Gaston Dorrens Sachbuch "Die größten Sprachen und was sie so besonders macht":Tücken des Tons

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Wide view of the United Nations General Assembly at headquarters Nueva York, NY, Estados Unidos ,editorial use only PUBL

Unendliche Vielfalt, unendliche Verwirrung: Blick in den Saal für die Vollversammlung der Vereinten Nationen im UN-Hauptquartier in New York, rechts und links oben die Fenster der Kabinen für die Simultanübersetzer.

(Foto: Nacho Gutierrez/Imago Images/Cavan Images)

Der niederländische Linguist Gaston Dorren hat ein eindrucksvolles Buch über die Besonderheiten der meistgesprochenen Sprachen geschrieben. Die Lektüre ist so beglückend wie bedrückend.

Von Burkhard Müller

Auch wer in Europa ernsthaft mehrsprachig ist, kennt doch meist nur solche Sprachen, die seiner eigenen ziemlich ähnlich sind: außer dem heimischen Deutschen typischerweise Englisch, Französisch, Italienisch, allenfalls noch Russisch oder Latein. Er glaubt, das Fenster der Welt damit weit aufgestoßen zu haben; doch alle diese Sprachen gehören zur selben Familie, dem Indoeuropäischen mit seinen ziemlich gleichförmigen Grundmustern - während die meisten Sprachen auf diesem Planeten ganz anders funktionieren, und zwar gerade einige der sprecherreichsten.

Um die Fülle dessen ahnbar zu machen, was Sprache überhaupt an Möglichkeiten bietet, hat Gaston Dorren, auf Englisch schreibender niederländischer Autor und Sprachwissenschaftler, zu einem einleuchtenden Auswahl-Prinzip gegriffen: Er präsentiert die 20 größten Sprachen der Welt - Größe hier ganz schlicht gemessen an der Zahl der Sprecher. Sie erscheinen in aufsteigender Ordnung, das heißt die kleinste unter den großen zuerst, und so hin bis zum Englischen. Dem jeweiligen Kapitel geht ein Steckbrief voraus, der knapp über Verwandtschaft, Verbreitung, Schrift, Phonetik und grammatische Eigenheiten informiert.

Im Vietnamesischen hängt die gesamte Semantik an der Aussprache

Die kleinste unter den großen ist Vietnamesisch, mit 85 Millionen Sprechern. Dorren, der ganz unbefangen "Ich" sagt, bucht einen dreiwöchigen Kurs in Hanoi. Eine Sprache in drei Wochen? Der Konsulatsbeamte, der das Visum ausstellt, zeigt sich skeptisch. Zu Recht. Dorren gelangt noch nicht einmal auf die Stufe eines Gastarbeiters, dafür aber zu etwas anderem: zur Erkenntnis von den Tücken des Tons. Der Ton spielt in den europäischen Sprachen nur ausnahmsweise eine Rolle, etwa wenn man zwischen "nà!" und "ná?" zu unterscheiden hat.

Im Vietnamesischen mit seinen vielen Einsilblern aber hängt die gesamte Semantik daran. "Man braucht nur einmal den falschen Ton zu treffen, und schon wird aus "hier" "dort", oder "geh" wird zu "Prostituierte", "Hodensack" oder "misshandeln". All das klingt in seinen Ohren wie weißes Rauschen; und wenn er sich selbst in den Gassen von Hanoi am Vietnamesischen versucht, bekommt er zur Antwort: Sorry no English. "Und warum bloß werden Flüsse, Messer und Augen grammatisch wie Tiere behandelt? Dies alles fasziniert den Linguisten in mir, aber es schüchtert den Schüler ein."

Gaston Dorrens Sachbuch "Die größten Sprachen und was sie so besonders macht": Gaston Dorren: Die größten Sprachen und was sie so besonders macht. Aus dem Englischen von Juliane Cromme. C.H. Beck, München 2021. 400 Seiten, 28 Euro.

Gaston Dorren: Die größten Sprachen und was sie so besonders macht. Aus dem Englischen von Juliane Cromme. C.H. Beck, München 2021. 400 Seiten, 28 Euro.

Hier liegt der große Reiz des Buchs: dass man auf zwanglose Weise etwas über eine Sprache lernt, ohne dass man sie eigentlich lernen müsste. Dorren greift bei jeder Sprache den Aspekt heraus, der ihm besonders interessant vorkommt. Anhand von Nr. 19 etwa, Koreanisch (ebenfalls 85 Mio. Sprecher), erläutert er die Behauptung de Saussures, alle sprachlichen Zeichen seien beliebig. Für's Koreanische jedenfalls trifft dies nicht zu. Hier spielt das lautsymbolische Prinzip eine systematische Rolle.

"Kam-gam" zum Beispiel heißt "im Dunkeln", "kkam-kkam" wiederum "im Stockdunkeln", und "k'am-k'am" schließlich "in gespenstischer, trostloser Dunkelheit". Im wachsenden artikulatorischen Aufwand bahnt sich eine zunehmende Beklommenheit den Weg. Und das ist kein Spezialfall, sondern die Regel.

Bei jeder dieser fremden großen Sprachen tritt etwas zutage, was auch die eigene neu beleuchtet. Sprache ließe sich nicht per Kommando verändern? O doch! Dorrens Kronzeuge ist das Türkische. Kemal Atatürk verordnete ihm nicht nur eine neue Schrift, die lateinische, sondern erzwang eine Revolution des Wortschatzes. Die persisch-arabischen Fremdwörter, rund 60 Prozent des alten osmanischen Vokabulars, wurden radikal durch Neuprägungen ersetzt. Das geschah auf so rücksichtslose und chaotische Weise, dass die ganze Sprache zwischendurch in die Gefahr des Unverständlichen geriet und der große Rhetor Atatürk seine Reden zuletzt nur noch stockend vom Blatt las. Erst in den vergangenen Jahrzehnten hat das Türkische (Nr. 17, 90 Mio. Sprecher) eine neue Stabilität erreicht. Atatürk hat seinen Willen durchgesetzt. Es geht also. Und es geht auch mit Gewalt.

In Japan ging es beim Gendern um das Gegenteil von Gleichberechtigung

Das Gendern gilt heute als ein unentbehrliches Mittel, um gesellschaftliche Gleichberechtigung durchzusetzen. Im Japanischen (Nr. 13, 130 Mio. Sprecher) hat es genau dem gegenteiligen Zweck gedient: Die klare Unterscheidung von männlich und weiblich in der Sprache soll die unterlegene Position der Frau zementieren. Deshalb kämpfen die Frauen in Japan darum, dass es mit diesem Zweierlei ein Ende nimmt und auch sie sich als Leser bezeichnen dürfen, ohne dass sie als Leserin zu lächeln und zu nicken hätten.

Und wie steht es mit dem Deutschen? Mit 200 Mio. Sprechern, davon rund 100 Mio. Zweitsprachlern (eine hohe Quote!) nimmt es immerhin Platz 11 auf Dorrens Liste ein. Doch die Überschrift des entsprechenden Kapitels deutet das Problem an: "Ein Außenseiter mitten in Europa". Worin genau besteht das Problem? In den unregelmäßigen Verben? Die gibt es überall. In der Reihung der Wörter im Satz? Die ist vertrackt, lässt sich aber kaum ändern, wenn der Unterschied zwischen "Du kommst morgen" und "Kommst du morgen?" nicht den Bach hinuntergehen soll.

Die wirkliche dysfunktionale Schwierigkeit des Deutschen steckt in der Deklination, genauer in der Zweiheit von starker und schwacher Deklination. "An einem schönen Sommermorgen": Viel einfacher wäre es, wenn man sagen dürfte "An einem schönem Sommermorgen". Das erwiese auch dem Dativ die volle Ehre. Denkt man drüber nach, leistet die Kasus-Endung eigentlich überhaupt keinen sinnvollen Beitrag zum Verständnis dieser Phrase, und "An ein schön Sommermorgen" würde ohne jeden Verlust dieselbe Information transportieren. (Wer jemals eine DSH-Prüfung für ausländische Studierende korrigiert hat, der weiß, dass nahezu die Hälfte aller Fehler in diesem Bereich gemacht wird.) Ohnehin klingt, was die meisten Zeitgenossen so vor sich hinnuscheln, schon jetzt ziemlich ähnlich. Dies ist unzweifelhaft der Weg der Zukunft. Warum ihn nicht schon heute freiwillig beschreiten, wenn wir spätestens in 300 Jahren sowieso dort herauskommen werden? Das wäre kaum ein Gewaltakt zu nennen, sondern eher ein erleuchteter Vorgriff. Warum nicht auch im Deutschen ein bisschen atatürkisieren?

Nein, Sprache ist kein heiliges, überzeitliches Kulturgut. Sprache ist, womit die Leute einander verstehen oder weshalb sie daran scheitern. Sprache verharrt nicht in Zeit und Raum, sie oszilliert und erzeugt unendliche Vielfalt, was auch heißt: unendliche Verwirrung. Hunde haben es da deutlich einfacher. Aber wie tief und weit die Kluft ist, die uns trennt - um davon eine Vorstellung zu bekommen, braucht man dieses Buch. Es ist sehr unterhaltsam geschrieben, und man erfährt ungeheuer viel. Aber es erfüllt, trotz seines heiter aufgeschlossenen Tons, auch mit Trauer, denn man begreift, wie mächtig und unentrinnbar der Fluch von Babel bleibt.

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