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Gastbeitrag:Wände ohne Wiederkehr

Teresa Präauer

Teresa Präauer, 1979 in Linz geboren, wurde mit dem Roman "Für den Herrscher aus Übersee" bekannt. Zuletzt erschien ihr Essay "Tier werden" (Wallstein), der aus einer Gastprofessur an der FU Berlin hervorging.

(Foto: dpa)

Österreichische Politiker trinken und verhandeln mit einer vermeintlichen Oligarchennichte. Auch im Bild: die Einrichtung eines Ferienhauses. Wie sieht das denn aus?

Man sieht den ehemaligen FPÖ-Vorsitzenden und österreichischen Vizekanzler Heinz-Christian Strache und seinen Vertrauten Johann Gudenus mit der vermeintlichen Nichte eines russischen Oligarchen trinken und verhandeln auf dem Video, das SZ und Der Spiegel vergangenen Freitag veröffentlichten. Mit im Bild: die Inneneinrichtung eines Ferienhauses. Die österreichische Schriftstellerin Teresa Präauer hat dieses Ambiente auf sich wirken lassen.

Diese Mischung aus Geld und Ideenlosigkeit, mit der sich auch Staaten führen lassen, liefert die Stilvorlage für die Einrichtung einer Mietfinca auf Ibiza. Zusammengewürfelt aus allerlei halbteuren signature pieces, von denen eins das andere übertrumpft, ergibt das ein Bild der Beliebigkeit von Möbelhäusern. So wie Wodka, gemischt mit Red Bull, immer nur wie Red Bull schmeckt. So wie Seebarsch-Carpaccio, Thunfisch-Tartar und Sushi nichts anderes sind als drei Mal roher Fisch. All das sind Produkte eines Lifestyles, in dem der erste Gedanke immer der einzige bleibt. Gäbe es da nicht auch die vielen Hintergedanken, die den Fortgang solch feuchtfröhlicher Abende befeuern, wobei sich zum shabby chic der Einrichtungsgegenstände zuverlässig die Schäbigkeit politischen Denkens und Handelns gesellt.

Vintage lautet das andere Schlagwort für Dinge, die neu sind, aber verdammt alt aussehen. Auf einem der Fotos, die auf Airbnb die Architektenvilla im Landhausstil anpreisen, für die wir uns hier interessieren, ist ein schwarz-weißer Teppich zu sehen. Das verblasste Orientmuster im used look tut, als gäbe es hier Geschichte - und nicht immer bloß Geschichtsvergessenheit. Doch ein Chenille-Flor aus Polypropylen bleibt robust und schmutzabweisend gegen Zigarettenasche, gegen Koks, gegen schmutzige Füße. Gegen Schweiß, gegen Speichel und gegen all die Sätze, die wie Spucke aus den Mündern schießen.

Ein Stuhl sticht ins Auge, ein Nachfolgeprodukt des sogenannten Butterfly Chair aus braunem Leder, entworfen 1938 von einem Architektenteam in Buenos Aires, angelehnt an mit Tuch bespannte Faltstühle fürs Reisen, Campen und den Einsatz beim Militär. In dem Designklassiker des 20. Jahrhunderts sitzt man auch im 21. Jahrhundert zu tief. Es verlangt eine gewisse Sportlichkeit, aus der Sitzhocke wieder in die aufrechte Stellung zu kommen, um pantomimisch gekonnt die Benutzung einer Pistole anzudeuten.

Als Ablage für Aschenbecher, Mixgetränke und Eiswürfelbehälter dient ein Couchtisch, eine Glasplatte, die auf Wurzelholz montiert ist. Treibholz, beispielsweise vom tropischen Teakbaum, wird angepriesen als Unikat, denn jedes Tischbein wurde geformt von den Gezeiten. Mal ist Ebbe, mal ist Flut, mal Angebot, mal Nachfrage. Außerdem sind da noch Wand- und Stehlampen, ein Regalschrank ohne Inhalt, in der Küche ein Schemel, bezogen mit Kuhfell, originell. An der Decke hängen Lampen an Metallketten, an der Bar stehen Werkstatthocker, ein Schuss Pseudo-Bauhaus und industrial. Kerzen in Gold und Silber, Rot und Cremeweiß setzen warme Dekoakzente neben das Grau des viel zu weichen Sofas und gegen das helle Weiß der leeren Wände.

Kein Bild hängt dort, denn hier kann man einkehren, ohne sich angesprochen oder abgewiesen zu fühlen, und man kann gehen, ohne sich an etwas erinnern zu müssen. Man trägt keine Verantwortung für dieses Haus mit Flachdach und Pool. Man muss nicht einmal wissen, dass es Ibiza ist, wo man sich fläzt und nägelkauend ein Land verscherbelt.