Geisteswissenschaften Eine irrsinnige Arbeit

Der Philosoph Friedrich Nietzsche verlangte geduldige Leser. Dazu passt, dass neue Ausgaben seiner Werke ins Stocken geraten sind. Unterdessen beschäftigt den Kulturwissenschaftler Philipp Felsch, wie die maßgebliche Edition einst zustande kam.

Von Johan Schloemann

"Meine geduldigen Freunde, dies Buch wünscht sich nur vollkommene Leser und Philologen: lernt mich gut lesen! -"

Mit dieser Aufforderung beschloss der Philosoph Friedrich Nietzsche im Herbst 1886 die nachträgliche "Vorrede" zu seiner "Morgenröthe", einem aphoristischen Angriff unter anderem auf die christliche Moral. Und eben dieses "Lernt mich gut lesen" war im Jahr 2014 auch das Motto eines Ankündigungs-Bandes für eine neue, aufwendige Nietzsche-Faksimile-Ausgabe, die im Göttinger Steidl Verlag erscheinen soll, und zwar in der aparten Edition "L.S.D." des Modemachers Karl Lagerfeld. Es soll um nicht weniger gehen als darum, Nietzsche als philosophischen Schriftsteller wiederherzustellen. Sein Schaffensprozess, sein Autor-Wille zur Macht seiner zu Lebzeiten publizierten Schriften soll sichtbarer und spürbarer gemacht werden, und dies soll der Rettung vor allzu viel Nietzsche-Philologie und spekulativer Beschäftigung mit Nachlass-Fragmenten dienen.

Diese Ankündigung ist nun aber eben vier Jahre her. Wie geht es also heute der Göttinger Nietzsche-Ausgabe? Der handwerklich anspruchsvolle Star-Verleger Gerhard Steidl sagt auf Anfrage der SZ, er rechne nunmehr mit einer Erstpublikation im Jahr 2020. Es sei einfach "eine irrsinnige Arbeit". Denn die originalen Buchmanuskripte von Nietzsches "letzter Hand" würden aus dem Weimarer Nietzsche-Archiv so getreu wie möglich nachgebildet, bis hin zu den exakten Papierqualitäten und -formaten, die der Philosoph verwendete, bis er im Januar 1889 seinen Zusammenbruch erlitt und 1900 starb. Die Ausgabe werde wahrhaft "Nietzsches Nietzsche" zeigen, verspricht Gerhard Steidl, in die Handschrift des Philosophen habe man sich ja schnell eingelesen. Das "Weitergeben dieser Augenweide", das dem Verleger am Herzen liegt, werde allerdings "leider auch sehr teuer". Geplant ist eine Holzschatulle in einer Auflage von 1000 Exemplaren.

Auch die ebenfalls vor vier Jahren begonnene neue "Basler Ausgabe letzter Hand" der Werke Nietzsches im Frankfurter Verlag Stroemfeld macht sich nicht "der Hast, der unanständigen und schwitzenden Eilfertigkeit" (Nietzsche über die Lesegewohnheiten seiner Zeit) schuldig. Sie wird von Ludger Lütkehaus und David Marc Hoffmann veranstaltet. Auch dort soll ausschließlich erscheinen, was Nietzsche selber noch als Buchpublikation erlebte, allerdings in der Form des Faksimiles der gedruckten Werke, nicht der Handschriften. Bisher gibt es allerdings nur "Also sprach Zarathustra" in dieser Ausgabe. Stroemfeld-Verleger Karl Dietrich "KD" Wolff, der sich in den Siebzigerjahren von der Wortführerschaft in der Studentenbewegung dem historischen Materialismus der Editionsphilologie zuwandte, sagt, der nächste Band werde "wahrscheinlich im Herbst 2018" kommen: "Wir müssen erst noch Geld für diesen Band auftreiben."

Bis all das so weit ist, kann man allerdings Nietzsche auch in der weiterhin maßgeblichen Kritischen Gesamtausgabe der Werke und Briefe (KGW/KGB) sowie in der daraus erstellten Kritischen Studienausgabe (KSA) lesen, die die Italiener Giorgio Colli und Mazzino Montinari von den Sechziger- bis Achtzigerjahren erarbeiteten. Oder in der sechsbändigen Studienausgabe im Meiner Verlag, oder in Einzelausgaben bei Reclam, Insel oder Kröner.

Was aber bezwecken dann überhaupt die neuen Ausgaben? Ihr Ziel sei, so erklärt es der Berliner Kulturwissenschaftler Philipp Felsch zuspitzend, "das Erbe der sogenannten Postmoderne abzutragen". Das sagte Felsch - Autor des viel beachteten und sogar verfilmten Buches "Der lange Sommer der Theorie" - neulich bei der Vorstellung seines neuen Projektes in einem Vortrag in Frankfurt am Main: Felsch will die Geschichte der Colli/Montinari-Ausgabe noch einmal gründlich aufrollen. Wie kam es dazu, dass ausgerechnet zwei italienische Antifaschisten die maßgeblichen Nietzsche-Herausgeber wurden? Und wie war das, als Mazzino Montinari im Weimar der DDR, die Nietzsche lange im Giftschrank verbarg, bei seiner philologischen Arbeit von der Stasi überwacht wurde?

Philipp Felsch plant da weniger einen Beitrag zur Nietzsche-Forschung im engeren Sinn als einen zur Ideengeschichte der vergangenen Jahrzehnte. Die These vom Wunsch nach dem Abschied vom postmodernen Nietzsche bezieht sich auf die Dominanz der umstrittenen Nachlass-Fragmente in der Nietzsche-Interpretation und in der Ausgabe von Colli und Montinari. Wegen ihrer peniblen Edition des Nachlasses - die allerdings selbst die Reaktion auf frühere Manipulationen war - treffe die beiden Italiener gleichsam "eine schwere Mitschuld am Tod des Autors", sagte Felsch mit einem Schuss Ironie in Frankfurt. Alle "geduldigen Freunde" Nietzsches sehen nun seiner Studie mit Interesse entgegen.