Süddeutsche Zeitung

Ausstellungen des Politkünstlers:Ai Weiwei Superstar

Kunst und Politik sind bei Ai Weiwei eine Einheit. Doch vor lauter Solidariät mit dem Dissidenten ist sein Werk zunehmend in den Hintergrund gerückt. Dabei zeigen zwei aktuelle Ausstellungen in London und Berlin: Die Auseinandersetzung mit dem chinesischen Künstler lohnt sich.

Alexander Menden

Die Eröffnung von "Dropping the Urn" ging vergangene Woche im Lärm der Frieze Art Fair unter. Dabei könnte das Interesse an dem Künstler, dessen Arbeiten das Londoner Victoria & Albert Museum in dieser kleinen, aber wichtigen Ausstellung zeigt, intensiver kaum sein: Gerade erst hat das Magazin Art Review Ai Weiwei auf den ersten Platz seiner "Power 100"-Liste gesetzt und damit zur einflussreichsten Persönlichkeit der internationalen Kunstszene gekürt.Und seit der Verhaftung in Peking Anfang April geht seine Prominenz sowieso weit über die Kunstwelt hinaus.

Man kann über Sinn und Zweck von Power-Listen streiten. Unstrittig ist jedenfalls, dass die Entscheidung des Art Review eine demonstrativ politische Geste war, und zwar eine dem Künstler durchaus angemessene. Denn auch für Ai Weiwei selbst besteht zwischen Kunst und politischem Aktivismus kein Unterschied. Doch seine politische Unbequemlichkeit speist sich nun einmal vor allem aus seinem Werk. Und das Werk ist bei all dem berechtigten Aufsehen, das seine Behandlung durch die chinesischen Staatsorgane verursacht hat, in letzter Zeit zu sehr in den Hintergrund getreten.

Bestes Beispiel für dieses seltsame Ungleichgewicht war die Londoner Enthüllung der Installation "Circle of Animals/Zodiac Heads" im Mai. Im Innenhof von Somerset House wurden zahlreiche, offenkundig von Herzen kommende Solidaritätsbekundungen abgegeben. Die Installation, von tiefer Ironie zugleich, blieb Staffage.

Im Juni offiziell entlassen, steht Ai Weiwei nun weiterhin unter Hausarrest. Ai Weiwei sei "noch immer in Gefahr", sagte denn auch am Wochenende Gereon Sievernich, Direktor des Berliner Martin-Gropius-Baus. Dort ist gerade eine Schau mit 220 Fotos aus Ais New Yorker Zeit in den Achtziger und Neunziger Jahren angelaufen. Bilder auf denen schon vieles angelegt ist, aber noch einiges angelernt aus der Pop Art der amerikanischen Metropole.

"Dropping the Urn" kommt nun aber als Erinnerung an Ai Weiweis spielerischen Ikonoklasmus gerade recht. Zunächst überrascht es, dass diese Schau in einem eher abseitigen Trakt des V&A gezeigt wird, am Ende einer langen Flucht von Sälen im sechsten Stock des riesigen Museumsgebäudes. Dort ist die Keramikabteilung untergebracht.

Die Urne, zerborsten am Boden

Dass dies der richtige Rahmen für "Dropping the Urn" ist, ergibt sich schon aus dem Material der Werke, die hier zu sehen sind: Ai Weiweis Keramik-Arbeiten gehören zu seinen ausdrucksstärksten und beziehungsreichsten. Nach eigener Aussage "hasst" er Porzellan. Das muss man gar nicht glauben, um die dreiteilige Fotoserie von 1995, die dieser Schau ihren Titel gibt, zu verstehen. Sie zeigt Ai Weiwei bei einem Zerstörungsakt: Auf dem ersten Bild hält er eine 2000 Jahre alte Urne aus der Han-Dynastie vor der Brust. Auf dem zweiten lässt er sie fallen. Auf dem dritten liegt sie zerborsten zu seinen Füßen.

Das kann man als Kritik der kulturrevolutionären Verwüstungen und der chinesischen Plünderung des eigenen Erbes verstehen. Doch hier, in direkter Nachbarschaft zu den Londoner Keramik-Sammlungen, wird vor allem die Beschäftigung des Künstlers mit der westlichen Sicht augenfällig. Porzellan war in Europa jahrhundertelang das begehrteste Produkt Chinas, es wurde in Gold aufgewogen, seine Herstellung war streng gehütetes Geheimnis. Gleich im nächsten Saal des V&A ist eine blauweiße "Blumenpyramide" aus Delfter Porzellan ausgestellt, um 1690 im "chinesischen Stil" gefertigt; daneben chinesisches Auftragsporzellan aus dem frühen 18. Jahrhundert. Diese anhaltende Chinoiserie-Fixierung des Westens ist Ai Weiwei wohlvertraut.

Daher steht etwa die Paarung der in seinem Auftrag gefertigten Reproduktion einer Quing-Vase (1996) mit einem Original aus jener Epoche (1736-95) zweifellos in einer westlichen Tradition. In diesen Stücken spiegelt sich aber nicht nur das verzerrte China-Bild des Westens, sondern auch die Geschichte der Moderne. Die Vase ist ein Fake, die fallende Urne ein Stück Aktionskunst. Urnen aus der Jungsteinzeit, die Ai Weiwei in Industriefarbe taucht oder mit Coca-Cola-Schriftzügen versieht, widmet er damit in Readymades um. Diese Praxis unterscheidet sich von der seriellen Verschandelung, die etwa die Chapman-Brüder an Goya-Grafiken vornehmen, durch ihre interkulturelle Doppelbödigkeit: Ai Weiwei spielt mit unserem Authentizitäts-Fetischismus ebenso wie mit der starren und zugleich widersprüchlichen Kulturbegriff, den das offizielle China von sich selbst verbreitet.

"Dropping the Urn" belegt, welch kluger, vielschichtiger Beitrag zum Dialog zwischen diesen Positionen seine Kunst ist. Es wird Zeit, dass auch der Künstler selbst wieder Gelegenheit bekommt, an diesem Dialog teilzunehmen.

"Ai Weiwei: Dropping the Urn" im Victoria & Albert Museum London, bis 18. März 2012. Info: +44 (0)20 7942 2000 begin_of_the_skype_highlighting +44 (0)20 7942 2000 end_of_the_skype_highlighting, Katalog 26 Pfund.

"Ai Weiwei in New York - Fotografien 1983-1993" im Gropiusbau Berlin, bis 18. März 2012. Info: 030 254 860 begin_of_the_skype_highlighting 030 254 860 end_of_the_skype_highlighting, Katalog 28 Euro.

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SZ vom 18.10.2011/anbo
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