Süddeutsche Zeitung

Halloween:Selber Zombie

  • Lange Zeit hatten Gespenster und Vampire die Oberhand in der Geschichte des Grusels.
  • Nun werden sie in der populären Kultur von einer sehr zeitgemäßen Gestalt abgelöst - den Zombies.
  • Das dürfte weniger daran liegen, dass man sich an das Furchtbare gewöhnt hätte, als vielmehr am Wesen des Zombies: An ihm gehen alle sozialen und kulturellen Unterscheidungen zugrunde.

Alt sind die Geister, uralt. Sie waren schon da, bevor die antiken Griechen ihr Totenreich einrichteten. Sie lechzten nach Blut, bevor der Vampir eine der erfolgreichsten Figuren der populären Kultur wurde, und sie verließen ihre Gräber, als noch kein Sklave aus Westafrika auf eine karibische Insel verschleppt worden war.

Doch auch wenn sie älter sind als die Pyramiden, so scheint ihre Herrschaft zumindest in der populären Kultur ungebrochen zu sein - und vermutlich nicht nur dort. Sie haben den Siegeszug der Naturwissenschaften und der Technik überstanden, den Angriff der Psychoanalyse und den Niedergang der christlichen Kirchen in den westlichen Ländern. Anstatt dorthin zurückzukehren, woher sie gekommen waren, in ihre Grüfte und Gräber, haben sie sich mit den technischen Medien der Unterhaltung verbunden. Reine Fantasiegebilde sind sie deshalb nicht, denn keine Fiktion wird erfolgreich, wenn sie nicht auch Geltung für die Wirklichkeit besitzt.

Geister sind, in jeder Gestalt, unbefriedigte und oft unglückliche Wesen, die nicht zur Ruhe kommen, weil sie ihrer Bindungen an eine Genealogie oder an ihren heimatlichen Boden beraubt wurden. Sie stehen für eine Vergangenheit, die nicht abgegolten ist. In alten Häusern beginnt es zu spuken, wenn ihre ehemaligen Bewohner um ihr Erbe, ihre Kinder oder ihre Liebe betrogen wurden. Im Vampir verkörpert sich eine erdgebundene Aristokratie, die es nicht mehr mit modernen Verhältnissen aufnehmen kann, seien diese nun technischer oder gesellschaftlicher Art. Im Zombie ist der Sklave verborgen, der Mensch als Handelsgut, über den verfügt wird und der über nichts selbst verfügen kann, nicht einmal über seinen eigenen Körper.

Vampire sind mobil, wenngleich sie für ihre Beweglichkeit eine Kiste benötigen

Wenn die Geister sich in der entfalteten Warenwirtschaft so wohlfühlen, dass sich heute mehr von ihnen in der Welt herumtreiben, als es in der Geschichte je gab, so liegt das womöglich an einer Form der Freiheit, die jeden Menschen zwingt, sich als frei verkäufliche Monade zu begreifen und sich, um dieser Freiheit willen, der gewachsenen Beziehungen zu entledigen.

Geister lassen sich ordnen, nach den Gesetzen, die für ihre jeweilige Existenz gelten. Eine Gruppe bilden die Hausgeister. Sie sind ortsfest, an Ahnen und Erben gebunden und nicht ansteckend. Die meisten beißen nicht einmal. Eine zweite Gruppe sind die Vampire. Sie sind mobil, wenngleich sie für ihre Beweglichkeit eine Kiste benötigen. Zugleich sind sie an ihre Vorfahren gebunden. Und sie sind infektiös, wobei sie gelegentlich gewisse Rücksichten gelten lassen, die Nachhaltigkeit ihres Treibens betreffend: Sie saugen ihre Opfer nicht sofort aus, so dass diese sich, in gewissen Grenzen, regenerieren können.

Zombies bestehen im Wesentlichen aus einem faulen Stück Fleisch

Derlei Rücksichten sind Zombies gänzlich fremd: So wenig, wie sie eine Geschichte besitzen, denken sie an die Zukunft. Während Hausgeister und Vampire Charaktere sind und letztere oft sogar gebildet, mehrsprachig und kulturell interessiert auftreten, bestehen Zombies im Wesentlichen aus einem faulen Stück Fleisch, das jeden gesunden Menschen frisst und damit in rasender Geschwindigkeit fortfährt, bis es nichts mehr zu fressen gibt. Der Zombie ist nicht nur das klassenlose Wesen unter den Geistern. An ihm gehen vielmehr auch alle sozialen und kulturellen Unterscheidungen zunichte.

In der Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft gab es eine Zeit, in der es schien, als neige sich die Zeit der Geister ihrem Ende entgegen: Als Graf Dracula in Bram Stokers Roman aus dem Jahr 1897 starb, war er auch (aber nicht nur) mit den Mitteln der Technik und der Wissenschaft erledigt worden. Den Rest besorgte, auch im Hinblick auf die gewöhnlichen Geister, die Psychoanalyse. Und William Buehler Seabrooks Buch "The Magic Island" aus dem Jahr 1929, das Werk, das die lebenden Toten der karibischen Inseln unter Lesern aus den Industrieländern bekannt machte, ist ein Reisebericht eines aufgeklärten Menschen, in dem an der natürlichen Erklärbarkeit selbst der sonderbarsten Phänomene nicht gezweifelt wird.

Zombies und Kapitalismus, das passt gut zusammen

Gebannt wurden die Geister indessen nur für kurze Zeit. Für ihre Wiederkehr und nachfolgend hemmungslose Verbreitung sorgten die technischen Medien, der Film, der Rundfunk und das Grammophon. Die Verbindung mit diesen Medien ist seitdem nicht nur deshalb so erfolgreich, weil sie selber lebende Tote ohne Zahl produzieren (insofern sie Vergangenes unendlich oft wieder in die Gegenwart holen können), sondern auch, weil die Geister sich mit und in diesen Medien in ein Genre verwandeln, das sich beliebig variieren und mit allerhand niederen Leidenschaften verknüpfen lässt: mit dem Sex etwa und der Gier in allen Formen.

In den Kulturwissenschaften ist eine Theorie beliebt, der zufolge die Fress- und Vermehrungstechniken des Zombies im Wesentlichen mit den Verbreitungsprinzipien des fortgeschrittenen Kapitalismus zusammenfallen. So beschreibt es etwa Sarah Juliet Lauro in ihrem Buch "Zombie Theory" aus dem Jahr 2017. So wie die Finanzwirtschaft alles Lebende und alles Tote in Kapital verwandelt, mit überwältigender Kraft und rasender Geschwindigkeit bis in die letzten Winkel des Globus vordringend, so tritt der Zombie als unermüdlicher Sucher in der erbarmungslosen Jagd nach einem abstrakten "Mehr" auf.

Dabei unterscheidet sich der Zombie zumindest vom Vampir, in gewissem Maß aber auch vom Hausgeist, dadurch, dass ihm ganz und gar nichts Erstrebenswertes anhaftet, keine Unsterblichkeit, keine Geschichte, nichts Verführerisches. Der Zombie ist nur ein Zerrspiegel, in dem das offenbar in nicht enden wollender Pubertät festhängende bürgerliche Subjekt sich selbst zu erkennen fürchtet: Wer bin ich, fragt es zweifelnd, wenn es in diesen Spiegel schaut, und gibt es eigentlich etwas in mir, das nicht in einem unendlichen Verlangen nach dem Mehr aufgeht, nach mehr Geld, mehr Erfolg, mehr von diesem und jenem und obendrein nach einem Paar "Nike Vaporfly Next"?

Den Geistern wohnt kein Schrecken mehr inne

Oder anders gefragt: Bin ich nicht von lauter Zombies umgeben, ja womöglich selber schon einer? Der Möglichkeit solcher Spiegelungen verdankt der Zombie in der populären Kultur seinen Aufstieg zur meistverbreiteten Geistersorte, einschließlich aller Parodien. Er ist zu einer alltäglichen Gestalt geworden, der völlig abgeht, was selbst den volkstümlichen Darstellungen der Geisterwelt noch bis in die Achtziger oder gar Neunziger anhaftete: dass es sich dabei um ein unheimliches Gegenüber des gewöhnlichen Lebens handeln sollte.

Den Geistern wohnt kein Schrecken mehr inne, was wahrscheinlich weniger daran liegt, dass man sich an das Furchtbare gewöhnt hätte, als vielmehr daran, dass auch das Unheimliche längst in die anerkannten Möglichkeiten der Selbstverwirklichung eingeht. Vielleicht ist angesichts der vielen Zombies sogar die Erinnerung daran verblasst, dass es bei Geistern einst um eine unbewältigte Vergangenheit ging - auf eine ähnliche Weise, wie bei Tätowierungen der Gedanke verschwunden ist, dass sie bis vor nicht allzu langer Zeit Zeichen einer latent rebellischen Unterschicht waren, die in ihrer allgemeinen Unterwerfung stolz auf sich sein wollte. Vielleicht ist die Verfressenheit der Zombies längst nur eine Allegorie auf den volkstümlichen Traum vom intensiven Leben.

So tief greift das Geisterwesen mittlerweile in die westlichen Gesellschaften ein, dass sich ihretwegen sogar der jährliche Festkalender ändert. Noch vor dreißig Jahren war Halloween in Europa eine vor allem amerikanische Tradition, ebenso wie der Valentinstag. Das Pfingstfest hat unterdessen einen großen Teil seines christlichen Inhalts verloren, Ostern ist zumindest angegriffen, und auch Weihnachten, bislang das Familienfest schlechthin, beginnt zu verblassen. An die Stelle der christlichen Feiertage treten die neuheidnischen Feste der Paarliebe und des moderierten Grusels. Es ist, als gehörten diese Feiern zusammen.

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Quelle:
SZ vom 31.10.2019
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