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"Generation Wealth" in Hamburg:Ein Testament des Grauens

Jackie, 41, und Freundinnen mit Versace-Handtaschen bei einer privaten Eröffnung im Versace Store, Beverly Hills, 2007.

(Foto: Lauren Greenfield/INSTITUTE)
  • Die Hamburger Deichtorhallen zeigen derzeit eine große Ausstellung der amerikanischen Magazinfotografin Lauren Greenfield.
  • In "Generation Wealth" zeigt Greenfield eindrücklich, wie die Verschwendungskultur zur Religion unserer Zeit geworden ist.

Ein altes englisches Sprichwort, das vermutlich auf Alexander Pope zurückgeht, sagt: Wenn du wissen willst, was Gott über Geld denkt, sieh dir die Leute an, denen er es gibt. Vermutlich gibt es kaum ein Lebenswerk, über dem dieser Satz so treffend als Motto stehen könnte, wie Lauren Greenfields Beschäftigung mit der "Generation Wealth", der jetzt eine große Schau in den Hamburger Deichtorhallen gewidmet ist. Greenfields über dreißig Jahre dauernde Zeugenschaft der amerikanischen Statuskultur und ihrer russischen und chinesischen Folge-Exzesse ist ein Testament des Grauens für jene Lebenseinstellung, die von der Dreifaltigkeit der großen kapitalistischen Gs geleitet ist: Geld, Gier und Größenwahn.

Als Magazinfotografin, die bereitwillig Zugang zu den bewachten Refugien von Menschen fand, deren flüchtige Zufriedenheit dadurch entsteht, mehr Geld als der Nachbar zu haben, mehr Auto, mehr Haus, mehr Party, mehr Privatjet und mehr Yacht, hat Greenfield in Tausenden Motiven ein einziges Gefühl konzentriert: die breit lachende Traurigkeit der seelenlosen Sucht nach Reichtum und Applaus. Man muss wahrlich kein Pietist oder Moralapostel sein, um aus diesem Indizienprozess gegen den Luxuswahn mit Ekel zu fliehen. Denn die Verschwendungskultur ist - als Religion unserer Zeit - ein Virus, der nur Zombies erzeugt.

Fotografie

Geld, Gier und Größenwahn

Obwohl viele von Greenfields ikonografischen Reportagen über die Hollywood-Kultur schon aus Magazinen bekannt sind, schockiert vor allem das breite Spektrum der Recherchen, die in der Ausstellung "Generation Wealth" in den Hamburger Deichtorhallen gezeigt werden.

Alle sind von dem Gedanken getrieben, ein anderer zu sein, Ludwig XIV. oder Kim Kardashian

Greenfield hat nicht nur die "Queen of Versailles" porträtiert, eine blonde Ex-Schönheitskönigin, die mit ihrem Mann, dem Immobilien-Mogul und Trump-Fan David Siegel, das Ziel verfolgte, das größte Privathaus der Vereinigten Staaten zu bauen. Sie begleitete auch Mädchen aus Beverly Hills oder der Pornoindustrie, die ihr Lebensziel mit "Geld und Ruhm" angaben und dann an dem beinharten Konkurrenzkampf um Birkin Bags und perfekte Körper fast zu Grunde gingen - magersüchtig, psychisch krank, durch Operationen deformiert oder von Selbstverletzungen gezeichnet. Greenfield geht überall hin, wo der Kult der Angeberei, den man so verniedlichend "Luxus" nennt, seine schlechtesten Manieren zeigt: In einen Stripclub in Atlanta, wo Rapper mit Goldzähnen nackte Tänzerinnen mit Dollarnoten bewerfen, die sie dann kriechend vom Boden aufsammeln müssen. Auf den Celebrity-Parcours rund um das Formel-Eins-Rennen in Monaco, wo am Pool Picassos versteigert werden.

Sie begleitet die blonde Hedge-Fond-Managerin Suzanne in New York ins Gym und zu schmerzhaften Schönheitskorrekturen. Oder sie besucht Shows, auf denen vierjährige "Prinzessinen" in lebende Barbies verwandelt werden. Jede dieser Bilderfolgen zeigt eine Welt von Neid, Kampf und Lüge, um leeren Vorgaben von Perfektion zu genügen. Triumph ist hier erkauft mit dem ständig nagenden Zweifel, nicht die oder der Beste, Reichste, Angesagteste zu sein, selbst, wenn man schließlich verloren in riesigen Immobilien im Stil des 18. Jahrhunderts vor einem Bücherregal posiert, in dem Hunderte Bände desselben Buches stehen, das man im Eigenverlag über sich selbst herausgebracht hat. Eigentlich sind all diese Marionetten einer Luxusgüterindustrie von dem Gedanken getrieben, wie jemand anderes zu sein, sei es Kim Kardashian oder Ludwig der XIV. Und dieser Ehrgeiz lässt unterschiedlichste Menschen, sei es die Blondierte mit Prothese im Louis-Vuitton-Print oder der Hip-Hop-Poser vor Bergen mit Dollars, stereotyp, einsam und letztlich unbefriedigt erscheinen.

Natürlich gibt es auch andere, kultivierte Reiche in der Welt. Aber deren Stil definiert nicht die zur Zeit gängige vorherrschende Weltanschauung. Die bestimmt den Wert eines Menschen anhand seines Markenkonsums. Und es ist auch nicht so, dass der Reiz und das Glück, den es bedeutet, hinter ein Schild mit der Aufschrift "Members only" zu kommen, völlig unverständlich wären. So ordinär, geistlos und letztlich immer gleich die Vergnügungen sich darstellen, die Greenfield in bonbonfarbiger Grellheit auflistet - die meisten Stimmen, die vom Dabeisein berichten, sprechen von Glücksgefühlen.

Und das vermittelt sich als kalkuliertes Versprechen über unzählige kommerzielle Kanäle bis in das letzte Jugendzimmer der Welt als ultimative Moral des Erfolgs - und weckt auch den Neid der Eltern. Im Fall einer Busfahrerin - der vielleicht absurdesten Figur, die Greenfield dokumentiert - führte dies dazu, dass sie sich in Brasilien solange operieren ließ, bis sie das gleiche Alter wie ihre Tochter zu haben schien, nur mit gelähmten Gesichtszügen. Jamie Lee Curtis formuliert in einem von Greenfields Filmen einen guten Rat gegen diesen Irrweg: "Du bist schön. Jeder, der etwas anderes behauptet, will dir nur etwas verkaufen."

Ähnlich wie bei Martin Parr zeigt die schonungslose Linse dieser Fotografin, dass dieses ständige Orientieren an Oberflächenreizen und Rankings auf einem extrem reduzierten sozialen Empfinden basiert, dessen Kardinaltugend aus drei Worten besteht: "Ich, ich, ich." Doch dezidiert politischer als der britische Chronist proletarischer Vergnügungskultur zeigt Greenfield auch die globalen Zusammenhänge und katastrophalen Folgen der Gier. Für ihre Reportagen über den Finanzkollaps 2008 reiste sie nach Island, Irland, Dubai und in die amerikanische Provinz, wo sie ebenso verzweifelte Menschen trifft wie Geschädigte, die ihr Glück erst im Ruin wiedergefunden haben.

Um ein komplettes Bild der Bling-Gesellschaft zu zeichnen, befragt Greenfield, die viele ihrer Bilder durch Statements der Porträtierten begleiten und erklären lässt, zudem Psychotherapeuten für depressive Wall Street Manager, nachdenkliche Schönheitschirurgen, ausgestiegene Broker, die jetzt soziale Projekte organisieren, und gefallene Stars. Das Puzzle dieser Geständnisse erzeugt ein Bild erschreckender Armut des Reichtums. Armut an echter Freundschaft, Zufriedenheit, Selbstliebe, Bildung und Vertrauen. Die statistisch größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich in der Welt ist also vielleicht nicht nur ein großes Unrecht, sondern auch eine Chance, materialistische Werte zu überprüfen. Die Frage wäre dann nicht: reich oder arm, sondern reich woran? Was Gott wohl darüber denkt?

Generation Wealth. Deichtorhallen, Hamburg. Bis 23. Juni. Der Katalog kostet 69,95 Euro.

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