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Gegenwartsliteratur:Dinosaurier aus der Betonfraktion

Eberhard Rathgeb: Karl oder Der letzte Kommunist. Roman. Hanser Verlag, München 2018. 270 Seiten, 23 Euro.

Eberhard Rathgebs Roman "Karl oder Der letzte Kommunist" ist so leblos wie sein Held. Karl macht die eigene Freudlosigkeit zum Maßstab, alles Glück scheint ihm Verblendung.

Von Jörg Magenau

Vielleicht gibt es ja irgendwo auf der Welt noch ein paar Kommunisten. Schließlich handelt es sich bei denen, die sich als solche begreifen, nicht um Dinosaurier. Und doch heißt der vierte Roman von Eberhard Rathgeb "Karl oder Der letzte Kommunist", ganz so, als wäre mit dem Tod seiner Figur eine ganze Lebensform ausgelöscht.

Für diesen Karl selbst wäre das kein ungewöhnlicher Vorgang, hat er doch in historisch-materialistischen Studien gelernt, dass Gesellschaftsformationen, Ideologien und Wirtschaftssysteme auf- und untergehen. Nur vom Kommunismus als vernünftigem und letztem Ziel der Geschichte hätte er das nicht gedacht. Fiel es ihm doch zeitlebens schwer zu begreifen, dass ihm nicht die ganze Menschheit oder wenigstens die Nachbarschaft in seiner Überzeugung folgen wollte.

Jetzt ist Karl tot. Das ist schon nach den ersten Seiten des Romans klar, weil sich zwei alte Herren vom Verfassungsschutz über ihn und sein Ende unterhalten, die wie die beiden Greise in der Muppets-Show das Geschehen kommentierend begleiten. Die verbliebenen Freunde streuen derweil Karls Asche in den nahen Fluss, und schon beginnen sie, den zu vergessen, über den die Geschichte hinweggegangen ist. Im Grunde ist da schon alles gesagt über diesen Karl, den keiner mag, und den auch der Autor nicht mag. Er bekommt von vornherein keine Chance, der gedankenreichen Begriffsstutzigkeit, die als literarisches Schicksal über ihn verhängt wurde, zu entkommen. Von klein auf - geboren im letzten Kriegsjahr, aufgewachsen in einer Welt, die in Trümmern liegt - ist er ein penibler Besserwisser, dazu geschaffen, in der Betonfraktion zu landen.

Kommunist zu sein heißt, die eigene Freudlosigkeit zum Maßstab zu machen: Alles Glück ist ja Verblendung eines falschen Bewusstseins. Schöne Dinge sind Verführung zum Konsumismus. Städte und Dörfer sind Orte, an denen zu leben unerträglich wäre. Natur ist ein fremdes Gegenüber, denn darüber kann einer wie Karl nichts sagen. "Die Liste der Dinge, die er für überflüssig hielt, war lang, und wenn all die Dinge, auf die er meinte verzichten zu können, gestrichen waren, dann würde das Leben so aussehen wie ein Stundenplan für die Schule." Unter dieser Prämisse kann Karl nichts anderes sein als eine Schablone. Er steht eher fürs Allgemeine als fürs Individuelle.

Wo er lebt, erfährt man so wenig wie Details über sein Äußeres. Wozu auch: Einer, der die ganze Zeit bloß denkt, hat keine Gestalt und keine Biografie. Doch Rathgeb versucht trotzdem, ihm eine zu geben. Das kann nicht gelingen. Schon nach wenigen Seiten ist entschieden, dass sich in diesem Roman der Freudlosigkeit nichts weiter ereignen wird.

Die Stagnation des Helden bekommt ihre formale Entsprechung dadurch, dass Rathgeb nicht chronologisch vorgeht, sondern die verschiedenen Lebensphasen vom Elternhaus über die Uni und das Dozentendasein bis hin zur Krankheit und dem Sterben unter Morphium ineinander schneidet, als gönnte er seinem Helden, der doch hartnäckig von der besseren Zukunft träumt, kein Morgen, sondern bloß das ewige, unerfüllte Jetzt.

Rathgeb, einst Literaturkritiker und Redakteur der FAZ, weiß genau, was er tut. Er ist ästhetisch mit allen Tricks und Kniffen vertraut.

Schlimmer noch wird die Sache dadurch, dass nichts erzählt wird, weil dieser Karl nicht lebt, sondern von vornherein tot sein muss. Rathgebs Roman ist eine Art Metaerzählung, in der über den Helden in einem endlosen, räsonierenden Tonfall gesprochen wird. Weil alles feststeht, fehlt jegliche Neugier. Da wird nichts erkundet, kein Handeln vorbereitet, sondern allenfalls gesagt, was Karl alles nicht tut - ein Erzählen in der Negation, weil es sonst so wenig zu sagen gibt.

Karl ist das Demonstrationsobjekt eines allwissenden Sprechers, der tatsächlich alles immer besser weiß und die Welt mit einer Mischung aus Fatalismus und schlechter Laune betrachtet. Wenn er über Demonstranten spricht oder andere junge Menschen, die glauben, Einfluss auf den Lauf der Welt nehmen zu können, dann quittiert er derlei Naivität mit einem müden Abwinken.

Demonstranten ziehen sich ebenso wie die beiden Alten vom Verfassungsschutz durch den Roman. Man denkt an Berliner Autonome oder Steinewerfer beim Hamburger G-20-Gipfel. Da ist es leicht, Konzeptionslosigkeit zu kritisieren und sich über einen Protest zu erheben, der zur bloßen Geste verkommen ist. Der Erzählerstimme aber ist alles Revolutionäre suspekt, und auch wenn sie gute Gründe dafür hat, trägt diese Misanthropie doch keinen Roman. Vielleicht ist dieser unsympathische Kerl Karl dem Erzähler näher, als er glaubt, trifft doch alles, was er über ihn sagt, auch auf ihn zu: das Besserwissertum, die ideologische Sturheit, das Beharrungsvermögen. Warum sollte er sich denn auch sonst mit dieser Figur abgeben, an der so gar nichts Überraschendes ist?

So heißt es über den Dozenten Karl, als wäre das eine Selbstdiagnose der Erzählerstimme: "Er las keine Geschichten vor, er entführte seine Hörer nicht in Gebiete, die dem Alltagsverstand verschlossen waren, er breitete vor ihnen kein Wissen aus, das ihre persönliche Sicht der Welt, ihren Vorrat an Meinungen und Ideen bereicherte. Jeder Satz hinterließ eine Schneise gefällter Bäume, und das Licht, das am Ende seines Vortrags auf die Zuhörer fiel, floss aus dem grauen Glitzern der Wirklichkeit." Nur fließt Rathgebs Roman eben nicht aus der Wirklichkeit, sondern bloß aus dem Reden darüber.

Es gibt zweifelsohne schöne, gelungene Sätze in diesem Buch, doch sie alle haben eine einzige Temperatur und Haltung, sodass sie zerfließen wie ein lauwarmer Brei und am Ende nichts Greifbares übrig bleibt. Daran ändern weder die biografischen Ausschmückungen etwas noch das Auftreten der kleinen, rührend emphatischen Schwester Emilie, auch wenn sie ein kleines bisschen Leben in die Totenstarre dieser Prosa bringt. Dann gibt es da noch eine Krähe, die wie ein mystisches Menetekel des Untergangs immer wieder krächzend die Wege des Helden überfliegt, um das Gedankenstück, das dieser Roman ist, vielleicht doch ein wenig in literarische Luft zu heben.

Wenn Karl dann stirbt "wie ein krankes Tier, das von der Herde abgesondert wird und allein zurückbleibt", hat man sich als Leser aber längst denen angeschlossen, die ihn schon vor Jahren ratlos verlassen haben, weil sie sich das eigene Leben, ihre Lust und auch ihr Denken von ihm nicht haben madig machen lassen wollen.

© SZ vom 02.08.2018

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