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Gedicht von Durs Grünbein:Ein Feind, unsichtbar

Durs Grünbein dichtet über die Auswiekungen von Corona: "Die Ampeln schalten nachts weiter, auch ohne Verkehr. Es gibt kein Theater mehr, Kinos und Bars sind geschlossen in den Zeiten der Pandemie. So sicher war die Stadt nie."

Die Ampeln schalten nachts weiter,

auch ohne Verkehr.

Es gibt kein Theater mehr,

Kinos und Bars sind geschlossen

in den Zeiten der Pandemie.

So sicher war die Stadt nie.

In den Warenhäusern trauern die Waren.

Sogar die Tempelbezirke des Konsums

sind mitten am Tag menschenleer.

Einzelne Passanten, asiatisch maskiert,

ziehen in Zeitlupe um die Wohnblocks

wie Mimen auf einer leeren antiken Bühne.

Verhärtet sind jetzt die Straßenfronten

mit ihren Friseursalons, den klinikweißen

Büros nackt unterm Röntgenblick.

Jemand oder etwas belagert die Stadt,

ein Feind, der unsichtbar bleibt.

Nur von ihm ist die Rede,

von nichts anderem mehr.

Alles zivile Leben erloschen

bis auf die tägliche Pressekonferenz,

die schütteren Reihen vorm Supermarkt.

So schnell kann es gehen,

schreibt ein kleines Mädchen ins Tagebuch,

und etwas von einem bösen Traum,

der den Frühling verschlingt,

von Hausarrest, der bald enden soll.

Nicht alle werden sich wiedersehen.

© SZ vom 09.04.2020

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