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Gastbeitrag:Du willst nicht, dass sie enden wie du

Irakische Frauen mit Kalaschnikow vor Saddam Hussein Plakat, 1998

Wenn Kritik zur „Krankheit“ wird, ist der Kampf dagegen eine gute Sache: Saddam-Anhängerinnen mit Kalaschnikow in Bagdad 1998.

(Foto: Faleh Kheiber/REUTERS)

Saddam Husseins Irak hat mit Corona-Deutschland nichts zu tun. Warum suchen mich dann die Erinnerungen heim?

Ich kenne die Aufrufe. Hüte dich vor dem anderen, dem Fremden. Gehe nicht auf ihn zu, bleibe zu Hause, Tage und Wochen. Und wenn du hinausgehst, sei vorsichtig. Jeder auf der Straße kann gefährlich sein. Meide Freunde und Bekannte, damit sie nicht mit dir in Verbindung gebracht werden können. Du willst nicht, dass sie enden wie du.

Je geringer eure Anzahl ist, desto weniger Gefahr droht euch. Jede Versammlung von mehr als zwei Personen ist gefährlich. Manchmal weckt schon mehr als eine Person Misstrauen. Wenn ihr euch in einem Privathaus oder in einem geschlossenen Klub trefft, müsst ihr damit rechen, dass die Polizei das Haus stürmt, Türen demoliert, euch anschreit, auseinandertreibt oder festnimmt.

Selbst nach dem Verlassen des Gefängnisses wird man überwacht. Denn die Sicherheitsleute wollen wissen, ob der Gefangene sich tatsächlich von seiner "Krankheit" erholt hat, seinen schädlichen politischen Ansichten, welche die ganze Gesellschaft infizieren und das System gefährden können, das mächtige Regime und schließlich das ganze Land. Keiner will das, und so passen alle aufeinander auf, bespitzeln sich gegenseitig, denunzieren Nachbarn - für die gute Sache.

So war es damals im Irak, in den Siebzigern, lange ehe wir noch wussten, was Corona ist und wir das "Virus" nur im übertragenen Sinne kannten, als Metapher für politisch abweichende Meinungen in der Diktatur Saddam Husseins.

Wenn sich damals ein Ex-Häftling versehentlich mit einem Bekannten oder Freund traf, der bereits selbst unter Verdacht stand, musste er vor der Behörde erscheinen und die Art der Beziehung zum anderen erläutern. Manchmal wurde er erneut verhaftet, weil er gegen die Isolationsauflagen verstoßen hatte. Wenn der Entlassene in eine andere Stadt reiste, stellte er fest, dass sein Name bekannt war und er kontrolliert wurde, bevor er die neue Stadt betrat. Am Kontrollpunkt musste er die Gründe für seine Reise erklären, als würde er aus einem Ländern einreisen und sich nicht innerhalb der Grenzen seines Landes bewegen.

Die Deutschen leben heute nicht in einer Diktatur. Die Gründe für den derzeitigen Freiheitsentzug sind völlig andere. Es gibt eine lebhafte und angenehm kritische Debatte darüber, wie lange das Versammlungsverbot dauern darf, wie elementare Bürgerrechte wiederhergestellt werden, ob die Existenzvernichtung Einzelner für das Wohl der Gesamtheit gerechtfertigt ist.

Und doch suchen mich die Erinnerungen heim an jene Jahre, an eine Zeit, in der ich - wie Millionen andere Iraker, wie Menschen in anderen Diktaturen auf sehr ähnliche Weise - Isolation, Haft, Denunziation, Überwachung selbst erlebt haben. Es war eine Entscheidung zwischen Gefängnis, Verbannung oder Tod, die jeder von uns treffen musste.

Und auch wenn die heutige Situation in Deutschland eine ganz andere ist, auch wenn Deutschland global bereits wieder als demokratischer Vorzeige-Corona-Überwinder gilt, werde ich die Beklemmung nicht los. Wer einmal in seinem Leben die Erfahrung von Isolation und Haft - zu Hause oder im Gefängnis - gemacht hat, wer die Nähe zum Tod durch einen Diktator, auf offener Straße oder in einem Folterkeller erlebt hat, dürfte Ähnliches empfinden.

In meinem Hotelzimmer blockierte ich die Tür mit einem Stuhl, was lächerlich war, und ich wusste es

Drei Jahre, vom Frühjahr 1977 bis zum 28. Oktober 1980, dem Tag meiner Flucht ins Exil, lebte ich so. Tagelang blieb ich in einem Hotelzimmer, aus Angst, auf der Straße verhaftet zu werden. Manchmal blockierte ich mit einem Stuhl die Tür, was lächerlich und absurd war, und ich wusste es. Wenn ich meine Familie besuchte, dann nur im Geheimen. Ich betrat unser Haus in der Stille der Mittagszeit und reiste am nächsten Tag in den frühen Morgenstunden wieder ab. Im Gefängnis des Geheimdienstes waren wir mehr als sechzig Gefangene in einem Raum von vielleicht zwanzig Quadratmetern und durften nicht miteinander reden. Social distancing? Das war damals unser Traum.

Dreizehn Jahre, von 1991 bis 2004, mussten die Iraker in wirtschaftlicher Isolation leben, obwohl viele Menschen, vor allem viele Kinder starben. Kuba leidet seit den Sechzigerjahren unter wirtschaftlicher Isolation. Und Iran? Leidet derzeit auch wegen der Sanktionen. Im Namen von Demokratie und Menschenrechten für "die anderen" herrscht fragwürdige globale Quarantäne. Auch daran muss ich denken.

Das Virus legt vieles offen, was Menschen nicht sehen wollten, als hätten sie sich die Masken, die nun alle tragen sollen, über die Augen gezogen. Viele Länder waren überzeugt, dass sie nichts mit dem Rest der Welt zu tun haben, dass ihr Wohlergehen selbstverständlich ist und nicht auf Kosten anderer geht. Das Virus aber sagt uns, dass wir eine Welt sind. Mögen Länder ihre Grenzen schließen, das Virus lässt sich nicht aufhalten. Es vereint das schwache Europa, mögen Regierungen auch versuchen, den "Flüchtlingsstrom" zu lenken.

Ich versuche, mich von den Erinnerungen zu befreien, versuche, zwischen Saddams Kampf gegen das "politische" Virus, also mich, und dem Kampf gegen Covid-19 zu unterscheiden. Hätte ich den Eindruck, dass die Welt ihre globale Quarantäne überwindet, würde mir das sicher leichter fallen.

Najem Wali, geboren 1956 in Basra, ist ein deutsch-irakischer Schriftsteller. Zuletzt erschien von ihm "Abraham trifft Ibrahim" (Suhrkamp-Verlag, Berlin 2018). Er lebt in Berlin.

© SZ vom 23.04.2020

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