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"Gauguin Portraits" in London:Auch ich in Ozeanien

Kann man Paul Gauguins Südsee-Mädchen heute noch zeigen? Eine Londoner Ausstellung zu seinen Porträts versucht es. Allerdings verzichtet sie weitgehend auf Gemälde nackter Frauen.

Sprechen wir erst mal nicht über die manchmal doch abstoßenden Frauenbilder. Beginnen wir mit einem abgeschlagenen Kopf. Folgt man der Ausstellung "Gauguin Portraits" in der Londoner National Gallery, ist bei Paul Gauguin der Schädel eines Enthaupteten ja unbedingt ein Porträt. Auf "Arii Matamoe (Königliches Ende)" von 1892 malte Gauguin das Haupt des tahitianischen Königs Pomaré V. auf einem weißen Kissen, den Mund halb geöffnet, die Augen geschlossen. Den Vordergrund schmücken Blüten, hinten kauern Trauernde neben Statuen. In einem feinen Gleichgewicht von Würde und Schrecken inszenierte Gauguin das Ende der fernen Majestät als christliches Andachtsbild. Die Tahitianer, so legt sein Bild nahe, verehren ihre verblichenen Herrscher mit ähnlich morbider Inbrunst wie die Christen Johannes den Täufer.

Nun, das taten sie nicht. Als König Pomaré V. starb, war Gauguin enttäuscht, weil die Zeremonie dann doch recht vertraut wirkte, Reden, Blumen, Sarg. Eher französische Staatstrauer als Kopf-ab. Allerdings waren die Tahitianer Gauguin ohnehin vor allem ästhetisch-spirituelles Reservoir. Der französischen Regierung hatte er in der Hoffnung auf finanzielle Unterstützung seiner Reisen ethnologisches Interesse vorgespielt, aber in Wahrheit benutzte er die Farben und Bräuche der Südsee immer mit Blick auf die westliche Kunstszene. "Er schickte das Bild zum Jahrestag der Enthauptung Ludwig XVI. nach Paris", sagt Christopher Riopelle, einer der beiden Kuratoren: "Als er nach Frankreich zurückkehrte, war er pleite, aber er hatte seinen ,unique selling point' gefunden."

Gauguins Porträts zeigten nicht Status oder Stimmungen. Sie waren künstlerische Manifeste

Gauguin, Sohn einer spanisch-peruanischen Mutter und aufgewachsen in Peru, war als Börsenmakler zu Wohlstand gekommen, aber als Maler hatte er es schwer. Seine Präsentation als Entdecker entlegener Pastoralen und Vermittler zwischen den Welten diente immer künstlerischen und merkantilen Zwecken zugleich.

Dass er eine mythisch-primitive Idylle beschwor, die es längst nicht mehr gab, weil die Insulaner kolonisiert, missioniert und mit Syphilis infiziert waren - letzteres ein Umstand, zu dem Gauguin einiges beitrug -, wusste niemand besser als er. Aber die Sehnsucht nach einem spirituell intakten Paradies inspirierte ihn zu jener unnachahmlichen Mischung aus Südseemotiven, europäisch geschulter Kompositionstradition und völlig neuartigem Einsatz von Farbe und Formen, die bis heute an Kraft und Tiefe nicht verloren hat: So verurteilenswert man es finden mag, dass Gauguin die Südsee künstlerisch und persönlich ausbeutete, so hatte doch niemand bisher der Kultur Ozeaniens, ihren Statuen, Schriften und Traditionen, den Weg in die europäische Malerei geebnet. Daran ändern auch die postkolonialen Debatten nichts. Gauguins Werke besitzen heute eine große Anziehungskraft.

"Gauguin Portraits" ist Londons große Herbstschau und versucht, trotz aller problematischen Seiten die Leistung eines visionären Künstler in einer der ältesten Kunstformen der Welt zu würdigen. Gauguin interessierten nicht Charakter, Stimmungen oder Status. Psychologische Deutungen waren ihm gleichgültig. Seine Porträts waren symbolistische oder spirituelle Arrangements, Laboratorien für neue Techniken, Mittel der Selbstkundgabe, kurz: Manifeste eines Künstlers über die Kunst. Legt man Baudelaires Unterscheidung von zwei Arten von Porträtkunst - "als Geschichte oder als Fiktion" - zugrunde, dann hatte Gauguin seine Entscheidung getroffen.

Dieser Aufgabe wird die Schau gerecht. Die sieben Säle sind weitgehend biografisch sortiert. Den Anfang machen frühe Selbstporträts, auf denen Gauguin sich aus Wut über seinen kommerziellen Misserfolg in Christuspose darstellte: ein Märtyrer der Kunst. Deutlich distanzierter malte er seine Kinder. Tochter Aline kauert versunken hinter einem Tisch mit gigantischen Orangen. Kein Weg führt in die Fantasie des Mädchens hinein - und keiner hinaus. Wie vor ihm Edgar Degas oder Paul Cézanne machte Gauguin kaum einen Unterschied zwischen Portrait und Stillleben, beseelten und unbeseelten Motiven - so wie Kinder tote Gegenstände zum Leben erwecken können. "Meine Kunst reicht sehr weit zurück, weiter zurück als die Pferde auf dem Parthenon - sie reicht zurück bis zu dem lieben alten hölzernen Schaukelpferd meiner Kindheit", so zitiert der Katalog Gauguin.

Eindringlich wird dies in den Werken über seine Freunde deutlich: Vincent van Gogh, mit dem er in Arles die berühmteste WG der Kunstgeschichte teilte, und dem weniger bekannten Maler Meijer de Haan. Zehn Jahre nach van Goghs Tod war Gauguin noch immer so besessen von seinem Rivalen, dass er sich Sonnenblumensamen nach Tahiti schicken ließ und sich in "Stillleben mit ,Hoffnung'" auf anrührende Weise verneigte: Die Sonnenblumen, in denen er als einer der ersten van Goghs größte künstlerische Leistung erkannte, beschworen die Gegenwart seines Freundes, während zwei Gemälde, die beide bewundert hatten - eines von Degas, eines von Pierre Puvis de Chavannes - ihre Verbundenheit als Künstler bezeugten.

Meijer de Haan entstammte einer jüdischen Familie in Amsterdam und war für Gauguin nicht Konkurrent, sondern Schüler und Gesprächspartner. Schon zu Lebzeiten widmete Gauguin ihm Zeichnungen sowie eine überlebensgroße Skulptur aus einem verkohlten Stück Eichenholz. Auch de Haan taucht nach seinem Tod weiterhin auf. Beide waren fasziniert von John Miltons "Das verlorenes Paradies", das in Luzifer die Kraft des Künstlers sah. Wenn Gauguin de Haan mit schrägen Augen und Hakennase zeigte, zitierte er dieses "satanisch"-kreative Genie. Und doch erinnert manches heute ungut an antisemitische Darstellungen.

Ähnlich beklommen nähert man sich den "Barbarischen Geschichten" von 1902. Meijer de Haan - mit grünen Augen und roten Krallen in einem Missionskleid - belauert zwei fast unbekleidete Frauen, im Lotussitz die eine, die andere mit roten Haaren. Gauguin zeigte de Haan als Vertreter der christlich-jüdischen Tradition, während die Frauen den Buddhismus und die Kultur der Maohi verkörpern. Selbst wenn Gauguin sein Bild als kritischen Kommentar zum westlichen Einfluss auf sein Südseeparadies gemalt hatte, so führt seine Darstellung scheinbar naturhaft dargebotener weiblicher Blöße doch zum Kern des Dilemmas.

Er benahm sich in vielerlei Hinsicht nicht schlimmer als seine Zeit

Dieses liegt nicht in seinem Leben. Bei einem Künstler, der seine Frau mit fünf Kindern sitzen ließ und auf Tahiti zwei Minderjährige, eine davon 13 Jahre alt, "heiratete" und schwängerte, kommt man ohne die Trennung von Künstler und Werk ohnehin nicht weit. Gewiss, er setzte als weißer Kolonialherr alle Hebel in Bewegung, um seine sexuellen Fantasien auszuleben. Aber er benahm sich in vielerlei Hinsicht nicht schlimmer als seine Zeit.

Lässt man all das beiseite, bleiben dennoch: die Bilder. Die meisten zeigen Tahitianerinnen - entgegen früheren Annahmen weiß man nicht genau, welche - in den Missionskleidern. Kritiker bemängelten sogar das Fehlen von Bildern nackter Frauen, als wolle sich die Schau mit Keramiken und Schnitzereien vor den unangenehmsten Fragen drücken.

Aber es ist ja alles da, in einem Bild, einer nicht sehr großen Lithografie. "Manao tupapau (Der Geist der Toten wacht)" von 1892 zeigt seine "Frau" Teha'amana ausgestreckt auf einem Bett, das Gesicht in der Hand verborgen, während sich ihr allerlei Geister und gehörnte Gestalten nähern. Es ist, wie Riopelle zugibt, das "verstörendste Bild" der Ausstellung. Denn bei aller behaupteten Zartheit - und Gauguin erging sich ausführlich in zärtlichen Worten über seine Kindfrau - liegt in dieser Darstellung eines verängstigten, abergläubischen, aber nichtsdestotrotz sexuell dargebotenen Kindes ein geradezu gewalttätiger Überlegenheitsanspruch: als Erwachsener, als Europäer, als Mann.

Bei der ersten Station der Schau im kanadischen Ottawa habe es empörte Reaktionen gegeben, berichten die Kuratoren. Eine Besucherin habe im Gästebuch notiert, ihrer Tochter würde sie diese Bilder niemals zumuten. Darf man Gauguin also zeigen, darf man ihn anschauen? Man muss sogar. "Warum kommen Feministinnen immer zurück zu Gauguin? Weil die Ausbeutung der Frauen, die man bei ihm sieht, bis heute anhält", sagt die Co-Kuratorin Cornelia Homburg. "Gauguin Portraits" ist keine makellose Schau. Aber dort, wo Gauguins Bilder auf künstlerisch unerreichte Weise die Makel der Gegenwart vorwegnehmen, ist sie zwingend.

Gauguin Portraits. London, National Gallery. Bis 26. Januar. Der Katalog kostet 20 Pfund.