Gefälschte Hitler-Tagebücher Hunger auf Nazi-Zeug

There is no business like Nazi business: Vor 25 Jahren trieb die Gier den Stern in den größten Skandal seiner Geschichte. Anmerkungen über journalistischen Übermut.

Von Willi Winkler

Er war zum Greifen nah, warum also nicht zugreifen? Schließlich war eine "Begegnung von großem zeitgeschichtlichen und auch menschlichen Wert" zu erwarten, dafür zeigte sich der Stern gern bereit, die Ausführungen "der genannten Persönlichkeit" unverändert wiederzugeben, wenn sie, diese Persönlichkeit, nur ja bitte exklusiv im Stern auftrat.

Am 25. April 1983 hielt "Stern"-Reporter Gerd Heidemann während einer Pressekonferenz in Hamburg stolz eines der angeblichen Tagebücher in die Kamera.

(Foto: Foto: AP)

Über einen Mittelsmann wurde ein Vertrag geschlossen, und der Bonner Bürochef des Stern reiste 1964 in den paraguayischen Urwald, um das ersehnte Gespräch mit dem ehemaligen NSDAP-Reichsleiter und Hitler-Stellvertreter Martin Bormann zu führen, in dem er garantiert unzensiert seine Meinung über Gott und die Welt und unbedingt auch Adolf Hitler ausbreiten sollte. Leider wurde dann nichts aus dem exklusiven Auftritt Bormanns, was man auch menschlich bedauern muss, denn Martin Bormann war bereits seit 19 Jahren tot.

Das hinderte den Stern jedoch nicht, an sein wie immer geartetes Nachleben zu glauben. Zwischendurch wurde er immer wieder für tot erklärt, unter anderem vom Stern, aber so schnell wollte man die Hoffnung nicht aufgeben. Bormann durfte nicht sterben, und sein Chef erst recht nicht.

SS-Generäle als Trauerzeugen

In seinem Testament hatte Hitler das deutsche Volk verflucht, weil es den "asiatischen Horden" nicht mehr Widerstand leistete. Sowas kränkte. Hitler konnte nicht einfach so abtreten. Man wollte doch mehr wissen von ihm: Wie war das mit Eva Braun? Warum war er Vegetarier? Und Blondi, was wurde eigentlich aus Blondi? Der Stern lieferte bereitwillig derlei menschelnde Sättigungsbeilagen. Deshalb wurde nicht der Gründer Henri Nannen, nicht der wortgewaltige Sebastian Haffner, nicht einmal der wendige Hans-Ulrich Jörges der berühmteste Stern-Autor, sondern Adolf Hitler, der sein Lebtag lang wenig, sehr wenig schrieb, dafür aber nach seinem plötzlichen Ableben umso mehr.

Auch wenn heute alle Schuld auf den Nazi-Tölpel Heidemann geschoben wird: Der Stern bekam von ihm, was er wollte. Hitler ging immer, das hat nicht zuletzt Bernd Eichinger wieder bewiesen.

Niemand wird bestreiten, dass Gerd Heidemann ein Fanatiker war. Mit der Journalisten eigentümlichen Schlachtenlust hatte er in den 60ern aus den Bürgerkriegsgebieten Afrikas berichtet, um sich dann dem keineswegs so geheimnisvollen Geheimnis um die Identität des Schriftstellers B. Traven zu widmen. Heidemann war ein Star, mit dem der Stern in Anzeigen Werbung machte. In einem Brief an den damaligen Außenminister Walter Scheel schlug Ministerialdirigent Kurt Müller 1972 nach einer Flugzeugentführung vor, den erfolgreichen Reporter Heidemann von Regierungsseite mit weiteren Recherchen zu beauftragen.

Doch Heidemann hatte Größeres im Sinn. Der Reporter freundete sich zielgerichtet mit dem beinah achtzigjährigen SS-General Karl Wolff an, der "körperlich und geistig wohlerhalten" war. Er lud ihn wie auch andere Nazi-Veteranen wiederholt auf seine Yacht "Carin II" ein, die früher einmal Hermann Göring gehört hatte. Selbst der aufrechte Erich Kuby fand an Bord mit Karl Wolff zusammen und ließ "das herrliche Dritte Reich mit General Wolff auferstehen". Nachdem er sich von seiner langjährigen Freundin, die nicht ganz zufällig eine Tochter Hermann Görings war, getrennt hatte, heiratete Heidemann 1979 ein viertes Mal. Zu Trauzeugen bat er Wolff und gleich noch einen weiteren ehemaligen SS-General.

Wenn es der Wahrheitsfindung dient

Wo andere in die Flitterwochen nach Italien oder in die Südsee fuhren, reiste Heidemann mit seiner neuen Frau nach Südamerika und nahm Karl Wolff mit; der Stern zahlte dem infernalischen Trio bereitwillig die Reisekosten, schließlich galt der Honigmond einem guten Zweck: Im Auftrag des Magazins suchte Heidemann wieder mal nach Martin Bormann. Wenn er vielleicht doch noch lebte, dann sollte er bittschön exklusiv im Stern auferstehen. In La Paz schauten sie bei Klaus Barbie vorbei, dem in Frankreich in Abwesenheit zum Tode verurteilten "Schlächter von Lyon". Barbie war eine Enttäuschung, mit Bormann wurde es wieder nichts, der Hunger auf Nazi-Zeug blieb ungestillt beim Stern.

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Hitler-Tagebücher: Kujaus Hitler-Coup vor 25 Jahren

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