Georg Baselitz über Holz "Natürlich braucht eine Skulptur keine Farbe"

Und?

'Frau Lenin und die Nachtigall' im Guggenheim-Museum in Bilbao. Das Bild stammt aus einer Serie von 16 Werken.

(Foto: dpa)

Das Letzte, was mir dann einfiel, als sympathische oder charakteristische deutsche Skulptur nach der Gotik, war die ,Brücke', also Schmidt-Rottluff und Kirchner bis zu Lehmbruck und anderen. Als ich mit meinen Überlegungen dort angekommen war, habe ich mir ein Stück Holz genommen und angefangen . . .

. . . und damit sofort und gleichsam aus dem Stand Ihr erstes plastisches Werk geschaffen?

Gelungen ist es mir nicht, es aus einem Stück zu machen. Ich habe diese Plastik zusammensetzen müssen. Es war technisch nicht anders möglich. Auch hatte ich ja gar keine Ausbildung oder Erfahrung als Bildhauer. Also, das war alles ziemlich schwierig. Die Skulptur habe ich vorsichtig, schwebend oder unentschieden ,Modell' genannt, denn ich wollte nicht einen manifesten Zustand, der sich dann fortsetzt, sondern etwas Undefiniertes oder nicht genau Definiertes und Schwebendes haben. So ist auch die ganze Position dieser Skulptur, fallend, aufstehend, stürzend, sitzend, liegend oder irgendwo dazwischen.

Die Plastik ist die eines Liegenden, der halb aufgerichtet ist und den rechten Arm ausstreckt. Daran nahmen einige heftig Anstoß, weil sie darin eine Anspielung auf den Hitlergruß zu erkennen glaubten.

Ja, als dann diese Schelte laut wurde und man sagte, das sei eine faschistische Grußgeste und so, habe ich nach einer Legitimation gesucht und die auch schnell gefunden, weil ich in afrikanischen Plastiken gut bewandert bin, etwa bei den Lobis. Da gibt es die sogenannten Batateba-Figuren, die werden oft mit einem ausgestreckten Arm gezeigt, so wie meine. Danach habe ich weiter Skulpturen gemacht, immer aus Holz, die dann auch aus einem Stück waren und die von vorne, hinten und von der Seite zu begehen und zu betrachten waren. Die ,Dresdener Frauen' beispielsweise sind konvexe Köpfe geworden, sind also Reliefs, die in ein Volumen hineingeschnitten wurden. Dann habe ich auch Farben verwendet, die immer eine wichtige Rolle dabei spielen und die eine mehr oder weniger symbolische Bedeutung haben. Gelb etwa steht für Neid, Hass oder Zorn, während Blau, also das orientalische Türkisblau, Schutz vor dem bösen Blick signalisiert.

Warum kann eine Skulptur nicht ganz ohne Farbe auskommen?

Natürlich braucht eine Skulptur keine Farbe. Das ist überhaupt kein Problem. Aber ich fand Farbe ein witziges Zubehör. Es gibt doch diese mühsamen Versuche jedes Jahr wieder, antike Skulpturen zu bemalen, weil sie einmal so waren. Das ist ja auch alles gut und schön, doch bei der Bemalung der Antiken werden Anstreicher oder Designer eingesetzt, aber eben keine Künstler. Da kommen Dinge dabei heraus, die geradezu Schmerzen verursachen. Dagegen macht es wirklich Spaß, diese wenigen Farbsymbole, die wir haben, zur Vertiefung oder zur Verinnerlichung oder zur Verfremdung einer Skulptur zu benutzen.

Auffallend ist, dass Sie sich als Künstler erst relativ spät der Skulptur zuwandten, die zu schaffen erheblich größere physische Anforderungen stellt als die Malerei.

Also, Skulptur und Malerei haben ja Wege genommen, die sich abhängig von Doktrinen und Kunstideologien oder gesellschaftlichen Ideologien immer entschiedener gegen das Herkömmliche gewandt haben. Als ich als Künstler anfing, hieß es, das Tafelbild ist tot, oder wenn schon ein Tafelbild, dann musste es wenigstens monochrom oder mit dem Flammenwerfer bearbeitet sein. Ähnliches galt auch für die Skulpturen. Denken Sie beispielsweise nur an Donald Judd oder Carl André beispielsweise, oder Rückriem . . .

Alles berühmte Vertreter des bildhauerischen Minimalismus, ihre Skulpturen sind graphisch, reduziert - Kuben, Kreise, Würfel . . .

. . und ich war zunehmend gelangweilt davon, um nicht zu sagen, irritiert. Dann gab es diese Grabungsversuche, diese Land-Art-Versuche, dann die Bildhauer, die Erinnerungsbilder machten, Spurensucher hießen die, glaube ich. Also, es gab verschiedene Richtungen, die alle Ergebnisse, auch gute Ergebnisse brachten, aber es war nicht meine Welt. Ich bin ja als Maler trotz dieser modernen Zeiten ein sonderlicher Typ und wollte das auch dementsprechend in der Skulptur sein. Also habe ich eine Position eingenommen, die dem widerspricht, was weithin war.

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