Gehört, gelesen, zitiert:Prairierobespierre

Was mit seinem Amtsvorgänger geschah, empörte den amerikanischen Professor Barrett Swanson so sehr, dass er jetzt, 20 Jahre später, eine denkwürdige Verteidigung von Robert Burrows im Magazin "The New Republic" verfasst hat.

Ein emeritierter Professor hat einen politisch-satirischen Roman geschrieben. Das kommt vor. Ein anderer Professor tritt an der alten Uni dieses Autors seinen neuen Job an, und man berichtet ihm - raunend, in Andeutungen - von "dieser Sache" mit seinem Vorgänger. "Diese Sache", die sich der Neuling, Barrett Swanson, dann ergoogelt, empört ihn so sehr, dass er jetzt, 20 Jahre nach dem Vorfall, eine Verteidigung seines Vorgängers, Robert Burrows, im Magazin The New Republic verfasst hat:

"Das war geschehen: Eines Morgens erhielt Burrows, damals 79, einen Anruf. Am anderen Ende war Gene Weingarten, ein Rezensent der Washington Post. Er rufe an wegen der Satire, ,The Great American Parade', die Burrows ja verfasst habe. Der Professor fühlte sich erst einmal geschmeichelt. Doch Weingarten schlug ihm dann einen fast faustischen Pakt vor: Er würde sein Buch rezensieren, aber nur, wenn Burrows einwillige, dass der Rezensent es bezeichnen dürfe als den ,schlechtesten Roman, der je in englischer Sprache veröffentlicht wurde'. Weingarten erinnerte den Emeritus daran, dass die Post immerhin zwei Millionen Leser habe, der Professor schluckte, willigte ein und es geschah. Es wurde die absolute Vernichtung! In der Rezension hieß es sogar, dass das ,Buch das gesamte amerikanische Verlagswesen mit Schande' überhäufe. Es ist übertrieben, dass Weingarten das Buch derart massakrierte. Darin ist einiges ziemlich missraten - abgebrochene Handlungsstränge, die konstruierte Liebesgeschichte, und die Charaktere klingen oft wie Retortenbabys mit dem Erbgut von Thomas Frank and Slavoj Žižek: ,Amerika leidet seit je an intensivem Neidfieber' ist so eine Stelle. Doch Burrows, der sich von ,dieser Sache' nie mehr recht erholte, ist nicht darauf zu reduzieren. Ja, er war in den Sechzigern als aktiver Professor ein hochpolitischer Mensch auf dem Campus gewesen, ein ,Robespierre der Prairie'. Gegen die Anordnungen der Universitätsverwaltung duldete er Teach-Ins und Anti-Kriegs-Demonstrationen in seiner Fakultät und entließ die daran beteiligten Professoren nicht. Weil er sich weigerte, wurde Burrows selbst entlassen. Daraufhin organisierten Studenten Protestmärsche, auf denen Tausende skandierten: ,BRING BURROWS BACK!' Wenn alles, was von uns übrig bleibt, ist, wie sich andere Menschen an uns erinnern, dann ist es unsere Pflicht als Lebende, uns an die Toten gerecht und angemessen zu erinnern und sehr vorsichtig und bedacht darin zu sein, die Konturen ihrer immer vielschichtigen Existenz zu zeichnen."

© SZ vom 17.08.2020 / SZ
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