Geistesgeschichte:Wie's den Wissenden erbaut

Lesezeit: 4 min

Für Kenner, aber auch für Novizen interessant: "Die Verwandlung der Welt", die große Goethe-Ausstellung in der Bundeskunsthalle in Bonn.

Von Alexander Menden

Wer glaubt, Fan-Fiction sei ein neues Phänomen, sollte sich in der Bonner Ausstellung "Goethe - Verwandlung der Welt" zunächst die Werther-Abteilung ansehen. Der berühmte Briefroman von 1774, der Johann Wolfgang Goethe zum literarischen Superstar machte, brachte eine Flut von "Wertheriaden" hervor. Inoffizielle Fortschreibungen der Dreiecksgeschichte ersetzen beispielsweise den Freitod der Titelfigur durch ein Happy End.

Ein besonders populäres Motiv war der Besuch Lottes an Werthers Grab. Die Schau in der Bundeskunsthalle versammelt Illustrationen dieser Szene, von denen die des englischen Künstlers John Raphael Smith eine der am weitesten verbreiteten war. Nicht nur Smith' kolorierter Stich von "Charlotte at the Tomb of Werther" ist ausgestellt, sondern auch eine auf ihm basierende, schwarz-weiße Brosche. Man kann sich vorstellen, wie Bürgerstöchter mittels solcher Schmuckstücke dem spätempfindsamen Äquivalent jener Leidenschaft Ausdruck verliehen, die "Harry Potter"-Fans unserer Tage durch Gryffindor-T-Shirts zur Schau tragen.

Tatsächlich könnte man allein dem Merchandise, das Goethe inspirierte - Meißner Werther-Porzellan, Mignon-Postkarten, Goethe-Büsten - spielend eine eigene Ausstellung widmen. Das gilt aber auch für jeden anderen Aspekt der Bonner Ausstellung. Goethe als Naturwissenschaftler, als Gefühlsorientalist, als Klassiker oder Italienschwärmer: Hinter der notwendig material- und detailreichen Betrachtung steckt die Kompetenz der Stiftung Weimarer Klassik, des Freien Deutschen Hochstifts in Frankfurt, des Düsseldorfer Goethe-Museums und der Casa die Goethe in Rom. Mit rund 250 Ausstellungsstücken ist es das erste derart ambitionierte Projekt seit "Goethe und die Kunst" in der Frankfurter Schirn vor 25 Jahren. Und es muss vieles leisten: eine Einführung in den biografischen und historischen Kontext am Umbruch vom 18. zum 19. Jahrhundert, der Goethe prägte, dann die Auseinandersetzung mit zwei Jahrhunderten wechselnder Wahrnehmung Goethes als Mensch und Monument - sowie Rezeptions-, Interpretations-, und Aneignungsgeschichte seines Werks bis heute.

Angefangen bei der Kindheit in Frankfurt betrachten die einzelnen Stationen, in keilförmigen Sälen im Halbkreis um eine Zentralrotunde angelegt, große Themenkomplexe wie den Stürmer und Dränger, den Staatsmann, Reisenden, den Schiller-Freund und Napoleon-Verehrer, den Goethe der Farbenlehre, den Dramatiker und Sammler. Die Kuratoren versuchen, dieser Fülle durch beherztes Herausgreifen repräsentativer Details (man könnte auch sagen: durch informierten Mut zur Lücke) Herr zu werden. Das funktioniert weitgehend gut - nicht zuletzt deshalb, weil die "Verwandlung der Welt" mit wahrhaft spektakulären Exponaten aufwarten kann.

Es beginnt mit einer Zusammenstellung der fünf berühmtesten Goethe-Porträts, darunter jene von George Dawe (1821) und Georg Melchior Kraus (1776), und setzt sich fort mit der Pistole, mit der Karl Wilhelm Jerusalem, das Vorbild für Werther, sich 1772 erschoss. Hier ist das Reisedokument, mit dem Goethe 1787 unter dem Pseudonym "Milleroff" zu seiner Italien-Reise aufbrach, dort die Reinschrift des Gedichts "Ginkgo biloba" von 1815 mit ins Blatt gepressten Ginkgo-Blättern, dem Weimarer Juweliere bis heute einen schwunghaften Handel mit Ginkgo-Schmuck verdanken. All das wird besonders jenen Besuchern wohlige Schauer biografischer Authentizität über den Rücken jagen, die mit einer gewissen Vorbildung in die Bundeskunsthalle kommen.

Es bleibt allerdings nicht aus, dass man sich an der einen oder anderen Stelle eine etwas andere Gewichtung gewünscht hätte. Während der "Faust" erfreulicherweise einen eigenen Saal mit Bühnenbildmodellen und Filmausschnitten diverser Inszenierungen bekommt, verhandelt die Schau die Weimarer Klassik in einer Abteilung mit der Französischen Revolution. Das ist zwar inhaltlich gut begründbar, denn während Schiller sich von 1793 an allmählich vom einsetzenden Terreur distanzierte, war Goethes Idealisierung der griechischen Antike von Beginn an ein humaner Gegenentwurf zu den Exzessen des gewalttätigen Umsturzes. Aber durch die Betonung des Politischen geraten die Nuancen des persönlichen Verhältnisses zwischen den beiden Dichtern etwas in den Hintergrund - auch wenn Goethes Antwortschreiben auf Schillers Einladung zur Mitarbeit an den Horen natürlich eine weitere Besonderheit darstellt.

Als faszinierend sticht in diesem gedrängten Feld ein kleiner Exkurs über die Genese des Weimarer Goethe-und-Schiller-Denkmals hervor, für das Christian Daniel Rauch die beiden in römische Togen kleiden wollte. Als dies abgelehnt wurde, gab er den Auftrag an Ernst Rietschel weiter, der sich für zeitgenössische Kleidung entschied. Goethes lebenslange Napoleon-Verehrung wird ebenso diskutiert wie der propagandistische Missbrauch der Klassiker durch die Nazis.

Wie selektive Aneignung funktioniert, ist sehr schön im Bereich über den "Dialog mit dem Orient" nachvollziehbar. Hier sind nicht nur Goethes "Arabische Schreibübungen" - letztlich abgemalte Schriftzeichen, deren Bedeutung er nicht kannte - zu sehen, sondern auch der Schlagabtausch zwischen dem damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff und dem Publizisten Thilo Sarrazin 2010/2011 über die Rolle des Islams in Deutschland. Man nutzte damals zur Untermauerung seiner Sichtweise Zitate aus dem "West-östlichen Divan". "Noch nie in seiner wechselvollen Rezeptionsgeschichte" sei diese Gedichtsammlung von 1819 so sehr an die Funktion eines "heilgen Textes" herangerückt, so die Literaturwissenschaftlerin Andrea Polaschegg in ihrem erhellenden Katalogbeitrag: "eine wortwörtliche Quelle dogmatischer Wahrheit, dargeboten in Einzelversen ohne historischen Kontext und ohne jede literarische Dignität". Die Debatte zeigte zugleich, welche Bezugsgröße Goethe im bildungsbürgerlichen Kontext noch immer darstellt.

Optisch gibt die Farbenlehre am meisten her - und hat viel Platz. Dass Goethe mit seinen Versuchen, Isaac Newtons "naturferne" Analysen zu Lichtbrechung und Spektralfarben zu widerlegen, scheiterte, wird nicht verschwiegen. Und dass eine Ausstellung auf visuelle Elemente wie die "Farbkreise" setzt, um abwechslungsreich und keine reine Textschau zu bleiben, ist auch völlig nachvollziehbar. Zumal die Rezeptionsgeschichte dem Ganzen nicht als Coda angehängt, sondern in jedem Raum mitpräsentiert ist. Welcher Kurator würde sich die Gelegenheit entgehen lassen, Goethes nachweisbaren Einfluss auf William Turner, das Frühwerk Piet Mondrians oder den Bauhäusler Johannes Itten mit Originalen zu illustrieren?

"Die Verwandlung der Welt", und das ist eine große Stärke, wird also sowohl Goethe-Kennern als auch interessierten Goethe-Novizen gerecht, indem sie die Balance zwischen breitem Überblick und tieferer Analyse hält und so eine ebenso solide wie inspirierte Einführung in den Goethe-Kosmos leistet. Eine gelungene Schau, die den Dichterfürsten nicht auf ein Podest stellt, sondern sich dessen eigene Beobachtung über Denkmäler zu eigen macht: "Das beste Monument des Menschen aber ist der Mensch."

Goethe. Die Verwandlung der Welt. Bundeskunsthalle, Bonn. Bis 15. September. Info: bundeskunsthalle.de, Katalog 34 Euro.

© SZ vom 08.06.2019 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite
Jetzt entdecken

Gutscheine: