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Ausstellungen des Politkünstlers:Die Urne, zerborsten am Boden

Dass dies der richtige Rahmen für "Dropping the Urn" ist, ergibt sich schon aus dem Material der Werke, die hier zu sehen sind: Ai Weiweis Keramik-Arbeiten gehören zu seinen ausdrucksstärksten und beziehungsreichsten. Nach eigener Aussage "hasst" er Porzellan. Das muss man gar nicht glauben, um die dreiteilige Fotoserie von 1995, die dieser Schau ihren Titel gibt, zu verstehen. Sie zeigt Ai Weiwei bei einem Zerstörungsakt: Auf dem ersten Bild hält er eine 2000 Jahre alte Urne aus der Han-Dynastie vor der Brust. Auf dem zweiten lässt er sie fallen. Auf dem dritten liegt sie zerborsten zu seinen Füßen.

Das kann man als Kritik der kulturrevolutionären Verwüstungen und der chinesischen Plünderung des eigenen Erbes verstehen. Doch hier, in direkter Nachbarschaft zu den Londoner Keramik-Sammlungen, wird vor allem die Beschäftigung des Künstlers mit der westlichen Sicht augenfällig. Porzellan war in Europa jahrhundertelang das begehrteste Produkt Chinas, es wurde in Gold aufgewogen, seine Herstellung war streng gehütetes Geheimnis. Gleich im nächsten Saal des V&A ist eine blauweiße "Blumenpyramide" aus Delfter Porzellan ausgestellt, um 1690 im "chinesischen Stil" gefertigt; daneben chinesisches Auftragsporzellan aus dem frühen 18. Jahrhundert. Diese anhaltende Chinoiserie-Fixierung des Westens ist Ai Weiwei wohlvertraut.

Daher steht etwa die Paarung der in seinem Auftrag gefertigten Reproduktion einer Quing-Vase (1996) mit einem Original aus jener Epoche (1736-95) zweifellos in einer westlichen Tradition. In diesen Stücken spiegelt sich aber nicht nur das verzerrte China-Bild des Westens, sondern auch die Geschichte der Moderne. Die Vase ist ein Fake, die fallende Urne ein Stück Aktionskunst. Urnen aus der Jungsteinzeit, die Ai Weiwei in Industriefarbe taucht oder mit Coca-Cola-Schriftzügen versieht, widmet er damit in Readymades um. Diese Praxis unterscheidet sich von der seriellen Verschandelung, die etwa die Chapman-Brüder an Goya-Grafiken vornehmen, durch ihre interkulturelle Doppelbödigkeit: Ai Weiwei spielt mit unserem Authentizitäts-Fetischismus ebenso wie mit der starren und zugleich widersprüchlichen Kulturbegriff, den das offizielle China von sich selbst verbreitet.

"Dropping the Urn" belegt, welch kluger, vielschichtiger Beitrag zum Dialog zwischen diesen Positionen seine Kunst ist. Es wird Zeit, dass auch der Künstler selbst wieder Gelegenheit bekommt, an diesem Dialog teilzunehmen.

"Ai Weiwei: Dropping the Urn" im Victoria & Albert Museum London, bis 18. März 2012. Info: +44 (0)20 7942 2000 begin_of_the_skype_highlighting +44 (0)20 7942 2000 end_of_the_skype_highlighting, Katalog 26 Pfund.

"Ai Weiwei in New York - Fotografien 1983-1993" im Gropiusbau Berlin, bis 18. März 2012. Info: 030 254 860 begin_of_the_skype_highlighting 030 254 860 end_of_the_skype_highlighting, Katalog 28 Euro.

© SZ vom 18.10.2011/anbo

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