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Gene Hackman zum 90.:Obsession und Kontrolle

Gene Hackman

Zweimal gewann der Schauspieler Gene Hackman einen Oscar.

(Foto: DPA)

Der Schauspieler und Oscarpreisträger Gene Hackman wird 90 Jahre alt.

Von Philipp Stadelmaier

In "French Connection/Brennpunkt Brooklyn" von 1971 inszeniert William Friedkin eine der berühmtesten Autojagden der Filmgeschichte. Der Kriminalpolizist Jimmy "Popeye" Doyle verfolgt mit seinem Wagen einen Killer, der in einem Zug der New Yorker Metro sitzt. Popeye brettert wie ein Verrückter durch die Straßen unter der Hochbahntrasse, ohne Rücksicht auf sein Leben oder die anderer Verkehrsteilnehmer. Er schaut nach vorne, nach oben, reißt das Lenkrad rum, rammt ein Auto, beißt sich auf die Lippe, rast weiter. Die großartige Actionszene hat eine psychologische Dimension, enthüllt den obsessiven Charakter des Polizisten. Was nicht zuletzt der Ausdruckskraft des Mannes zu verdanken ist, der ihn spielt: Gene Hackman.

Mit "Brennpunkt Brooklyn" feierte der Schauspieler, der 1930 in Kalifornien geboren wurde, mit einundvierzig Jahren seinen späten Durchbruch. Der Film wurde ein kommerzieller Erfolg und Hackman mit seinem ersten Oscar ausgezeichnet; einen zweiten bekam er später für den Auftritt in Clint Eastwoods "Erbarmungslos".

Ebenso beharrlich und energisch wie Popeye musste auch Hackman bei der Verwirklichung seines Wunsches sein, Schauspieler zu werden. Den hegte er, seit er zehn war, inspiriert von seinem Leinwandidol James Cagney. Doch die Voraussetzungen waren nicht die besten. Seine Jugend war geprägt von einem prügelnden Vater, der die Familie bald verließ. Gene ging von der Schule ab, schloss sich den Marines an. Danach zog er nach New York, studierte Journalismus, ernährte sich von Billigjobs, bis er entschied, zurück nach Kalifornien zu gehen, um Schauspieler zu werden.

2004 beendete er seine Karriere, gedreht hat er seitdem nichts mehr. Heute schreibt er Abenteuerromane

Doch auch an der Schauspielschule schien er seinen Platz noch nicht gefunden zu haben. Seine Noten waren miserabel, und die "wandelnden Surfbretter", wie er seine braun gebrannten Kommilitonen später nannte, tauften ihn den "am wenigsten erfolgversprechenden Studenten". Diese Auszeichnung teilte er sich mit einem anderen Außenseiter in seiner Klasse, einem gewissen Dustin Hoffman. Mit ihm und Robert Duvall bildete Hackman in den Sechzigerjahren in New York eine Wohngemeinschaft, während sie versuchten, am Broadway und im Fernsehen Fuß zu fassen.

Doch in der anbrechenden Ära des New Hollywood übernahmen zunehmend solche Außenseiter das Ruder - vor und hinter der Kamera. In Arthur Penns "Bonnie und Clyde" spielte Hackman den älteren Bruder des berühmten Gangsters Clyde Barrow und erhielt seine erste Oscarnominierung. Und in Francis Ford Coppolas "Der Dialog" verkörperte er einen introvertierten Abhörspezialisten, der durch seine technischen Apparaturen Distanz zur Gesellschaft hält. Auch privat lebte Hackman selbst zu dieser Hochzeit seines Erfolgs eher zurückgezogen, große Hollywoodpartys mied er.

Zwischen Ruhe und immenser Anspannung liegt das Spannungsfeld, das viele seiner Charaktere auszeichnet. "Mississippi Burning" von 1988 ist ein hervorragendes Beispiel dafür, wie kontrolliert Hackman seine Energie einzusetzen in der Lage ist. Als FBI-Agent in den Sechzigerjahren fährt er in die Südstaaten, um ein rassistisches Verbrechen aufzuklären. Er betritt eine Bar, bittet freundlich um ein Bier, aber man sieht ihm schon die Ungeduld an, endlich die Höflichkeit fahren zu lassen - da schnellt die Hand schon zwischen die Beine des weißen Rassisten und packt ihn so lange und zornig an den Eiern, bis der vom Stuhl kippt.

Der Rassenhass in diesem Film kommt einem heute unvermindert aktuell vor, Hackmans cowboyhaftes Durchgreifen erscheint hingegen nicht mehr ganz zeitgemäß. Ebenso ergeht es einem mit seinen Rollen in "Crimson Tide" (1995) und "Behind Enemy Lines" (2001). Hackman spielt darin ältere Soldaten, die sich über das militärische Protokoll hinwegsetzen. Ihre männliche Autorität ist etwas, was Männer im Kino längst nicht mehr verkörpern müssen. Doch die Besessenheit dieser Figuren, die nur ihrem eigenen Willen folgen, erinnert noch immer an "Popeye". In ihr zeigt sich, durch die Zeiten hindurch, der wahre Hackman.

Seine Eigenwilligkeit hat sich Hackman auch beim Abschied aus seinem Beruf bewahrt. 2004 beendete er seine Karriere, gedreht hat er seitdem nichts mehr. Heute lebt er in New Mexico und schreibt Abenteuerromane. In einem Film mitspielen, so hat er gesagt, würde er nur noch, wenn die Dreharbeiten bei ihm zu Hause stattfänden. Am Donnerstag wird Gene Hackman 90 Jahre alt.

© SZ vom 30.01.2020
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