Amerikanische Literatur Die wilden Westen

In Gary Shteyngarts Roman "Willkommen in Lake Success" geht ein Wall-Street-Millionär auf Sinnsuche durch die amerikanische Provinz. Nur hat dort niemand Zeit für seinen Kitsch.

Von Felix Stephan

Gelegentlich kommt es vor, dass sich ein ganzer Erzählkosmos in einem einzigen Kleidungsstück bricht. In Goethes "Werther" war es eine gelbe Weste, in Christian Krachts "Faserland" eine Barbour-Jacke und im Falle von Gary Shteyngarts neuem Roman "Willkommen in Lake Success" kulminiert die große Erzählung von Schuld, Sühne und Gerechtigkeit in einer Fleece-Weste von Patagonia.

Die Weste hat an der Wall Street vor einigen Jahren den nachtblauen Dreiteiler als prototypische Trader-Uniform abgelöst, weil sie einen gewissen Disruptionsehrgeiz symbolisiert und die Grundbereitschaft, das Geschäft im Zweifel als Extremsport zu betreiben. Die großen Wall-Street-Firmen geben diese Westen heute gleich containerweise an ihre Mitarbeiter aus, was allerdings in einem ungünstigen Verhältnis zu den Unternehmenswerten der Firma steht, die diese Westen herstellt. Das Firmenmotto von Patagonia lautet: "We're in business to save the planet." "Die Rettung des Planeten ist unser Geschäft."

Patagonia ist ein Unternehmen, das sich der Club of Rome nicht exemplarischer hätte ausdenken können. Zum Black Friday im Jahr 2011 hatte die Firma eine ganzseitige Anzeige in der New York Times geschaltet, auf der eine Patagonia-Jacke zu sehen war, darunter die Aufforderung: "Don't buy this Jacket." "Kaufen Sie diese Jacke nicht." Man solle, so die Anzeige, nur Kleidung kaufen, die man wirklich brauche, sie flicken, wenn sie Löcher bekomme, und sie weiterverkaufen, wenn man keine Verwendung mehr für sie habe.

Wenn Barry bei seinen Nachbarn zum Dinner eingeladen ist, bringt er einen 2000-Dollar-Wein mit

Zwei Jahre später veröffentlichte der Umweltbeauftragte des Unternehmens, der Bergsteiger und Umweltschützer Rick Ridgeway, einen Essay über das Wachstumsdogma als Sackgasse, der kurz darauf Unternehmenspolicy wurde. Nach eigenen Angaben hat die Firma mittlerweile über 100 Millionen Dollar an die Organisation "One Percent for the Planet" überwiesen, die ein Prozent des Umsatzes teilnehmender Unternehmen in den Umweltschutz investiert. Dass die Patagonia-Weste nun ausgerechnet von den Erzengeln des Wachstumsdogmas zur Bürouniform auserkoren wurde, war so nun gerade nicht vorgesehen. Zu einem ernsthaften Marketingproblem wurde dieser läppische Nebenwiderspruch allerdings erst, als der Instagram-Account "Midtown Uniform" anfing, Bilder von weißen Männern namens Ted, Chad und Brad zu posten, die, gewandet in Patagonia-Fleece-Westen, in Manhatten kurz ans Tageslicht treten, um sich nach zwei durchgearbeiteten Nächten von ihren Erdöl-Profiten Protein-Shakes to go zu kaufen. Der Account wurde so populär, dass die Patagonia-Chefin öffentlich erklärte, in Zukunft stärker auf die Auswahl der Kunden zu achten.

Das ist jedenfalls die Welt, in der sich Barry bewegt, der Protagonist in Gary Shteyngarts neuem Roman. Barry trägt eine Citi-Weste, obwohl er längst einen eigenen Hedgefonds hat, er lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in Manhattan und seine Vermögensverhältnisse offenbaren sich vor allem an seinen Bescheidenheitsgesten. Wenn er bei seinen Nachbarn zehn Stockwerke weiter unten zum Dinner eingeladen ist, bringt einen rustikalen 2000-Dollar-Wein mit, um ihnen nicht gleich von Anfang an unter die Nase zu reiben, dass sie nur gewöhnliche zweistellige Millionäre sind.

Nun ist es allerdings so, dass Barry selbst gerade ein paar psychologische Kippmomente hinter sich hat. Erstens erwartet er jeden Moment den Anruf der Staatsanwaltschaft, die sich erkundigen möchte, was es mit den verdächtigen Leerverkäufen auf sich hat, die er nicht wird erklären können. Zweitens steigen die Investoren gerade reihenweise aus seinem Fonds aus, nachdem er Anteile an einem Medizinunternehmen gekauft hat, dessen Gründer mittlerweile im Gefängnis sitzt. Und drittens sind er und seine Frau bei einem Ausflug nach Rom kürzlich vor einem Tizian-Gemälde fast zusammengebrochen, weil das Gemälde eine Madonna mit ihrem Kind zeigt, und dieses Kind deutlich jünger ist als ihr eigener Sohn, den Blick der Mutter aber trotzdem auf geradezu gierige Weise sucht, während ihr Sohn überhaupt noch nie Blickkontakt mit irgendjemandem gesucht hat. Spätestens von diesem Moment an ist nicht mehr von der Hand zu weisen, dass ihr Sohn nicht nur ein bisschen langsam ist, sondern dass grundsätzlich etwas nicht stimmt. Die Untersuchungen ergeben kurz darauf, dass er tatsächlich "im Spektrum" liegt, wie die zahllosen Graduierungen des Autismus zusammengefasst werden. Und zwar nicht gerade so, sondern so tief im Spektrum, dass er nie wird sprechen können.

Barry verlässt also kurzerhand Familie und Firma, als handele es sich um ein brennendes Haus, wirft Kreditkarten und Telefone weg und begibt sich im Greyhound-Bus auf eine spirituelle Reise durch das amerikanische Hinterland. Die Reise führt nach Atlanta, El Paso, San Diego bis über die mexikanische Grenze nach Ciudad Juárez, stets in der diffusen Hoffnung auf das wahre Leben, auf Absolution und moralische Gewissheit.

Barrys Reise durch die USA ist eine Parabel auf die amerikanische Ideengeschichte

Als er sich mit einem Straßendealer anfreundet, sieht er die große Reportage im Spiegel schon vor sich: ",Zwei Amerikaner' würde die Überschrift lauten." "Während seine Hedgefonds-Kollegen Hunderttausende Dollar ausgaben, damit sie in Usbekistan um vier Uhr morgens Ortszeit aufstehen und mit dem besten Bäcker von Samarkand Sesambrote backen oder auf den Galapagos-Inseln einer Meerechse Auge in Auge gegenüberstehen konnten, war Barry nur fünfhundert Kilometer südlich von Central Park West ein echtes Stück Amerika geschenkt worden." Wie den jungen Brahmanen in Hesses "Siddhartha" könnte diese Reise Barry im Idealfall zur Erleuchtung führen. Weil aber die Prämisse falsch und Barry ein feiger Betrüger ist, der sich aus der Verantwortung stiehlt, trifft er überall nur auf die Geister der falschen Entscheidungen, die er irgendwann einmal getroffen hat. Diese immer wieder ins Leere laufende Sinnsuche erzählt Shteyngart als große Slapstick-Parabel.

Als erstes sucht Barry seinen ehemaligen Angestellten Jeff Park in Atlanta auf, von dessen Aussehen er ableitet, dass er wohl aus China stammen muss, und den er einst entlassen musste, nachdem ihm bei einem Trade eine Kommastelle verrutscht war, ein Flüchtigkeitsfehler, der das Unternehmen dreißig Millionen Dollar gekostet hatte. Tagelang unterhalten sich die beiden über die Frage, wie man als moralisch denkender Mensch in diesen Tagen ein gutes Leben führen kann, während sie mit Jeffs Ferrari durch die Stadt fahren, was wirklich unglaublich tragisch ist. Ihr Bemühen um moralische Integrität ist ernst, aber wenn sie darüber nachdenken, was falsch läuft in der Welt, landen sie am Ende doch nur wieder bei dem Verdeck des Ferraris, das sich im Neuzustand noch in 14 Sekunden geöffnet hat, heute aber schon 18 Sekunden braucht.

Gary Shteyngart: Willkommen in Lake Success. Roman. Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Penguin Verlag, München 2019. 430 Seiten, 24 Euro.

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Seit seiner Verbannung von der Wall Street hat Jeff dem Leben eines Milliardärs in Manhattan entsagt, um in der Nähe seiner Eltern zu leben und in Atlanta einen eigenen kleinen Fonds zu betreiben, der ihm kaum mehr als ein paar Millionen Dollar im Jahr einbringt, eine Bescheidenheit, die Barry tief beeindruckt.

Im texanischen Hinterland kommt er dann mit einer jungen, gut aussehenden, afroamerikanischen Frau ins Gespräch, der er unmittelbar verfällt, weshalb er ihr Mentor werden und ihr alle Türen in Manhattan öffnen möchte, ein passiv-aggressiver Reflex, den Teju Cole einmal den "White Saviour Industrial Complex" genannt hat: Weil im weißen Bewusstsein nicht vorgesehen ist, dass Schwarze ein selbstbestimmtes, zufriedenes Leben führen, neigen sie dazu, allerlei Rettungsmaßnahmen aus dem Hut zu zaubern, sobald sie ihnen persönlich begegnen. Und als er schließlich in El Paso seine Ex-Freundin aus dem College aufsucht, die er einst heiraten wollte und die heute Professorin ist, stellt sich heraus, dass sie ihm auch nach zwanzig Jahren eine Kurzgeschichte noch immer nicht verziehen hat, die er damals in Princeton geschrieben hat. In der Geschichte findet ein von sich selbst entfremdeter Investmentbanker inneren Frieden, als er unter einem Wasserfall eine nackte Badende findet. Barrys Reise durch die USA ist eine Parabel auf die amerikanisch-protestantische Tradition, romantisierte, primitive Gegenbilder entwerfen, um sich selbst als zivilisiert zu begreifen: familienorientierte Chinesen, erotische Schwarze, naturverbundene, selbstvergessene Frauen.

Die utopische Gleichheitsekstase aus Jack Kerouacs "On the Road" fällt bei Barrys Reise aus

Das geläufigste Sinnbild für den amerikanischen Helden, der bei dem Versuch, sich selbst durch die Liebe einer Frau zu vervollkommnen, stets ins Leere greift, stammt von F. Scott Fitzgerald: Jay Gatsby, der sein Vermögen vor allem deshalb angehäuft hat, um eine Frau zu beeindrucken, die er nicht haben kann. Die gesamte amerikanische Kultur als Nebenprodukt heterosexueller Sublimierung. Auch deshalb wimmelt Shteyngarts Roman nur so vor Fitzgerald-Bezügen. Auch Barry versucht beharrlich, seine eigenen Fehler dadurch zu kompensieren, dass er anderen Leuten hinterhersteigt, allerdings genauso erfolglos wie Jay Gatsby. Alle haben entweder Wichtigeres zu tun oder wollen mit dem Betrüger, der er geworden ist, nichts zu tun haben. Seinen kollabierenden Hedgefonds "This Side of Capital" hat Barry nach Fitzgeralds Debütroman "This Side of Paradise" benannt.

Die Absolution wird Barry aber auch deshalb verwehrt, weil sich im ganzen Land einfach niemand findet, dessen ganzes Universum er nicht einfach kaufen könnte. Georg Simmel hat um 1900 dem Zeitalter des Geldes noch das Potenzial zugeschrieben, soziale Grenzen aufzulösen und den Einzelnen von gesellschaftlichen Zwängen wie Stand, Religion, Hautfarbe zu befreien. In Barrys USA aber sind die Vermögensunterschiede wieder so groß, wie sie im Feudalismus kaum je waren. Sämtliche Figuren in diesem Roman sind nur Statisten in einer Welt, die nach oben hin auf Barry zuläuft. Die utopische Gleichheitsekstase aus Jack Kerouacs "On the Road", auf die Barry auch ein wenig gehofft hatte, fällt aus, weil er all diese normalen Menschen, mit denen er sich ein Land teilt, nur freundlich bestaunen kann, als spaziere er durch einen Streichelzoo. Hineinversetzen kann er sich in sie nicht. Diese Einsamkeit ist nicht zu unterschätzen, Barry ist eine rundum tragische Figur.

Dass es schließlich doch noch so etwas wie eine Erlösung für den Protagonisten gibt, hat damit zu tun, dass Shteyngart das Ende von Joseph Roths Roman "Hiob" geliehen hat. Barry selbst hat davon nichts mehr. Die Augen gehen ihm erst auf, als es längst zu spät ist. Im Moment der Erkenntnis besteht er aus nichts mehr als Schuld und gleißendem Schmerz. Bislang war Gary Shteyngart, der 1972 im heutigen Sankt Petersburg geboren wurde, vor allem für seinen Witz bekannt, seine Fähigkeit, den Postsozialismus als Burlesque zu erzählen. Dass er einmal einen derart kraftvollen tragischen Roman vorlegen würde, war nicht unbedingt abzusehen. Vielleicht liegt es an der Zeit, in der das Buch entstanden ist: Im Hintergrund, in Andeutungen und Gesprächen, ist immer wieder die Rede von einem Präsidentschaftskandidaten namens Donald Trump.