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Geisteswissenschaften:Kraft, Zeit, Licht

Juliane Vogel, Professorin für Neuere Deutsche Literatur und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Uni Konstanz. Gottfried Wilhelm Leibniz Preisträgerin 2020

Juliane Vogel ist Professorin für Neuere Deutsche Literatur und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz. Im März empfängt sie den Leibniz-Preis 2020 der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

(Foto: Universität Konstanz)

Die Sonne bestimmte einst den Ablauf eines Dramas - und die Athener gingen morgens ins Theater, nicht abends. In einem Vortrag in München erklärt die Germanistin Juliane Vogel, wie die Sonne später zu einem Krisenzeichen der Moderne wurde.

Von Nicolas Freund

Die Athener gingen nicht abends, sondern morgens ins Theater. Einheit des Dramas wie des Theaterbesuchs war der Lauf der Sonne, die nicht nur dem Tag, sondern auch der Aufführung einen Anfang und ein Ende gab. Die von Aristoteles in seiner "Poetik" geforderte Einheit von Ort und Handlung orientiert sich ebenfalls an der Sonne. Natürliche, soziale und dramatische Sphäre vermischen sich im antiken Theaterbesuch. Und einen ganz praktischen Grund hat die Praxis der Aufführung bei Tageslicht auch noch: Man sieht, wer auf die Bühne kommt und was dort mit ihm oder ihr geschieht.

Der Auftritt wie auch die Sonne sind für das Drama seit der Antike konstitutiv, aber beide spielen im Nachdenken über das Theater meist eine untergeordnete Rolle. Juliane Vogel, Literaturwissenschaftlerin an der Universität Konstanz, hat in ihrem Buch "Aus dem Grund" gezeigt, wie das menschliche Begehren, in Erscheinung zu treten, im Drama als Grundeinheit des nach verschiedenen gesellschaftlichen und höfischen Konventionen durchprotokollierten Auftritts verhandelt wird, der das Subjekt aber meist in ein dramatisches Handlungsgeschehen verstrickt, das schließlich zu seinem Untergang führt. In der Carl-Friedrich-von-Siemens-Stiftung in München sprach Vogel nun über die Rolle der Sonne im Drama von der Antike bis in die Moderne, also über eine der Bedingungen, die den Auftritt und andere Dramenkonventionen überhaupt erst möglich und denkbar machen.

Der Sonnenlauf sorgt, nach Aristoteles, mit seiner Komprimierung der Handlung auf einen Tag für die nötige "Wahrscheinlichkeit" des Dargestellten, er rationalisiert und linearisiert auch die dramatische Handlung. Das Drama fügt sich so in natürliche Begebenheiten, und die Sonne geht zugleich in die dramatische Struktur ein. Die Sonne ist typischerweise gekennzeichnet als Spender von Kraft, Zeit und Licht.

Aber bald schon, so Vogel, vermischte sich der natürliche Tag als objektives, dem menschlichen Handeln entzogenes Zeitmaß mit dem künstlichen Tag, mit dem Zeitraum, in dem in der antiken Polis die Geschäfte des Tages betrieben wurden. Dieser Zeitraum fiel nicht mit dem natürlichen Tag zusammen, und schon in der Antike deutet sich laut Vogel ein Konflikt an, der in den kommenden Jahrhunderten verschiedene Formen annehmen sollte.

In der frühen Neuzeit schon scheint die Verlässlichkeit des natürlichen Laufs der Zeit nicht mehr uneingeschränkt gewährleistet, ja gewünscht zu sein. Der Dramatiker Pierre Corneille soll nur Spott übrig gehabt haben für jene Theaterautoren, die in ihren Stücken ständig auf den Stand der Sonne hinwiesen. Die kopernikanische Wende, die Ablösung des geozentrischen durch das heliozentrische Weltbild, bekam im Theater dieser Zeit eine politische Dimension. Wie die Sonne in das Zentrum der Weltvorstellungen rückte, so stand im Zentrum des Dramas der mit dem Zentralgestirn assoziierte Fürst. Auch die frühe Oper knüpfte an diese nun höfischen solaren Mächte an, und noch in Goethes "Faust 2" geht zu Beginn eine Sonne auf, die keine Zeitfunktion mehr erfüllt, sondern das Tragische des ersten Teils auslöschen soll.

"Wo die Sonne nicht hinkommt", heißt es bei Gerhart Hauptmann,, "kommt der Arzt hin."

Ihren Schwerpunkt legt Vogel dann auf das Drama der Moderne und des Naturalismus im ausgehenden 19. Jahrhundert. Ihre Beispiele sind Henrik Ibsens "Gespenster" und Gerhart Hauptmanns "Vor Sonnenaufgang". Die Sonne ist meist abwesend, aber gerade in dieser Absenz und in der durch sie nachwirkenden Dramentradition wichtig. Kraft, Zeit und Licht der Sonne sind nicht mehr selbstverständlich. Sie ist kein Herrschaftssymbol mehr und strahlt wirkungslos in die Kälte des Weltraums. Sie ist eine Sonne, die erst nach der Entdeckung des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik möglich geworden ist. Sie ist unzuverlässig und wird durch diffuse Aufhellungsversuche ersetzt. In der auf ihren Vortrag folgenden Diskussion weist Vogel darauf hin, dass sich bei Ibsen eine ganze Poetik der Lampe finden lasse. Über diese würde man gerne bei anderer Gelegenheit mehr erfahren.

Juliane Vogel liest die Wintersonne bei Ibsen als Abrechnung mit den höfischen Darstellungen der Aufklärung. Bei Hauptmann weist sie auf die fotografischen Qualitäten des Sonnenlichts hin, das die karge Landschaft des Kohlereviers, in dem das Stück spielt, unabhängig von den dramatischen Verstrickungen, fast dokumentarisch offenlegt. Das Stück erzählt vom Niedergang einer Familie an Alkohol und Verrohung. Der Sonnenaufgang, der hier nicht am Anfang des Stücks steht, bringt nur noch die Reste der Nacht hervor. Die Sonne ist zu einem Erlösungssymbol geworden für das ersehnte Ende des dargestellten Elends, das aber nicht kommen mag. Sie zitiert Hauptmann: "Wo die Sonne nicht hinkommt, kommt der Arzt hin."

Die Krise der Sonne in der Moderne versteht Vogel auch als eine Krise des Endens - und implizit natürlich des Menschen in einer solchen Welt, in der die Sonne weder Kraft noch Ordnung spendet. Sie schließt mit der futuristischen russischen Oper "Sieg über die Sonne", in der es heißt: "Die Welt wird vergehen, doch wir sind ohne Ende!" Die Sonne wird in einen Betonbunker gesperrt, die Menschen verfügen nun über alles Bestehende. Damit soll die solare Tyrannei beendet sein.

© SZ vom 30.01.2020

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