Geisteswissenschaften Jeder Dichter ist ein Kritiker, jeder Kritiker ein Dichter

Er war ein Universalgelehrter, aber mit der Zurückhaltung eines diskreten Bürgers: Jean Starobinski wurde 98 Jahre alt - dieses Bild entstand im Jahr 1989 in Paris.

(Foto: Ulf Andersen/Getty Images)

Von der Aufklärung zur Melancholie: Der große Ideenhistoriker Jean Starobinski ist 98-jährig gestorben.

Von Joseph Hanimann

Die Bezeichnung Literaturwissenschaftler wäre zu trocken. Literaturkritiker klingt zu bescheiden, ausgebildeter Arzt zu eng, Kulturhistoriker zu akademisch. Man könnte ihn einfach einen Schriftsteller nennen, der aus den Texten, Denksystemen, Obsessionen und Bildwelten anderer den Gegenstand seiner Arbeit gemacht hat. So durchschritt der Literaturprofessor, Arzt und Psychiater Jean Starobinski mehr als ein halbes Jahrhundert literaturkritischer und philosophischer Reflexion im gemessenen Abstand zu den einander abwechselnden strukturalistischen, soziologischen, psychoanalytischen Denkschulen.

Die Stadt Genf, in der er 1920 geboren wurde, kam ihm als Anregungsort früh zugute. Die Genfer Schule der Literaturkritik um Marcel Raymond (in den Vierzigerjahren arbeitete Starobinski als sein Assistent) war vor allem eine des leidenschaftlich genauen Textlesens, nicht der verallgemeinernden Theorie. Dass sich bei ihm hinter den großen Studien über Rousseau, Montaigne, Saussure, Baudelaire nachträglich doch ein weit gespannter Zusammenhang ergab, offenbart die außerordentliche Gelehrsamkeit dieses kritischen Geists. In jedem Dichter setzte er die Spur eines Kritikers, in jedem Kritiker das Gespür eines Dichters voraus. Der thematische Bogen seines Lebenswerks spannt sich vom philosophischen Spiel der Wahrheit hinter den Masken der Aufklärung bis zur Melancholie der romantischen Künstler, bei denen jenes Spiel sich kontemplativ eintrübte.

Den Ausgangspunkt seines analytischen Projekts hat Starobinski in seinem großen Rousseau-Buch 1957 früh ausgearbeitet. "Rousseau - Eine Welt von Widerständen" ist ein nicht mehr wegzudenkendes Standardwerk. Es legt über den Fall Rousseau hinaus im Detail dar, wie die zur Transparenz neigende Wahrheitsobsession sich immer neu in die Facetten realer Undurchdringlichkeit verwickelt. Den anderen Kern von Starobinskis Forschungsprojekt hingegen, das Thema der Melancholie, muss man aus den zahlreichen Einzelstudien zu Baudelaire, Nerval, Pierre Jean Jouve und anderen erschließen. Der Gelehrte konnte oder wollte das reichhaltige Material zu diesem Thema nie zu einem abschließenden Buch nach dem Vorbild von Klibanskys, Panofskys und Saxls "Saturn und Melancholie" zusammenführen.

Rousseau, Montaigne, Saussure, Baudelaire machten sein Lebenswerk aus - und noch viel dazwischen

Es sind aber weitere bedeutsame Werke entstanden. Im Buch "Montaigne. Denken und Existenz" (1982) hat der sonst besonders im 18. und 19. Jahrhundert ausgewiesene Forscher eine Figur aus der frühen Neuzeit in ihrer Denkbewegung analysiert: einer Bewegung zwischen theologischem Dogmenbruch und einer noch nicht am Halfter des Fortschritts zerrenden Vernunft. Jean Starobinski war stets ein vorzüglicher Kenner, nie aber ein Spezialist seines jeweiligen Themas. Er verstand seine Gegenstände mit dem schweifenden Auge des Dilettanten anzugehen und wusste sein präzises Fachwissen gut zu verbergen.

So beschrieb er den Moralisten La Rochefoucauld aus dem Blickwinkel der Hermeneutik, den Romancier Stendhal aus der Kulturgeschichte des vereinzelten Subjekts, die französischen Frühromantiker Sénancourt und Nodier aus der Pathologiegeschichte des Wahns. Auch die Bildemphase der Maler Jacques Louis David oder Johann Heinrich Füssli, die geometrischen Utopien der Architekten Ledoux und Boullé, die verrauschenden Festklänge Venedigs im 18. Jahrhundert oder den heiteren Nachtspuk in Mozarts Opern verstand Jean Starobinski in einen kohärenten Deutungshorizont zu stellen: den einer vor 1789 noch offen und bunt wetterleuchtenden Vernunft, wie das Buch "Die Erfindung der Freiheit" zeigt.

Der polnische Emigrantensohn, dessen Vater, auch er ein Arzt, 1942 in Genf den Totenschein für Robert Musil ausstellte, war ein Homme de Lettres im Sinn der Aufklärung, jedoch mit der Zurückhaltung des Bürgers. Zugleich war er ein ungezwungener Zeitgenosse der Künstler und Schriftsteller seiner Epoche. In jungen Jahren verkehrte er mit Alberto Giacometti und Balthus, pflegte dann Umgang mit den Dichtern Pierre Jean Jouve, Philippe Jaccottet, Yves Bonnefoy, stritt mit dem sozialkritischen Literaturtheoretiker Lucien Goldmann über politische Literaturinterpretation. Weder zu Zeiten des intellektuellen Engagements, noch in der folgenden Wende zum Desengagement war er jedoch ein Wortführer. Er blieb im Hintergrund, vernehmbar für jene, die sein immenses Wissen suchten. Mit dieser Diskretion ist er nun am 4. März in Morges am Genfersee im Alter von 98 Jahren gestorben und bereits im engen Kreis der Vertrauten beigesetzt worden.