Gedenkstätte:Das Vermächtnis von Lidice

Die Gedenkstätte im tschechischen Lidice, in der an das Massaker der Nationalsozialisten an der Dorfbevölkerung im Juni 1942 erinnert wird, verliert ihre Leiterin und zehn weitere Angestellte im Streit.

Von Viktoria Großmann

Die Gedenkstätte im tschechischen Lidice, in der an das Massaker der Nationalsozialisten an der Dorfbevölkerung im Juni 1942 erinnert wird, verliert ihre Leiterin und zehn weitere Angestellte. Der tschechische Kulturminister Lubomír Zaorálek hatte Martina Lehmannová vor die Wahl gestellt. Sie könne entweder zurücktreten oder er werde sie entlassen. Er wirft ihr vor, die Gefühle der Überlebenden sowie der Nachkommen der Opfer verletzt zu haben. Lehmannová hatte vorgeschlagen, in der Gedenkstätte auch an eine jüdische Frau zu erinnern, die drei Jahre in Lidice versteckt gelebt hatte, aber kurz vor dem Massaker an die Gestapo verraten worden war. Die Historikerin hatte die Gedenkstätte seit 2017 geleitet. Seitdem hatte sich die Besucherzahl signifikant erhöht.

Ursprung des Streits sind Forschungen des Historikers Vojtěch Kyncl von der tschechischen Akademie der Wissenschaften. Er hatte Dokumente über eine Jüdin gefunden, die in Lidice lebte. Nach ihrer Entdeckung wurde sie nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Nachdem das Fernsehen über seine Erkenntnisse berichtet hatte, begann der Streit.

Kyncl und Lehmannová werfen nun dem Kulturminister vor, Fakten unter den Tisch kehren zu wollen, die ihm unliebsam scheinen. Für ihn sei das Verhalten Zaoráleks eine "Attacke auf die freie Forschung", schreibt Kyncl der SZ. Niemand vom Kulturministerium habe je mit ihm gesprochen. Zehn Mitarbeiter haben sich auf die Seite Lehmannovás gestellt. Sie waren überwiegend für die Bildungsarbeit und die Publikationen der Gedenkstätte verantwortlich. In einem offenen Brief erklären sie, der Kulturminister leugne offenbar historische Fakten und politisiere Wissenschaften und Kultur.

Zaorálek ist ein langjähriger und bekannter Politiker, er war früher bereits Außenminister. In einem Beitrag für die links orientierte Zeitschrift Právo (Recht), schrieb er, er habe einen Brief von Nachkommen Überlebender erhalten. Sie hätten sich beschwert, dass Lehmannová ihrem Leiden und dem ihrer Familien gleichgültig gegenüberstehe und die Fakten dieser Tragödie verdrehe.

Das Dorf Lidice wurde am 10. Juni 1942 von den Nationalsozialisten zerstört. Es war eine Vergeltungsaktion für das tödliche Attentat auf Reinhard Heydrich, dem das von den Nationalsozialisten besetzte Böhmen und Mähren unterstellt war. Die Nazis erschossen 173 Männer noch im Dorf. Die meisten Frauen wurden in Konzentrationslager gebracht, 81 Kinder im Vernichtungslager Kulmhof ermordet. Nach dem Krieg wurde Lidice zusammen mit dem Dorf Ležáky, dessen Bewohner ebenfalls Opfer der Racheaktion wurden, zum Symbol für die grausamen Verbrechen der Deutschen und den Widerstand der Tschechen. Vor allem als Beispiel für kommunistischen Widerstand wurde der Ort nach dem Krieg von der neuen Führung vereinnahmt. Deren geistiges Erbe bewahrt der Bund der Kämpfer für die Freiheit (ČSBS), welcher die Absetzung Lehmannovás forderte. Der Verein steht der kommunistischen Partei nahe. Diese stützt die Minderheitsregierung.

"Ich beurteile die Direktorin nicht anhand dessen, wie sie forscht", sagt der Minister

"Es war eine Kampagne", sagt Lehmannová der SZ. Wesentlich geführt vom Bund der Freiheitskämpfer, dem auch acht der elf noch lebenden direkten Nachkommen der Opfer von Lidice angehören. Lehmannová betont, dass die einzige noch lebende Zeitzeugin ihre Arbeit immer unterstützt habe. In der Erklärung zu ihrem Rücktritt schreibt sie: "Die Aufgabe der Gedenkstätte ist, die Geschichte in ihrer ganzen Breite darzustellen, kritisch, und Diskussionen nicht abzulehnen, auch nicht über Dinge, die nicht angenehm sind." Der Minister habe sie darin nicht unterstützt.

Zaorálek hingegen erklärt, oberste Aufgabe der Gedenkstättenleiterin sei die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Angehörigen der Opfer. "Vor allem sollte mit ihnen kein Krieg geführt werden", schreibt eine Sprecherin des Ministeriums auf Anfrage der SZ. Es bestehe aber "kein Zweifel" daran, dass die jüdische Frau, deren Schicksal Kyncl erforscht hat, Teil der Geschichte von Lidice ist. Deshalb sollte an sie in der Gedenkstätte erinnert werden. Ein neuer Leiter wird nun gesucht, er soll die Situation beruhigen. Worauf es Zaorálek ankommt, erklärte er auch in einem Interview mit dem Magazin Respekt: "Ich beurteile die Direktorin nicht anhand dessen, wie sie forscht. Es geht darum, wie sie sich gegenüber den Überlebenden verhält."

© SZ vom 06.02.2020
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