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Gegenwartskunst:Bewegung unter den Füßen

Christo

Christo (hier im November 2015) vermisst seine 2009 gestorbene Partnerin Jeanne-Claude sehr.

(Foto: dpa)

Der Künstler Christo plant den nächsten Coup: Im Sommer wird er eine Stoffbahn über den Lago d'Iseo in Norditalien spannen. Ein Gespräch.

Elf Jahre nach seinem letzten realisierten Großprojekt, "The Gates" in New York, will es der Inszenierungskünstler Christo im Alter von 81 Jahren noch einmal wissen: Vom 18. Juni bis zum 3. Juli wird Christo eine drei Kilometer lange safrangelbe Stoffbahn als begehbaren Pier über den Lago d'Iseo in Norditalien spannen. Die Besucher sollen übers Wasser wandeln können. Das 15 Millionen Dollar teure Projekt finanziert er wie bei seinen früheren Werken durch den Verkauf von Vorstudien. Bei einem Gespräch in Sankt Moritz erzählt Christo, warum "Floating Piers" ungewöhnlich schnell zustande kam und was er ansonsten unbedingt noch verwirklichen will.

SZ: Oft ziehen sich Ihre Planungen über Jahrzehnte hin, bis sie genehmigt werden. Politische Widerstände, öffentliche Debatten werden Teil des Kunstwerks. Wie war diesmal die Vorgeschichte?

Christo: Die "Floating Piers" gehen als Idee schon auf die frühen Siebzigerjahre zurück. Damals wollten Jeanne-Claude und ich sie am Rio de la Plata bei Buenos Aires verwirklichen. Wir erhielten jedoch nie die Genehmigung. Später versuchten wir es in der Bucht von Tokio, doch uns fehlte die perfekte technische Lösung. 2014 sagte ich zu meinen Mitarbeitern: Ich werde bald 80 und möchte ein Projekt machen, das sich realisieren lässt.

Wie kamen die "Floating Piers" dann so schnell zustande?

Der Lago d'Iseo entpuppte sich als ideal, denn er hat eine Insel, die größte eines Binnengewässers in Europa. Die zweitausend Menschen, die darauf leben, haben nur eine Schiffsverbindung zum Festland. Über die "Floating Piers" werden sie über den See gehen können. Die Menschen werden die Bewegung des Wassers unter ihren Füßen spüren. Das Erlebnis wird noch dadurch gesteigert, dass ein Teil des Piers durch das Zentrum des Ortes Sulzano verläuft und unmittelbar in den See übergeht. Trotzdem ist die Brücke mit sechzehn Metern breit genug, um Sicherheit zu bieten. Wir lassen in Brescia 200 000 miteinander verbundene Würfel aus Polyethylen produzieren. Auf diese Würfel werden wir das safrangelbe Nylongewebe spannen.

"Floating Piers" ist das erste Projekt, das Sie nicht gemeinsam mit Ihrer 2009 gestorbenen Partnerin Jeanne-Claude vollenden. Wie war das für Sie?

Sie hat mir sehr gefehlt, am meisten habe ich ihren kritischen Geist vermisst. Jeanne-Claude hat immer jede Entscheidung infrage gestellt. Das hat mich herausgefordert.

Langsamer kommen zwei andere Projekte voran: "Over the River" im US-Bundesstaat Colorado und "Mastaba" in Abu Dhabi, wo Sie 410 000 bunte Ölfässer stapeln wollen. Glauben Sie noch daran, dass sie Wirklichkeit werden?

Bei "Over the River" ist das Gebiet im Besitz der amerikanischen Bundesverwaltung. Die Obama-Regierung genehmigte das Projekt 2011, doch jetzt haben die Bewohner des Tals gegen den Beschluss geklagt. Gut möglich, dass der Oberste Gerichtshof der USA darüber befinden muss. In Abu Dhabi liegt die Entscheidung beim Emir. Die Frage ist, ob wir neben dem Gelände der Mastaba auch 20 Quadratkilometer Umland nutzen können. Ich bin vorsichtig optimistisch, dass ich die Vollendung dieser Projekte erlebe.

Christos Entwürfe zu "Floating Piers" sind noch bis zum 30. März 2016 in der Ausstellung "Christo & Jeanne-Claude: Works in Progress", kuratiert von Germano Celant, in der Galerie Gmurzynska in Sankt Moritz zu sehen.

© SZ vom 19.02.2016

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