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Gehört, gelesen, zitiert:Echte Freundschaft

Am Mittwoch wäre Jacques Derrida 90 Jahre alt geworden. Für Populisten hatte er in seinem Buch "Politik der Freundschaft" eine klare Ansage parat.

Am Mittwoch wäre der französische Philsoph Jacques Derrida, der im Oktober 2004 in Paris gestorben ist, 90 Jahre alt geworden. Als Begründer der Dekonstruktion hat er bis heute mindestens so viele Feinde wie Verehrer. Die Feinde - unter ihnen mit John Searle, Willard Van Orman Quine oder Noam Chomsky einige der berühmtesten Kollegen - warfen ihm allen Sinn zerstörende Verunklarung vor, Derridadaismus. Die Verehrer feiern die Dekonstruktion als Gegenteil von Destruktion. In ihrer radikalen "Bejahung der Unterschiede" ist sie ihnen die ultimative Suche nach Gerechtigkeit. Die Lektüre seiner Texte macht das natürlich nicht unkomplizierter. Begonnen als Kritik an Metaphysik und Wissenschaft, also an überlieferten Selbstverständlichkeiten, bedeutet Dekonstruktion bei Derrida, dass er die Dinge, mit denen er sich beschäftigt, wieder in ihre Entstehungszusammenhänge zurückverwickelt, um ihnen - in humanistisch-aufklärerischer Absicht ihre scheinbare Eindeutigkeit zu nehmen. Als Pate etwa der überfälligen Anerkennung von Menschen mit nicht-binärer Geschlechtsidentität ist er damit derzeit bedeutender denn je. Für alle modernen autoritären Populisten, die mit dem Verweis auf das postmoderne Vielheits-Denken den Humanismus verabschieden wollen, schrieb er in "Politik der Freundschaft":

"Der eigentliche politische Akt oder die eigentliche politische Handlung besteht darin, so viel Freundschaft wie möglich zu stiften. Sie ist ein Akt, bevor sie eine Situation ist, der Akt dessen, der liebt, eher und früher als der Zustand dessen, der geliebt wird. Zunächst eine Handlung, erst dann eine Passion."

© SZ vom 15.07.2020 / SZ

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