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Gegenwartslyrik:Auch deutsche unter den Wörtern

Lyrik und Lexikon: Eine Doppelseite aus dem Debütband von Xoşewîst.

Ein Gedicht, das in fünf Sprachen zugleich spricht: Wie kann man das schreiben, und wer kann es lesen? Der Dichter Xoşewîst und der kleine Hochroth-Verlag machen es vor.

Von Lea Schneider

Manche Erfindungen werden durch ihren täglichen Gebrauch mit der Zeit so normal, dass man völlig vergisst, wie sehr sie auf einer spektakulären, aber eben auch völlig spekulativen Annahme beruhen. Wörterbücher zum Beispiel. Sie stellen, schreibt die chinesisch-amerikanische Literaturwissenschaftlerin Lydia Liu, eine bemerkenswerte Behauptung auf, die aber notwendigerweise unbewiesen bleiben muss. Nämlich, dass Sprachen nichts anderes sind als gigantische Speicher von Synonymen für jeweils andere Sprachen, dass ein bestimmtes Wort in der einen Sprache einem bestimmten Wort in der anderen Sprache entspricht.

Der Hochroth-Verlag, ein dezentrales Kollektiv mit einer kleinteiligen und dabei umso schnelleren Produktionsstrategie, das immer wieder für Entdeckungen jenseits des Mainstreams sorgt, hat jetzt einen Gedichtband herausgebracht, in dem das Prinzip Wörterbuch enorm konsequent auf seine Funktionsweise befragt wird. Der Leipziger Dichter und Aktivist Xoşewîst schreibt sein Debüt mit einem Repertoire von fünf Sprachen zugleich: Deutsch, Englisch, Hocharabisch, Kurdisch und Spanisch. Das ist an sich schon eine faszinierende, verunsichernde Leseerfahrung, wenn im selben Vers nicht nur mehrfach die Sprache, sondern auch das Alphabet gewechselt wird.

Erst der Buchdruck, die fixierte, regulierte Schriftform machte aus vielen Sprachvarianten eine

Das wirklich Radikale an diesem Buch aber ist seine Ausstattung: Neben QR-Codes, die zu Audio-Aufnahmen der Gedichte auf der Verlagshomepage führen und einen klanglichen Zugang zu Xoşewîsts Mehrsprachigkeit ermöglichen, findet sich für jedes Gedicht auf der ihm gegenüberliegenden Seite ein Glossar mit seinen Schlüsselwörtern und deren Übersetzungen. Der Plural verweist an dieser Stelle auf das Besondere: Jedes Glossar beinhaltet, gleichberechtigt nebeneinander, die Übersetzung jedes Schlüsselworts in alle fünf Sprachen. Damit wird das Buch, zumindest theoretisch, für eine kurdische Leserin genauso dechiffrierbar wie für eine spanisch- oder englischsprachige.

Hinter dieser vermeintlichen Formalie verbirgt sich ein Paradigmenwechsel: Der Gedichtband ist zwar in einem deutschen Verlag erschienen, aber dieser geht ganz offensichtlich nicht davon aus, dass seine Leser (nur) deutschsprachig sind. Oder, falls doch: dass man diese deutschsprachigen Leser bevorzugt adressieren sollte. Als Signal dieses Buchs kann man, in Anlehnung an ein Thema, das beispielsweise bei einem gut besuchten Panel der Tagung "Fokus Lyrik" im vergangenen Jahr in Frankfurt diskutiert wurde, festhalten: Der deutschsprachige Raum ist vielsprachig.

Insofern ist dieser Band ein kaum zu unterschätzendes Statement für Pluralität, ein starkes Zeichen dafür, dass die Realität der sprachlichen und kulturellen Diversität allmählich auch in einem der konservativeren Bereiche des Landes angekommen ist: dem Literaturbetrieb.

Die Einsprachigkeit, die von manchen Heimat- und Sprachschützern als reinzuhaltendes Kulturgut vor sich hergetragen wird, ist ja ohnehin ein historischer Ausnahmefall. Ermöglicht wurde sie erst durch die Durchsetzung des Buchdrucks und der damit einhergehenden Kultur einer fixierten, regulierten Schriftform zu Beginn der Moderne. Noch Shakespeare schrieb seinen Namen in mindestens sechs Varianten; die gleichberechtigte Kenntnis von mehreren Sprachen und Sprachvarianten war die längste Zeit in der Geschichte der Normalzustand (und ist es für die Mehrheit der Weltbevölkerung in multilingualen Ländern wie Indien, Hongkong, der Schweiz oder fast sämtlichen Staaten Afrikas noch immer).

Als historisches Konzept ist die Einsprachigkeit an den in der Romantik entstehenden Nationalismus gekoppelt, dessen Vorstellung von sprachlicher Identität sich einfach zusammenfassen lässt: Ein Volk, ein Reich, eine Sprache. Diese Konstruktion von Einsprachigkeit - als Desiderat wie als Naturzustand - wurde technisch ermöglicht durch die Verbreitung der Schnellpresse im frühen 19. Jahrhundert, die wiederum mit einer Vereinheitlichung der Sprache durch die Entwicklung von Rechtschreibregeln, der Abwertung von Dialekten und der Erfindung des Begriffs "Muttersprache" einherging.

Der Trend zur Mehrsprachigkeit, der sich in der Gegenwartslyrik schon seit einigen Jahren beobachten lässt, ist also letztlich ebenfalls eine späte Antwort auf das politische Projekt des Nationalismus und seine medialen Rahmenbedingungen: "Es gab keine Mehrsprachigkeit, bevor es nicht Einsprachigkeit gab", schreibt der Germanist David Martyn, der sich ausführlich mit der Rhetorik von Muttersprache und ihrer Rolle für die Konstruktion der (deutschen) Nation beschäftigt hat.

Ein absurdes Sprachengefälle wid aufgebrochen

In letzter Zeit war Mehrsprachigkeit in der deutschen Gegenwartslyrik allerdings vor allem ein Ausweis akademischer Bildung und Zugehörigkeit zur neuen globalen Oberschicht, den von dem Soziologen Andreas Reckwitz sogenannten "Anywheres". Was sich daran ablesen lässt, dass die Mehrsprachigkeit der gefeierten Bände dieser Zeit, von Uljana Wolfs "falsche freunde" bis zu Ulrike Draesners "Subsong", sich fast immer auf die Sprachen Deutsch und Englisch beschränkt. Darin liegt, auf das individuelle Werk der Autorinnen bezogen, beileibe kein Mangel. Enttarnend aber erscheint, mit welcher Selbstgefälligkeit, welchem Mangel an Reflexion diese Bände von der Kritik immer wieder als Musterbeispiele einer multilingualen und damit auch politisch progressiven Literatur dargestellt werden. Als ließe sich die eine Kolonialsprache durch die andere entkräften, und als gäbe es nicht zeitgleich eine ganze Menge anderer Dichterinnen und Dichter, die auch mit weniger glamourösen - und vor allem: dem Deutschen ferner liegenden - Sprachen arbeiten.

Denn Mehrsprachigkeit, das kann man für weite Teile des Literatur- und Kulturbetriebs nach wie vor konstatieren, ist nicht per se prestigeträchtig. Verschiedene Sprachen verfügen offensichtlich in verschiedenem Maße über kulturelles Kapital. So können englisch-deutsche Sprachspiele als avantgardistische Befragung von Denkgrenzen gelten, sobald sich aber Türkisch, Vietnamesisch, Serbokroatisch ins Spiel mischen, wird das als unverständlich oder als identitätspolitisch abgetan.

Der Leipziger Xoşewîst gehört nun zu einer Reihe von Dichtern und Dichterinnen, die dieses absurde Gefälle mit ihren Texten inhaltlich und sprachlich aufbrechen. Man denke an die Autorin Ronya Othmann, die immer wieder kurdische Wörter in ihre deutschen Gedichte einarbeitet. An die Lyrikerin und Übersetzerin Odile Kennel, in deren Gedichtband "Hors Texte" Spanisch, Französisch, Portugiesisch, Englisch und Deutsch so ineinander glitchen, dass sie kaum noch voneinander zu unterscheiden sind. An die polnischen Einflechtungen und Verunsicherungen des Deutschen im Werk der Dichterin Dagmara Kraus. Oder an die viel zu lange viel zu wenig beachtete Schweizer Lyrikerin Dragica Rajčić, die in Büchern mit Titeln wie "Halbgedichte einer Gastfrau", "Nur Gute kommt ins Himmel" oder "Buch von Glück" eine lyrische Sprache entwickelt hat, die sie selbst als "bewusstes Gastarbeiterdeutsch" bezeichnet. Sie alle schreiben Gedichte, die im besten Sinne an einer Re-Pidginisierung des Deutschen arbeiten.

Xoşewîst: Leipzigijjât. Hochroth Verlag, München 2020. 32 Seiten, 8 Euro.

© SZ vom 10.08.2020

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