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Zum Tod von Gary Peacock:Mann in der Mitte

Jazz a Juan 2011; Jazz a Juan 2011

Gary Peacock 2011 bei einem Konzert mit Keith Jarrett in Antibes.

(Foto: Bruno Bebert/dpa)

Er hatte einen besonderen Sinn für Momente der Ruhe und Besinnung, manchmal schien er sich in der Schönheit einer gerade gefundenen Melodie zu verlieren. Am Freitag ist der Jazz-Bassist Gary Peacock gestorben.

Von Thomas Steinfeld

Das Trio, mit dem Keith Jarrett die "standards" spielte, die kleinen, aber unendlich bedeutenden Werke, aus denen sich die Tradition des Jazz zusammensetzt, spielte zum letzten Mal im Sommer 2013 in München: links der Pianist, oft halb stehend, als könne er so das Innerste seines Flügels erreichen, rechts Jack DeJohnette, jede Trommel, jedes Becken behandelnd, als seien sie selbständige Instrumente. In der Mitte aber stand Gary Peacock, der Bassist, und diese Ordnung hatte offenbar ihren Grund nicht nur darin, dass die meisten Trios dieser Art so auftreten. Sie entfaltete ihren Sinn zum Beispiel, wenn Keith Jarrett das musikalische Gerüst einer Komposition so reduzierte, das nur noch eine Ahnung davon übrig blieb: Dann trat immer wieder der Bass in diesen offenen Raum, schuf Zusammenhänge, an deren Möglichkeit man nie gedacht hätte, ging ins Freie und Prekäre, ohne doch nur für einen Augenblick den Puls zu verlieren, wurde kühn und abenteuerlich (was manchmal auf Kosten der Intonation ging).

Gewiss, alle drei Musiker waren Virtuosen, und gewiss, sie spielten seit drei Jahrzehnten zusammen, so dass sie einander kannten wie sich selbst. Aber man verstand, über alle Gepflogenheiten hinaus, warum Gary Peacock in der Mitte stand.

Wie viel Kraft noch im achtzigjährigen Gary Peacock steckte, offenbart ein spätes Album

Gary Peacock stammte aus der tiefsten amerikanischen Provinz, aus Burley in Idaho. In den Fünfzigern war er, nachdem er zunächst Pianist in einem Ensemble des amerikanischen Militärs gewesen war, zum Bass übergegangen und hatte, in Deutschland hängen geblieben, mit Hans Koller und Albert Mangelsdorff gespielt. Später, in Los Angeles und dann ab 1962 in New York, tat er sich auf dem Weg durch die Clubs und die Studios mit wechselnden Musikern in großer Zahl zusammen, woraus einige langwährende Partnerschaften entstanden. Mit dem Pianisten Paul Bley zum Beispiel, mit dem Saxofonisten Albert Ayler, mit dem Schlagzeuger Paul Motian. Irgendwann, in den späten Sechzigern, gab er die Musik auf, zog nach Japan und wollte Biologe werden. Er kehrte dann aber doch wieder zur Musik zurück. Gary Peacock besaß Anhänger, die seinen besonderen Sinn für Momente der Ruhe und Besinnung auf seine japanischen Erfahrungen zurückführten. Doch sollte man dagegen alte Aufnahmen noch einmal hören, das mit Bill Evans aufgenommene Album "Trio 64" (1964) zum Beispiel: Die Ruhe ist schon da.

In den frühen Siebzigern entstand, bei weitem nicht nur des Sinns für die Stille wegen, die Bindung zu dem zu jener Zeit noch sehr jungen Münchner Label ECM. In der Folge kam es zu mehr als fünfzig Alben, in einer erstaunlichen stilistischen Breite. Etliche dieser Alben wurden, wenn nicht "standards", so doch Klassiker: "December Poems" mit dem norwegischen Saxofonisten Jan Garbarek (1978), "A Closer View" mit dem Gitarristen Ralph Towner (1995), "Amaryllis" mit der Pianistin Marilyn Crispell. Es hatte seine Richtigkeit, auf der einen wie auf der anderen Seite, dass jenes Konzert in München ein Geburtstagskonzert war: zu Ehren Manfred Eichers, des Gründers und Leiters der Firma ECM.

Wie viel Kraft, aber auch: wie viel Fantasie noch im achtzigjährigen Gary Peacock steckte, offenbart ein spätes Album wie "Now This" (2015). "Gaia" heißt das erste Stück, das mit einem zarten Frage- und Antwortspiel zwischen Piano und Bass beginnt, in eine ländliche Melodie mündet, die sich in Anklängen und Erinnerungen verliert, während der Bass sich wie ein alter, aber sehr lebendiger Hase über die Wiese bewegt: manchmal so schnell, dass er beinahe über die eigenen Beine zu stolpern scheint, manchmal innehaltend und die Lage erkundend, manchmal bedächtig und sich in der Schönheit einer gerade gefundenen Melodie verlierend.

Und es sind diese melodischen Linien, in denen sich der Einfluss eines früh verstorbenen Freundes, des Bassisten Scott LaFaro, am deutlichsten geltend macht. Auf "Now This" ist eine Komposition des Freundes zu hören, "Gloria's Step", ein Schaustück für einen munter improvisierenden Bass. Darüber hinaus spielt Gary Peacock, als habe es die Unterscheidung zwischen völlig freier Musik und einem mehr oder minder volkstümlichen Repertoire nie gegeben.

Am vergangenen Freitag ist Gary Peacock in seinem Haus in Upstate New York gestorben. Er wurde 85 Jahre alt.

© SZ vom 08.09.2020/tmh
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