Süddeutsche Zeitung

Gedicht von Günter Grass zur Griechenland-Krise:Europas Schande

"Dem Chaos nah, weil dem Markt nicht gerecht..." In einem zornigen Gedicht äußert sich Nobelpreisträger Günter Grass zur Griechenland-Krise. Europa stelle das Land, in dem die europäische Idee einst geboren wurde, an den Pranger, beraube es seiner Rechte und verurteile es zu Armut, klagt er. Und der Dichter zeigt Verständnis für die Wut der Griechen.

Als sich Günter Grass mit seinem Gedicht "Was gesagt werden muss" vor gut sieben Wochen an dieser Stelle in die Nahost-Debatte einschaltete, war die Reaktion der Leser und der Medien groß. Sie war größer, als auf jedes andere Thema, das die Süddeutsche Zeitung in den vergangenen Jahren behandelte. Zunächst drehte sich die Debatte vor allem darum, ob Grass mit seinem Gedicht gegen einen etwaigen Angriff Israels auf Iran unzulässige, wenn nicht gar antisemitische Kritik an Israel geübt hatte. Vor allem sein spätes Geständnis von 2006, dass er als Jugendlicher Mitglied der Waffen-SS war, machte es in den Augen vieler Kritiker für Grass unmöglich, sich in die Nahostdebatte einzumischen. Es dauerte, bis es im Diskurs um den politischen Kern des Gedichts ging - die Frage nach dem präventiven Krieg. Nun meldet sich Günter Grass wieder mit einem Gedicht zu Wort - zur Debatte um Griechenland. Die Form der Meinungsäußerung mag umstritten sein, doch sie hat Tradition. Von der Antike über Bertold Brecht bis hin zu der Lyrik des Hip-Hop erlaubte die metrische Form, komplexe politische Zusammenhänge zu verdichten, ohne sich mit dem Slogan zu begnügen. Für Günter Grass hat die politische Einmischung wiederum eine biografische Tradition. Als Mitglied der Gruppe 47 verstand er in den Jahren nach dem Kriege die Literatur noch als "Schreiben gegen das Vergessen". Bald gehörte das politische Engagement für ihn wie selbstverständlich zur Rolle des Schriftstellers und Dichters. Spätestens mit der Verleihung des Literaturnobelpreises im Jahr 1999 war Günter Grass auch international als Stimme eines moralischen Deutschland anerkannt.

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Quelle:
SZ vom 26./27./28.05.2012
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