Gegenwart I Immer weiter

Früher hatten Geschichten, Filme, kulturelle Erzeugnisse aller Art Anfang und Ende. Heute dagegen spinnen Autoren, Fans, Regisseure, Spiele-Erfinder und wir alle lebenslang an den immer gleichen Sagen.

Von Bernd Graff

Seit es Menschen gibt, erzählen sie Geschichten. Das machen sie mündlich, schriftlich, sie stellen sie dar auf Bühnen und in Filmen. Und vielleicht genauso lange, wie sich Menschen Geschichten erzählen, fragen sie sich auch: Was ist eigentlich eine Geschichte?

Heute muss man diese Frage wieder stellen. Denn seit etwa dreißig Jahren erleben wir in den Künsten eine Veränderung: Es entfaltet sich, befeuert durch technische Mittel, ein freies Spiel der Erzählkräfte. Eine unendliche Fantasie in der Vermittlung von Dingen findet immer plastischere und drastischere Bilder. Einerseits.

Andererseits dehnen sich die Narrative: Es gibt das "Ende" kaum mehr, den Ausgang und Schluss einer Geschichte. Es ist, als ob die neuen Erzählungen gar nicht mehr aufhören wollten, im Fernsehen, in den Blockbusterserien, den Sequels, den Buchreihen, den ewig remixten Songs und immer gleichen Beats. Was scheinbar endet, holt nur kurz Atem und geht dann sofort weiter. Nach kurzer Frist folgt die nächste Staffel. Überall herrscht Unvollendung. Und das Publikum ist hingerissen, es will mehr - und macht manchmal sogar mit, schreibt das Material als Fan-Fiction einfach fort.

So werden die Geschichten zu Lebensbegleitern, mit ausuferndem Personal und ihren Schurken- oder Helden-Alltagen. Alles will episch werden. Gegen dieses große Zeitvergehen füllte Homer nur ein Kalenderblatt. Möglich wird dieses, wie der Fachbegriff lautet, "horizontale Erzählen" durch eine Technik, die Inhalte jederzeit verfügbar hält. So findet man heute dort, wo früher ein "stream of consciousness", ein geschilderter Bewusstseinsstrom war, einen "stream of content", einen Inhaltestrom, der als jederzeit verfügbares Datenvolumen auf Abruf wartet.

Nach Abschluss einer Erzählung sollte die Welt eine andere sein. Aber heute wird alles episch

Platon wusste in der Antike zwischen dem Poeten zu unterscheiden, der als er selber spricht (und erzählt), und dem sprechenden Darsteller, der eine Rolle spielt. Er unterschied also zwischen Diegesis, der berichtenden Vermittlung, und Mimesis, dem nachahmenden Spiel, was Platon übrigens für Betrug und Täuschung hielt. Damit hatte er zwei Sorten von Texten definiert: den Erzähler-Text und den Charakter-Text. Aristoteles entwickelte in seiner Poetik daraus die Eigenschaften der Tragödie. Diese sei die Vergegenwärtigung einer Handlung, aber nur dann, wenn sie die Handlung vollständig zeige und sie mit einer bestimmten Fallhöhe versehe. Sonst ließen sich die Menschen nicht auf fremde Geschichten ein. Unter "vollständig" verstand er: Die Handlung muss einen Anfang, eine Mitte mit kritischem Umschlagspunkt und ein Ende haben. Dieses Ende habe sich notwendig aus dem vorherigen Geschehen zu entwickeln. Auf dieses Ende dürfe dann rein gar nichts mehr folgen.

Das galt seit der Antike dann meist als selbstverständlich. Zwar wurden über die Jahrtausende weit gefächerte und sehr verschiedene Überlegungen über die Erzählkunst angestellt. Und der Umgang mit dem Ende variierte auch, in den alten wie in neu entstehenden Kunstformen. Doch was immer auch erzählt und geschaffen wurde, es geschah - nach der Überwindung des mythischen Erzählens - im klaren Willen und Bewusstsein, dass es begrenzt ist. Die Welt sollte eine andere nach dem Ende der Erzählung sein, erst mit dem Ende schuf sie Differenz und Distinktion. Und dazu musste sie eben klar erkennbar und umrissen, also abgegrenzt sein. Ob man aus dem Unterschied, der so gemacht war, nun ableiten wollte, dass die Welt eine bessere geworden war oder werden musste, ist völlig unerheblich. Selbst Marcel Prousts "Verlorene Zeit", Robert Musils "Mann ohne Eigenschaften", James Joyce' "Ulysses" waren definierte Formen, die in ihrem sehr weit gefassten, nichtsdestoweniger aber begrenzten Rahmen mit Unabgeschlossenheit und Unabschließbarkeit etwa des Bewusstseinsstroms experimentierten. In solchen Werken war das Zeitvergehen Thema, aber sie selbst waren nicht endlos.

Heute beobachtet man dagegen einen klaren Willen zur Endlosigkeit, oftmals gepaart mit einer Freude an fiktionalen Details.

Die Mikrofragen an den aufgemachten Kosmos ("Woher stammt die Vase in Don Drapers Mad-Men-Büro?") haben die Makrofrage ("Was ist gerade die Erzählung?") fast völlig ersetzt. Binge-Watching, das Marathon-Gucken von TV-Serien, wird möglich durch die generelle Verfügbarkeit der Sendungen und Filmen. Dasselbe gilt für Bücher und Songs. Das Netz fungiert nun wie ein audiovisuelles Gedächtnis für alle Kulturformen. Selbst Fernsehen wird - wie etwa: "House of Cards" - gar nicht mehr für Sendeplätze produziert, sondern gleich mit allen Episoden einer Jahresstaffel in Netz gestellt. Das ist möglich, es ist aber auch gewollt.

Eintauchen in den Strom der Inhalte - und irgendwann wird noch die wüsteste Erzählung zum Lebensalltag

Denn es bedient den Wunsch nach nicht abgeschlossenen, nicht abschließbaren Geschichten, nach einem Kontinuum, das völliges Eintauchen in die gezeigten Welten ermöglicht, die gerne fiktional, aber bitte nicht endlich sein dürfen. Die Cowboys reiten nicht mehr gen Sonnenuntergang mit einem flirrenden "The End"-Schriftzug im fernen Westen, sie brechen zu einer neuen Episode auf.

Damit bekommt der "Realitätseffekt", von dem Roland Barthes sprach, eine neue Bedeutung: Noch die unwirklichsten Fiktionen, die schlimmsten Schurken, die grausamsten Herrscher werden durch die Dauerpenetration der Wahrnehmung zu vertrautem Umgang, sie werden Teil von Wirklichkeit und Zeitgenossenschaft. Noch die wüsteste Fiktion wird familiär, wenn sie sich in einem Lebensalltag breitmacht. Das gilt für einen Ober-Mafioso wie Tony Soprano; und Don Draper aus "Mad Men" mag zwar in einer Agentur im New York der Sechzigerjahre arbeiten, tatsächlich ist er in den sieben Staffeln zwischen 2007 und 2015 wie ein nahes Familienmitglied auch nur mit uns älter geworden.

Das ist nur möglich, weil eben nicht die eine Geschichte erzählt wird, sondern in einem fiktiven Kosmos ganz viele bizarre Schicksale verhandelt werden, einem Kosmos übrigens, dessen unirdische Kartografie man inzwischen besser kennt als die von Mutter Erde. Es hört dann bestimmt auch irgendwann auf, sicher. Aber es hätte auch irgendwie weitergehen können.

Schon die Begriffe Staffel und Episode sind sprechend. Beim Staffellauf übergibt eine Jahresproduktion an die nächste, doch wie jede Staffel läuft sie im Kreis. Und eine Episode, vom griechischen Wort "Epeisodion" für "Sprechszene", meint ursprünglich das "Hinzugekommene". So kann man sagen: Die schier unendlichen Geschichten, die gerade so populär sind, bestehen ausschließlich aus Ergänzungen zu einem nicht mehr vorhandenen Kern, sie sind kreisende Plots, denen die Story nachgerade abhandengekommen ist. Kein Mythos, keine Geschichte. Dazu fehlt ihnen schlicht das Ende, selbst wenn sie dann doch noch irgendwann aufhören. Sind sie darum so "lebensnah"? Das alles muss man nicht kritisieren oder schlecht finden. Doch kann man wohl mit Rilke sagen: "Dass man erzählte, wirklich erzählte, das muss vor meiner Zeit gewesen sein."