Georg Baselitz über Holz "Meine Skulpturen sind überhaupt nicht brutal"

Die Rostocker Kunsthalle zeigt seit Anfang November Werke von Georg Baselitz, Gerhard Richter und Günther Uecker in der Gemeinschaftsausstellung 'Credo'. Hier zu sehen: 'Absprung (Remix)' aus dem Jahr 2007.

(Foto: dapd)

Ist Ihnen das jetzt rückblickend gelungen?

Erst einmal gibt es bei mir, wenn ich meine bildhauerische Arbeit überblicke, natürlich einen Ablauf, man sieht den Anfang und auch das Ende, will sagen, die Sicherheit nimmt zum Ende hin zu, die Materialbewältigung wird perfekter und die Aussage wird eindeutiger, vielleicht auch ein wenig unbarmherziger oder harscher. Meine letzten Skulpturen sind tatsächlich ziemlich krass. In meiner Malerei stellt sich die Entwicklung jedoch nicht so dar. Beim Malen gehe ich vor und zurück, nehme ich Seitenwege. Aber auch dort gibt es letztlich eine Linie, die du in der Voraussicht, in die Zukunft blickend nicht siehst. Die gewahrt man immer erst rückblickend. Das aber ist vermutlich bei allen Dingen so. Rückblickend und in der ganzen Folge dieser dreißig Jahre Skulptur lässt sich erkennen, es ist einer, der es gemacht hat.

Folgen Sie in Ihrer Arbeit eigentlich einer Schule?Haben Sie sich je an der einen oder anderen Richtung orientiert?

Vergleiche fallen mir nicht ein, also weder mit den einen noch mit den anderen, also weder mit den Traditionalisten noch mit den Doktrinären oder den Ideologen. Meine Skulpturen sind überhaupt nicht brutal, sondern sehr sensibel, sehr leicht, sie muten ganz ungewöhnlich frei an, aber vielleicht gibt es auch eine Unsicherheit beim Betrachter, der eben gerne Anlehnung hat, Vergleichbares heranziehen möchte, um sagen zu können, ja, ja, das erinnert doch, und so. Aber selbst archäologische oder ethnologische Vergleiche fallen einem in dieser Ausstellung schwer.

In handwerklicher Hinsicht sind Malen und Bildhauern zwei sehr unterschiedliche Techniken. Was vor allem charakterisiert diesen Unterschied für den Künstler?

Bei der Skulptur ist der Arbeitsprozess sehr zeitintensiv. Man braucht dafür sehr lange, während ein Bild in zwei Stunden oder in einem Tag fertig ist. Für eine Skulptur brauche ich Wochen. Man hat lange, lange Zeit, bei der Arbeit darüber nachzudenken: Wo führt das Ganze hin? Andererseits braucht man einen ziemlich festen Plan, sonst macht man nur Scheiße, und es geht alles kaputt. Also, beide Techniken unterscheiden sich extrem. Allein schon aus dem zeitlichen Unterschied entspringt etwas, das einem ein ganz anderes Ergebnis beschert.

Demnach sind Sie nicht der Typ, der über Nacht aus einem Holzstück ein Kunstwerk schafft?

Also, ich kann nicht leichtfüßig etwas hintänzeln oder skizzieren wie bei einem Bild. Das geht bei einer Skulptur nicht. Bei der Skulptur ist es einfach so, dass die Besessenheit, die fixe Idee einen packt. Mich befällt eine Skulptur regelrecht. Ich sehe, träume und denke Tag und Nacht über eine Skulptur nach, wenn ich eine in Arbeit habe. Das ist so bindend, so obsessiv, dass ich keinen Platz für irgendeine andere Idee habe. Ich kann nichts anderes tun.

Sie arbeiten also nicht vormittags an einer Skulptur und nachmittags an einem Bild?

Nein, ich bin dann besessen, wirklich besessen von diesem Ding. Das liegt natürlich auch ein bisschen daran, dass ich so schwierige, hinderliche Werkstoffe habe. Hätte ich Lehm oder Gips, ginge mir die Arbeit viel leichter und schneller von der Hand. Da ich mich aber auf Holz eingelassen habe, dauert das einfach lang, und ich bin auch nicht mehr der Jüngste. Es ist eine schwere Arbeit. Ich bin der Zwerg neben dem Ding. Das kannst du geradezu physisch erleben. Je mehr die Skulptur fertig wird, umso mehr entfernst du dich von dem Ding. Das heißt, die Idee ist plötzlich weggeflogen, die sitzt in diesem Holz und der Kontakt dazu ist nur noch ein ganz dünner. Ich steh dann davor ungefähr so wie ein Affe, der sich kratzt.

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