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Gehört, gelesen, zitiert:Denken mit Mundschutz

Seit Jahren engagiert sich Bruno Latour für ein ökologisches Denken mit philosophisch breitem Fundament. Der französische Soziologe und Anthropologe sieht die Corona-Krise als Chance.

Der französische Soziologe und Anthropologe Bruno Latour setzt sich seit vielen Jahren für ein philosophisch breit gefasstes ökologisches Denken ein. Sein letztes Buch "Das terrestrische Manifest" (auf Französisch: "Où atterrir?"), 2018 erschienen, stellte die Frage der Rückkehr auf den Boden der Realität nach den techno-euphorischen Höhenflügen der Nachkriegsmoderne. In einem Beitrag für die Internetzeitschrift AOC (Analyse Opinion Critique) führt er aus, warum der gegenwärtig weltweite Betriebsausfall der Weltwirtschaft eine Chance für das Umdenken sein könne, und fügt einen kleinen Fragekatalog für alle hinzu: Was wollen wir von unserem Wirtschaftssystem nach der Corona-Krise behalten, will Latour wissen - und weist somit darauf hin, dass es auch Teile geben könnte, die man verwerfen kann.

"Wir machen gerade eine unglaubliche Entdeckung. Dass nämlich im Weltwirtschaftssystem irgendwo doch eine grell rote Alarmlampe vorhanden war mit einem massiven Schalthebel, den die Staatschefs einer nach dem anderen nun mit einem Ruck betätigt haben, um den ,Eilzug des Fortschritts' unter laut kreischendem Bremsen zum Stillstand zu bringen. War die Aufforderung zu einem Wechsel bei unserem Wachstumsmodell im Januar noch eine nette Träumerei, ist sie gerade viel realistischer geworden.

Allerdings sehen leider nicht nur Umweltschützer in dieser jähen Pause des globalen Produktionssystems eine Gelegenheit, ihr Landeprogramm für die Rückkehr auf den Boden der Realität zur Anwendung zu bringen. Jene Globalisierer, die seit Mitte des 20. Jahrhunderts sich in den Kopf gesetzt haben, man könne die Begrenztheit des Planeten außer Acht lassen, sehen ebenfalls eine Chance, die verbleibenden Hindernisse für ihre Flucht nach vorn aus dieser Welt noch radikaler aus dem Weg zu räumen. (...) Wir müssen von der Hypothese ausgehen, dass diese Globalisierer sich der ökologischen Krise sehr bewusst sind und dass all ihre Anstrengungen seit fünfzig Jahren dahingehen, den Klimawechsel zu leugnen, gleichzeitig aber seinen Folgen zu entkommen, indem sie Bastionen für Privilegierte errichten, die den zahlreichen Anderen unzugänglich bleiben. (...) Es sind jene Globalisierer, die sich täglich auf Fox News zu Wort melden und die von Moskau bis Brasilia, von New Delhi, über London, bis Washington am Klimawandel vorbeiregieren. (...)

Doch wenn ihnen sich eine Gelegenheit auftut, dann auch uns. Wenn alles zum Stillstand gebracht ist, kann alles auch hinterfragt, überdacht, neu sortiert, endgültig ausgesetzt oder, im Gegenteil, noch stärker vorangetrieben werden. Es ist Zeit für die Bilanz. Dem Ruf des gesunden Menschenverstands: ,Nehmen wir so schnell wie möglich die Produktion wieder auf', müssen wir mit dem Ausruf antworten: ,Das gerade nicht!'. Das letzte, was wir nun tun sollten, wäre, da weiterzumachen, wo wir zuvor waren. (...)

Wenn wir anfangen, jeder für sich, über die verschiedenen Aspekte unseres Produktionssystems uns Gedanken zu machen, werden wir millionenfach ebenso wirksame Globalisierungsunterbrecher sein, wie das durch die Globalisierung schnell sich ausbreitende Coronavirus es paradoxerweise ist. Was das Virus über den Speichelstaub zwischen den Menschen zustande brachte, das Aussetzen der Weltwirtschaft, können wir durch unsere von Mensch zu Mensch weitergegebenen kleinen Gesten nutzbar machen. Mit seinen Fragen errichtet so jeder eine Schranke nicht nur gegen das Virus, sondern auch gegen all jene Teile unseres Produktionsmodells, die wir künftig nicht wiederaufnehmen wollen."

© SZ vom 07.04.2020 / SZ

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