Geistesgeschichte Die kommende Gefahr

Patrick Eiden-Offe fragt, wie die Vorstellung vom Proletariat entstand und die Wirklichkeit prägte.

Von Thomas Steinfeld

Als Friedrich Engels und Karl Marx das "Manifest der Kommunistischen Partei" schrieben, in den ersten Wochen des Jahres 1848, war die Arbeiterklasse, der darin die Zukunft der Menschheit überantwortet wurde, kaum mehr als ein Phantom. In einigen englischen Städten waren zwar Fabriken entstanden, in denen hauptsächlich ungelernte Menschen in beträchtlicher Zahl arbeiteten, unter grausamen Bedingungen. Auch in Paris gab es einige solcher Produktionsstätten. Darüber hinaus aber, und gar in den deutschen Staaten, bestand, was eine Industrie erst noch werden sollte, vor allem aus Handwerksbetrieben größeren Umfangs und Manufakturen. Dennoch gab es die Vorstellung einer "Arbeiterklasse", und beide Teile dieses Worts sind bemerkenswert: Der Arbeiter, weil darin schon eine Idee von abstrakter Arbeit (und deren Veräußerung gegen Lohn) steckt, und die Klasse, weil das Wort aus der Naturkunde und der Grammatik rückgeholt werden musste, um in der Theorie der Gesellschaft verwendet zu werden.

Es geht um ein "Imaginäres", das der Wirklichkeit um Jahre voraus war, ohne fiktiv zu sein

Wie diese Vorstellung entstand, und wie die Arbeiterklasse zu einer sozialen Realität wurde, nicht nur begleitet von dieser Vorstellung, sondern vermittelt und gestaltet durch die Vorstellung -, diese Entwicklungen sind Gegenstand einer Studie des Berliner Germanisten Patrick Eiden-Offe, die den programmatischen Titel "Die Poesie der Klasse" trägt. Sie stellt nicht nur eine auffällige Rückkehr zu einem Gegenstand der Literaturwissenschaft dar, der in den Siebzigerjahren auch im deutschen Westen populär gewesen war, danach aber, vielleicht nicht ohne ein Gefühl von Überdruss und Scham, weitgehend aufgegeben wurde, nämlich der deutschen Literatur der Jahre zwischen 1830 und 1860, vor allem der Dichtung des "Vormärz". Die Studie enthält darüber hinaus etwas Neues: Die Untersuchung eines "Imaginären", das der gesellschaftlichen Wirklichkeit wenigstens um einige Jahre vorausgeht, ohne deswegen fiktiv zu sein.

Im Gegenteil: Es birgt das Kommende in sich. Es ist an seiner Hervorbringung maßgeblich beteiligt - und sei es in Gestalt eines "romantischen Antikapitalismus", der in der "Poesie der Klasse" den ersten Schritt zu deren Überwindung gefunden zu haben glaubt.

Es gibt eine bewährte Kategorie für diese Art des methodischen Zugriffs, und auch sie war einige Jahrzehnte aus dem akademischen Verkehr gezogen: "Dialektik" lautet ihr Name, und er bezieht sich sowohl auf den Gegenstand der Untersuchung wie auf die Art des theoretischen Umgangs mit ihm. Anders gesagt: Wenn Friedrich Engels und Karl Marx von der "Arbeiterklasse" oder dem "Proletariat" sprechen, dann behandeln sie zwar ein "Gespenst" (es ist dasselbe Gespenst, mit dessen Nennung das "Manifest der Kommunistischen Partei" beginnt), aber dieses Phantom zeitigt längst reale Wirkungen. Es ist zu jener Zeit absehbar, dass die Lohnarbeit die Form sein wird, in der eine zunehmend kapitalistisch verfasste Gesellschaft ihre Produktion organisiert, genauso wie zu erkennen ist, dass der in Form von Lohnarbeit erzeugte Reichtum seinen eigentlichen Produzenten allenfalls bedingt zugutekommen wird. Daraus entsteht das Konzept eines neuen gesellschaftlichen Subjekts, nämlich der Arbeiterklasse.

Diese Vorstellung nun gestaltet selber Wirklichkeit, indem ihr eine auch in der gesellschaftlichen Praxis überaus folgenreiche Literatur gewidmet wird (und zwar keineswegs nur in Gestalt von theoretischen Werken). An dieser entscheidet sich auch, was fortan als revolutionäres Subjekt soll gelten dürfen. Die Sozialrebellen, die Maschinenstürmer oder die "classes dangereuses" (die bei Karl Marx auch als "Lumpenproletariat" vorkommen) gehören jedenfalls bald nicht mehr dazu, obwohl zumindest letztere an den Revolutionen des späten 18. und dann des 19. Jahrhunderts erheblichen Anteil hatten. Überhaupt erweist sich, dass die "Poesie der Klasse" erhebliche Anteile an "Theorie der Klasse" in sich trägt, Friedrich Engels Sozialreportage "Die Lage der arbeitenden Klasse in England" (1845) zum Beispiel, insofern beides in einen "Selbstentwurf" mündet, der eine manchmal diffuse, oft disparate politische Bewegung konzentriert und ausrichtet.

Patrick Eiden-Offe setzt bei den frühen Beispielen einer revolutionären deutschen Literatur an. Da sind zunächst die aufrührerischen Köpfe, die sich in Geheimbünden und verschwörerischen Zirkeln organisieren, Rebellen wie der Schneidergeselle Wilhelm Weitling oder der Philosoph Moses Hess, über deren theoretische Schriften man vielleicht sagen könnte, es gebe darin einen Überschuss an Poesie - falls es nicht auch umgekehrt wäre, nämlich so, dass da eine Dichtung ist, die in Theorie auf die Spitze getrieben wird. Ähnliches gilt für Georg Büchners "Hessischen Landboten", einen nicht zuletzt mit literarischen Mitteln geführten Angriff auf die Feudalordnung, der in der Vorlage einer Statistik zur unangemessenen Verwendung von Steuermitteln kulminiert.

Ausführlich setzt sich Patrick Eiden-Offe anschließend mit literarischen Werken im engeren Sinn auseinander: Mit einer späten Novelle des oft verkannten Romantikers Ludwig Tieck etwa, dem "jungen Tischlermeister" (1836), oder mit Georg Weerths Skizze "Das Blumenfest der englischen Arbeiter" (1845/46), in der für das Proletariat ein besonderer Sinn für die Schönheit der Natur reklamiert wird.

Selbstverständlich widmen sich auch Friedrich Engels und Karl Marx der "Poesie der Klasse", wenngleich sie dann wenig mehr finden als "weinerliche Schilderungen der deutschen Spießbürgermisère" und moralische Skandalisierungen des sozialen Elends. Die Entwicklungsgeschichte der Marx'schen Theorie verläuft indessen, auch in dieser Hinsicht betrachtet, keineswegs so homogen, wie es sich später, vermittelt von einem zur Partei gewordenen Marxismus, dann ausnimmt - als "irrlichternde Spinner" erscheinen dann etliche Revolutionäre, die am Zustandekommen der Bewegung erheblichen Anteil hatten.

"Marx wollte ... mit einer Poesie der Klasse nichts zu tun haben, und er gehörte doch dazu"

Eines vermisst der Leser dann dennoch: eine poetologische Analyse der Marx'schen Werke selber. Patrick Eiden-Offe erwähnt zwar, dass Karl Marx bis hin zu den "Grundrissen" von 1857/58 mit Darstellungsformen experimentiert (tatsächlich nur bis zu diesem Werk?) - "Marx wollte ... mit einer Poesie der Klasse nichts zu tun haben, und er gehörte doch dazu" -, unterlässt aber eine genauere Untersuchung der Werke. Dieser Einwand hat indessen nur marginale Geltung. Überzeugend ist das entfaltete Material in seiner Analyse auch ohne ausführlichen Rückgriff auf die klassischen Texte des Marxismus.

Am Ende der Studie erweitert Patrick Eiden-Offe die Perspektive auf heutige Verhältnisse. Die Kategorie "Arbeiterklasse" stellt keineswegs den einzigen Fall dar, in dem ein Wort, das zur analytischen oder auch zur poetischen Beschreibung gesellschaftlicher Verhältnisse dient, zugleich eine praktische Wirkung in eben diesen Verhältnissen zeitigt. Der Begriff "Prekariat" etwa, ein Wort der Gegenwart, das die Unsicherheit von Arbeitsverhältnissen in Zeiten einer weitgehend digitalisierten Industrie bezeichnet, weist Merkmale auf, die auch zur Formel von der "Arbeiterklasse" gehörten - und um diese zu erkennen, muss man nicht so weit gehen wie der britische Wirtschaftswissenschaftler Guy Standing, der im "Prekariat" die Wiederkehr der "gefährlichen Klassen" erahnt. Patrick Eiden-Offe wahrt solchen Parallelismen gegenüber die Distanz, erklärt aber: Was eigentlich wiederkehre, sei das Bedürfnis nach einem Mythos, der "gefährlich zu werden droht oder verspricht". Und damit hat er recht.