in der Lausitz hinsichtlich ihrer Ausformung und Ausschmückung von denen in den anderen Regionen. Das hat mich fasziniert, und ich fasste den Plan, sie zu monumentalisieren oder sie zunächst einmal lediglich zu zitieren. Wenn ich also sage, ich habe kein Modell, dann ist das richtig, aber ich habe ein Kunstmodell, auch wenn sich dieses bisweilen in seinem Niederschlag sehr krass ausnimmt.

Gilt demnach für Sie: Kunst ist eine Behauptung?

Ja. Kunst ist eine Behauptung, und ich muss sagen, ich bewundere Kunst und ich selbst lebe auch von dieser Behauptung. Leider geht es auch nicht anders. Man kann sich nicht anschleichen. Man kann Kunst nicht machen und auch nicht vertreten, wenn man leise hinterher geht, sondern das geht nur mit Angeberei, mit großen Sprüchen, mit großen Gebärden - nur so kannst du das machen. Nietzsche hat einmal gesagt, Kunst setzt sich kämpferisch durch. Du stellst also eine Behauptung auf, und du hast, wenn du sie aufstellst, immer recht. Es gibt keinen Beweis dagegen. Trotzdem kannst du scheitern, weil - plötzlich kommst du in diesen vergleichenden Katalog von Sotheby's oder Christie's, und dann siehst du, wer recht hat und wer nicht. Und was ich wunderbar finde, dass dieses ganze Gedöns von Doktrin und Rechthaberei sich erledigt hat, denn es gibt nur noch den Preis, der die unmöglichsten Dinge miteinander in Beziehung setzt.

Wundern Sie sich nicht manchmal selber über den Kunstmarkt, diese Explosionen mancher Künstler. . .

Ich habe noch vor zwanzig Jahren gegen Lucian Freud gewettert. Jetzt muss ich immer zu meiner Überraschung und zu meinem Kummer im Metropolitan Museum mein Bild und direkt daneben Lucian Freud, einen großen männlichen Rückenakt, sehen, und ich muss sagen: Hut ab! Dieses Bild ist einfach besser als meines!

Georg Baselitz wurde am 23. Januar 1938 in der Oberlausitz geboren. Ab 1956 studierte er Malerei an der Ost-Berliner Kunsthochschule, von der er wegen "gesellschaftlicher Unreife" verwiesen wurde. An der West-Berliner Kunstakademie setzte er seine Ausbildung fort. Aber auch im Westen erregte er zunächst heftigen Anstoß. 1963 kam es zum Eklat, als zwei seiner Gemälde wegen vermeintlicher Obszönität beschlagnahmt wurden. Dieser Skandal markierte jedoch seinen künstlerischen Durchbruch. Seit 1969 ist das Werk von Baselitz, der einer der bekanntesten deutschen Gegenwartskünstler ist, vor allem dadurch charakterisiert, dass er seine Motive auf dem Kopf stehend malt. Im Musée d'Art moderne de la Ville de Paris sind die Skulpturen von Georg Baselitz noch bis Januar 2012 zu sehen.