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Gedicht um Gedicht:Die ewig junge Lyrik

Jan Wagner

Jan Wagner ist vieles: Schriftsteller, Herausgeber, Übersetzer aus dem Englischen, Lyriker und nun Kurator des "Forum:Autoren" beim diesjährigen Literaturfest München. Kein Wunder, dass es dabei um Gedichte und Großbritannien geht.

(Foto: Villa Massimo, A. Novelli/dpa)

Jan Wagner, der Verfasser der "Regentonnenvariationen" und Büchner-Preisträger 2017, über Ironie, das Reisen und Tomaten-Gedichte.

SZ: Herr Wagner, wie fühlt sich der Büchnerpreis an?

Jan Wagner: Sehr ungewohnt, ich kneife mich immer noch und bin aber auf das schönste überrascht.

Dichtet man einfach weiter nach so einer Auszeichnung?

Ich hoffe es, dass man einfach Gedicht um Gedicht weiterschreiben kann. Bisher war es bei all den anderen, die den Büchnerpreis erhalten haben, ja auch möglich.

Viele Ihrer Gedichte zeichnen sich durch eine feine Ironie aus. Wie wichtig ist Ihnen der Humor?

Es sind keine Witze, die auf eine Pointe zusteuern. Aber eine gewisse Ironie ist wichtig in der Lyrik und kann nicht schaden. Ich glaube auch, dass Selbstironie Dichtern nicht schlecht steht. Jedenfalls sind viele der Dichter, die ich bewundere, zwar keine Possenreißer, aber Leute, die einen oft grimmigen Humor haben.

Zum Beispiel?

Ich denke an den Iren Matthew Sweeney oder an den Amerikaner Charles Simic, der einen wunderbar feinsinnigen Humor hat, der sich oft mit Metaphysik vermischt. Wie ein feines Lächeln in Richtung Himmel. Oder Wallace Stevens, der hat einen Humor, der sich auch in den Klängen äußert. Er schreibt manchmal ganze Wortkaskaden, die hinreißend und auch sehr komisch sind. Ich glaube Humor steht einem Gedicht sehr gut, wenn er nicht zum Selbstzweck wird und sich das Gedicht nicht mit einer Pointe erübrigt.

Weil man sich mit Ironie und Humor auch weniger angreifbar macht?

Ich glaube im Gegenteil, dass man sich angreifbar macht. Es gibt genug Leute, die in Gedichten das Hehre der Lyrik sehen wollen und keinen Humor. Das ist bestimmt keine Mehrheit, aber den Vorwurf gibt es. Es mag aber sein, dass man sich durch Ironie auf eine bestimmte Weise auch weniger angreifbar machen kann. Ich neige eher in meinen Essays zu offenem Humor.

Ein anderes wiederkehrendes Thema Ihrer Gedichte ist das Reisen. Schreiben Sie gerne wenn Sie unterwegs sind?

Ich glaube beim Reisen gerät jeder in den Zustand der wünschenswert ist für das Schreiben von Gedichten. Man geht mit offenen Augen und allen Sinnen durch die Welt. Man ist neugierig, allein durch die Tatsache, dass man sich an einem neuen und unbekannten Ort aufhält. Man schaut die Dinge genauso intensiv an, wie man sie eigentlich immer anschauen sollte. Der Zustand des Reisens ist immer dem des Dichtens entsprechend, man reist auch, wenn man im Ohrensessel sitzt, aber dann eben nur im Kopf.

Wie direkt beeinflussen diese fremden Orte Ihre Gedichte?

Orte, an denen ich gewesen bin, habe ich auch in Gedichten beschrieben oder habe Motive von dort verwendet. Ich habe aber auch über viele Orte geschrieben, an denen ich noch nie war, die ich also nur im Kopf bereist habe.

Viele Ihrer Gedichte verwenden gebundene Formen wie das Sonett oder das Haiku. Ist das nicht etwas altmodisch?

Das ist ein Spiel mit den Formen. Man kann auch fragen, ob Lyrik generell nicht ein wenig altmodisch ist. Die Wahrheit ist natürlich, dass die Lyrik ewig jung bleibt. Und so ist es auch mit gewissen Formen. Diese Formen sind da und niemand muss sie nutzen. Für mich wäre es aber ein Verlust an Freiheit, sie nicht zu nutzen, weil sie alle ihren eigenen Reiz haben und sie ganz neue poetische Kräfte freisetzen können, wenn man mit ihnen spielt. Jede von ihnen übt einen besonderen Zwang aus. Und der führt dazu, dass man vollkommen neue Bilder und Gedanken entwickeln muss. Das führt im besten Fall dazu, dass man vom eigenen Gedicht überrascht wird. Wichtig ist, dass man die Form nicht auffüllt, dann wirkt es tatsächlich altbacken. Und es geht um Himmels willen nicht darum, diese Form am Leben zu erhalten.

Gibt es Kritik an diesen Formen?

Ich habe Freunde, die fragen, warum ich diese Form benutze, das enge doch ein. Ich verstehe die Vorbehalte, aber das Gegenteil ist der Fall. Die Formen haben etwas befreiendes, wenn man sie so nutzt, wie ich es beschrieben habe.

Sie schreiben sehr konkret über bestimmte Gegenstände wie "Tomaten"? Braucht man irgendwann eine neue Tomate?

Ob man zwei Tomatengedichte schreiben kann? Mit Sicherheit. Ich habe auch schon mehrere Quallen- und Esel-Gedichte geschrieben. Gerade wenn Zeit vergangen ist und man die Tomate zwangsläufig aus der Perspektives eines gealterten Menschen betrachtet, dann braucht es ein neues Tomaten-Gedicht.

© SZ vom 29.06.2017

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