Süddeutsche Zeitung

Geburtstag:Heiterer Spielverderber

Legendär ist sein Talent, bei jeder Debatte genau da zu stehen, wo der polemische Funke springt: Der Philosoph Alain Finkielkraut wird 70.

Gäbe es eine Auszeichnung für das hartnäckige Schwimmen gegen den Strom unserer Epoche, wäre Alain Finkielkraut ein legitimer Anwärter dafür. Seit 40 Jahren steht dieser Intellektuelle in Alarmbereitschaft. Gegen die Verheißungen der "sexuellen Revolution" nach '68 ("Die neue Liebesunordnung", 1977), gegen die falsch verstandene Demokratisierung der Kultur ("Die Niederlage des Denkens", 1987), gegen den vordergründigen Erinnerungskult ("Die vergebliche Erinnerung", 1989), gegen die Trugbilder eines unverbindlichen Humanismus ("Verlust der Menschlichkeit", 1996), gegen die Obsession von Grenzabbau in allen Bereichen ("Internet - die beängstigende Ekstase", 2001), gegen die Euphorie der coolen Weltläufigkeit und der redundanten Kommunikation. Im Buch "L'identité malheureuse" zog er 2013 auch gegen die moderne Ablehnung jeder Art von althergebrachten Zugehörigkeitsgefühlen ins Feld mit dem explosiven Argument, Masseneinwanderung führe zum nationalen Identitätsverlust. Von seinen einseitigen Stellungnahmen - für Kroatien einst während dem Jugoslawienkrieg, für die israelische Politik heute gegen die Palästinenser - ganz zu schweigen.

Unter den berühmten französischen Intellektuellen André Glucksmann, Bernard-Henri Lévy, Pascal Bruckner, die in den Siebzigern als "neue Philosophen" mit dem Diskurs der Menschenrechte gegen Michel Foucault, Gilles Deleuze, Jacques Derrida und deren These vom "Ende des Humanismus" antraten, hat Finkielkraut einen ganz eigenen Weg eingeschlagen. Manche reihen ihn heute unter die "neokonservativen" oder gar "reaktionären" Denker ein. Selbst wenn dem so wäre, bleibt er neben Régis Debray der wohl anregendste seiner Generation. Denn die Polemik ist bei ihm, so sehr er sie auch immer wieder suchen mag, nicht Attitüde und Imagepflege, sondern eine wahre Berufung. Die Zuckungen um den Mund, noch bevor er im Disput jeweils das erste Wort gesagt hat, die Verrenkungen beim Sprechen, das nervöse Scharren in den Zetteln und aufgeschlagenen Büchern sind Beweise dafür, wie ernst es ihm beim Thema jedes Mal ist. Diese Ernsthaftigkeit macht ihn zu einem wertvollen Herausforderer unserer modernen Überzeugungen von der Selbstverantwortlichkeit, der tabulosen Hinterfragung aller Dinge und der angeblich menschenverbindenden Spaßkultur. Alain Finkielkraut hat ein feines Gespür für den Hang der Aufklärung zum Postulat totaler Transparenz, der Vernunft zur totalitären Perfektion und der im Massengefühl kurzgeschalteten Individualgesellschaft zum Rausch.

Legendär ist sein Talent, bei jeder Debatte genau da zu stehen, wo der polemische Funke springt

Der Gedankengang dieses in Paris geborenen jüdischen Emigrantensohns polnischer Herkunft ist nie abstrakt, sondern verbindet philosophische Texte von Platon bis Charles Péguy, Hannah Arendt, Émmanuel Lévinas geschickt mit Alltagsbeobachtung und politischer Aktualität. Sein Wissen verdanke er der öffentlichen Schule der Republik Frankreich, die ihn mit einem soliden Bildungskanon seinem Milieu entrissen und ihm neue Horizonte eröffnet habe, betont Finkielkraut gern. Entsprechend virulent sind seine Vorwürfe an die moderne Schule, die den Kindern nichts mehr beibringen, sondern sie nur noch in ihrem Selbstgefühl bestätigen wolle. Getragen von seinem Hang zum Aufrütteln schießt dieser Intellektuelle manchmal übers Ziel seines Anliegens hinaus. Doch vermag das den wahren Kern seiner Argumente nie ganz zu verdecken. Etwa bei seiner Kritik am Multikulturalismus und an der seiner Ansicht nach übertriebenen Rücksichtnahme auf Minderheiten in der westlichen Gesellschaft. Frankreich sei nicht mehr jenes "kollektive Besondere", jenes Substrat eines gemeinsamen Schicksals, das es einmal war, sondern nur noch ein Schmelztiegel zur Vermischung der auf ihrer Eigenheit beharrenden vielfältigen Zuwanderungsschübe, schrieb er in "L'identité malheureuse" und wunderte sich mit gespielter Naivität: "Zum ersten Mal in der Migrationsgeschichte verweigert der Ankömmling dem Daseienden die Legitimität, sein Land zu verkörpern."

Falsch wäre es jedoch, Finkielkraut wegen solcher Sätze als intellektuellen Wegbereiter eines vierschrötigen Patriotismus oder gar Rechtspopulismus hinzustellen. Bei allem Überzeugungseifer sucht er nicht nahtlose Einhelligkeit, sondern die offene Auseinandersetzung, manchmal mit einer unüberhörbaren Wonne am Streit. Die von ihm seit über dreißig Jahren im französischen Rundfunk betriebene Disputsendung "Répliques" beweist es. Und ebenso legendär wie diese Sendung ist sein Talent, bei jeder Gesellschaftsdebatte genau an der Stelle zu stehen, wo der polemische Funke springt. Während den "Occupy"-Sit-Ins der "Nuit debout" vor drei Jahren in Paris schlenderte er eines Abends wie zufällig über die Place de la République und ließ sich von einigen Linksaktivisten prompt vertreiben. An einer "Gelbwesten"-Demonstration im vergangenen Februar zeigte er sich auf dem Boulevard de Montparnasse und wurde als "Zionist" angepöbelt. Und bei der Eröffnung der Frauen-Fußballweltmeisterschaft erregte er vor zwei Wochen Empörung mit der Bemerkung, Frauen in kurzen Hosen und einem Ball vor den Füßen seien nicht nach seinem Geschmack, denn das sehe heute eher einem moralischen Aufruf zur totalen Gleichstellung als einem sportlichen Wettstreit ähnlich.

Alain Finkielkraut, seit drei Jahren Mitglied der Académie Française, betreibt Philosophie nicht als Begriffeschmieden und Theorieentwickeln. Er ist ein philosophischer Zaungast der modernen Gesellschaft, ein heiterer Spielverderber unserer Freude an den neusten Errungenschaften. Selbst seine Beteuerungen, Dinge wie Mobiltelefone brauche er nicht und schreiben tue er weiterhin auf Papier, sind eher gezielte Argumentationseffekte als Marotten eines Nostalgikers. Und als verlässlicher Streitbruder ist dieser Denker auch an seinem 70. Geburtstag, den er am kommenden Sonntag feiern wird, beschwingter denn je.

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SZ vom 28.06.2019
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