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Geisteswissenschaften:Von Heidegger zum Seelenfrieden

Philosoph Ernst Tugendhat

Der Philosoph Ernst Tugendhat, hier mit seiner alten Schreibmaschine auf einem Foto, das 2005 in Tübingen entstand.

(Foto: dpa)

Der Philosoph Ernst Tugendhat wird neunzig Jahre alt. Ein Blick auf sein Lebenswerk.

Die Frage, weshalb er sich der Philosophie widme, beantwortete Ernst Tugendhat in einem Interview einst so: "Man möchte sich nicht am Ende seines Lebens sagen müssen, man habe nur geträumt, man habe in einer Wolke gelebt. Wir wollen nicht in Wolken leben." Diese Abneigung in Wolken zu leben, das unbedingte Streben nach intellektueller Redlichkeit, liegt, so zeigt sich im Rückblick, Ernst Tugendhats gesamtem Lebenswerk zugrunde.

Der am 8. März 1930 in Brünn geborene Tugendhat musste aufgrund seiner jüdischen Herkunft bereits im Kindesalter mit seinen Eltern emigrieren, zuerst in die Schweiz, dann nach Venezuela. Dort, fernab vom Untergang der alteuropäischen Welt, stieß er als Jugendlicher auf Heideggers "Sein und Zeit". In dessen Lektüre, so hat er es später selbst umschrieben, ging er ganz und gar auf.

1949 kehrte Tugendhat in das Land der Täter zurück, um zunächst in Freiburg unter anderem bei Heidegger selbst zu studieren. Die Dissertation mit dem griechischen Titel TI KATA TINOS von 1958 ist thematisch und stilistisch den Manierismen Heideggers noch deutlich verpflichtet. Doch die Interpretation der Grundbegriffe der aristotelischen Ontologie als Ausdruck der Einsicht in die Subjekt-Prädikat-Struktur der menschlichen Sprache weist bereits auf Tugendhats späteren, ganz eigenständigen philosophischen Ansatz voraus.

Mit der 1967 in Tübingen vorgelegten Habilitationsschrift "Der Wahrheitsbegriff bei Husserl und Heidegger" befreit sich Tugendhat endgültig aus dem intellektuellen Banne Heideggers. Zwar könne Wahrheit niemals unwiderruflicher Besitz sein, Husserls "Absolutismus der Letztbegründung" sei unhaltbar. Aber ohne steten Bezug auf die Wahrheitsfrage sei ein verantwortungsvolles Leben nicht zu denken. Heideggers spätes Ethos der Gelassenheit deutet Tugendhat als Konsequenz eines verstümmelten Wahrheitsbegriffs.

Mitte der Sechziger geht Tugendhat für ein Jahr nach Ann Arbor in die USA. Dort macht ihn William Alston, der später die analytische Religionsphilosophie mitbegründen wird, mit der Sprachphilosophie vertraut. Für Tugendhats weiteren intellektuellen Werdegang war dies geradezu ein Erweckungserlebnis. Mit Hilfe der sprachanalytischen Philosophie sollen sich nunmehr die vermeintlichen Tiefsinnigkeiten der traditionellen Philosophie entlarven lassen. So tritt in Tugendhats 1976 veröffentlichten Vorlesungen zur Einführung in die sprachanalytische Philosophie an die Stelle der ontologischen Frage nach Sein und Nichtsein die semantische Frage, was es heißt, einen Satz zu verstehen.

Tugendhat widmete diese Vorlesungen Heidegger. Das war keine versteckte Bösartigkeit. Stets hat Ernst Tugendhat darum gerungen, den sachlichen Kern von Heideggers Philosophie festzuhalten. Bestand hatte in seinen Augen schließlich allein folgender Gedanke: Wer wir sind, verstehen wir nicht, indem wir in ein inneres Selbst blicken, sondern allein, wenn uns klar wird, worum wir uns sorgen.

Man treffe in der Philosophie selten auf Texte, die "weder verstiegen noch langweilig" seien - seine sind eine Ausnahme

In den Achtzigerjahren wandte sich Tugendhat der praktischen Philosophie zu. Die von ihm formulierte Moral der universellen Achtung steht auf den ersten Blick sowohl Immanuel Kant als auch der zeitgenössischen Diskursethik nahe. Doch hinsichtlich der Frage der Begründung moralischer Normen werden Unterschiede sichtbar: Moral lässt sich für Tugendhat nicht im Rückgang auf unterstellte Vernunftnormen begründen. Am Grunde aller praktischen Überlegungen stoßen wir stets auf die Frage: Wer will ich sein? So verknüpft Tugendhat auf dem Gebiet der Moralphilosophie Motive des Existenzialismus mit dem Erbe Kants.

Zuletzt überraschte Tugendhat seine Leser mit einer unerwarteten Wendung. In seinem Buch "Egozentrizität und Mystik" von 2003 entwickelt er ein höchst persönliches Plädoyer für eine als Überwindung der menschlichen Egozentrizität verstandene Mystik. "Menschen haben ein Bedürfnis nach Seelenfrieden", so lautet ein Kernsatz des Buches. Um ihres Seelenfriedens willen können sie davon Abstand nehmen, sich auf die Bühne zu stellen. Dabei grenzt Tugendhat eine derartige "Mystik ohne Subjektivität" (Dieter Henrich) scharf von der Religion ab, der er intellektuelle Unredlichkeit vorwirft.

1992, anlässlich seiner Emeritierung an der Freien Universität Berlin, verließ Ernst Tugendhat Deutschland wieder in Richtung Lateinamerika. In seiner Abschiedsvorlesung bemerkte er wehmütig, man stoße in der Philosophie nur selten auf Texte, die "weder verstiegen noch langweilig" seien. Immerhin aber widerlegen Tugendhats Schriften selbst diese Diagnose auf das Trefflichste.

Wehmütig stimmt allein, dass sich der mittlerweile wieder in Freiburg lebende Tugendhat aus der Öffentlichkeit gänzlich zurückgezogen hat. So lässt sich auch die Frage nicht zuverlässig beantworten, ob er weiterhin auf seiner alten Schreibmaschine auf durchnummerierten DIN A5-Blättern seine philosophischen Überlegungen festhält. Wir wünschen es ihm und uns.

© SZ vom 06.03.2020
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