Ausstellung über Gender im Design Auch in vermeintlich neutralem Gebiet wird gegendert

"Es kann nie gut sein, aufgrund seines Geschlechts in eine bestimmte Schublade gesteckt zu werden", sagt Kuratorin Kurz. Was bei Kindern die Unterteilung in rosa und blau ist, zeigt sich für die Erwachsenen in der Trennung im Drogeriemarkt. Aus dem Shampoo für die ganze Familie ist längst das Produkt "extra für den Mann" oder "extra für die Frau" geworden. Verpackung und Formgebung reflektieren das ausschließlich binäre System. Selbst Nivea zog nach. Die Cremedose, die sich an eine männliche Zielgruppe richtet, wurde in einem metallischen Blau eingefärbt. Das Gendern lassen sich die Firmen teuer bezahlen, "Pink Tax" wird der Preisaufschlag genannt, den Frauen für ihre Körperpflegeprodukte mehr zahlen müssen als Männer.

Konsum und Handel Rosa kostet extra
Sexismus-Debatte

Rosa kostet extra

Preis-Schere nicht nur beim Frisör: Bei Dienstleistungen und Produkten bezahlen Männer und Frauen einer Studie zufolge sehr oft verschiedene Preise - und meistens die Frauen mehr.   Von Roland Preuß

Auch in vermeintlich neutralem Gebiet wird gegendert. Die Piktogramme, die Otl Aicher für die Olympischen Spiele 1972 entwarf, gelten gemeinhin als Goldstandard für eine zeitlose und vor allem klar verständliche Orientierung. Bei den meisten Symbolen stimmt das bis heute. Doch was bitte bedeutet der entblößte Frauentorso mit den kugelrunden Brüsten? Das war das offizielle Zeichen für den Sexshop.

Eine Bank zum Stillen für Mutter und Kind? Bislang noch ein Prototyp

Auch die kanadische Architektin und Designerin Olivia Daigneault Deschênes untersuchte für ihre Arbeit "Show me how you eat, I will tell you who you are", die im Rahmen eines dreimonatigen Designer-in-Residence-Programms an der HfG entstand, vermeintlich neutrales Gebiet: Essen. Wer isst wie? Wer kocht wann? Wer nimmt sich welchen Platz am Tisch? Die Designerin macht in ihren Entwürfen schnell klar, wie stark auch dieses Verhalten von sozialen Erwartungen aufgeladen ist. Das von ihr entworfene Besteck für die Frau wirkt wie Puppenutensilien, es zwingt die Benutzerinnen dazu, möglichst damenhaft, sprich in Miniaturbewegungen, zu essen. Das männliche Besteck fordert dagegen dazu auf, es mit raumgreifenden Gesten zu benutzen. Daigneault Deschênes hatte auch keine Scheu, sich für ihre Arbeit den Ulmer Hocker, eine Design-Ikone von Max Bill, vorzunehmen. Ist die minimalistische Holzkonstruktion nicht Inbegriff neutralen Designs? "Die Benutzer sind aber nicht neutral. Sitzen ist Akt der Identität. Jeder hat eine Agenda." Daigneault Deschênes hat "personalisierte" Versionen des Hockers geschaffen, der eine kippt, was beim Sitzen ein gewisses Balancegefühl erfordert, der andere zwingt dazu, die Beine möglichst eng beieinander zu halten, was eine Antwort auf "Manspreading" sein dürfte.

Die Stärke dieser Ausstellung ist ihre Offenheit. "Nicht mein Ding" will nichts proklamieren, sondern eher zum Gespräch auffordern. Indem die Ausstellung über den Alltag einen Art Filter laufen lässt, macht sie die Trennung zwischen den Geschlechtern sichtbar. Und allein dadurch wird klar, wie viel gewonnen würde, wenn das Thema Gender im Design endlich mehr Aufmerksamkeit bekommt: Wer sich in einem Entwurf mit seinen Bedürfnissen wiederfindet, wird sich wohl akzeptiert, wertgeschätzt fühlen. Wie die Mutter, die das Glück hat, auf eine "Heer Bench" zu stoßen. Es ist eine Bank zum Stillen, die den Frauen und ihren Kindern einen angenehmen Rückzugsort bietet und gleichzeitig die Möglichkeit, am Leben im öffentlichen Raum teilzunehmen. Bislang ist die Bank nur ein Prototyp. Zeit, dass sich das ändert.

Nicht mein Ding - Gender im Design, HfG-Archiv, Museum Ulm. Bis 19. Mai. Infos unter www.hfg-archiv.museumulm.de

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