"This Land" von Gary Clark Jr. Dieses Land gehört mir!

Wut ist gut: Gary Clark Jr. bei einem Auftritt in Los Angeles.

(Foto: AP)
  • Barack Obama hat Gary Clark Jr. "die Zukunft" genannt, die New York Times erkannte in ihm den "neuen Hendrix".
  • Dem Gitarristen aus Austin, Texas, wollte bislang aber kein Album gelingen, das diese Erwartungen vollständig einlöst.
  • Mit "This Land" hat er jetzt endlich ein kleines Meisterwerk geschaffen, das unter anderem den Rassismus in den USA thematisiert - und seine Kraft aus einer prägenden Szene zieht.
Von Jakob Biazza

Es ist ein etwas fragwürdiges Unterfangen, klar. Aber wenn es denn möglich ist, ein ganzes Album oder sogar einen ganzen Künstler auf einen einzigen Moment zu verdichten, dann wäre es hier doch dieser - man kann ihn sich der Dramatik wegen, das Ganze spielt immerhin in Texas, auch gleich als Duell-Szene vorstellen.

Zwei Männer also, Nachbarn, der eine schwarz, der andere weiß, in einem noch eher dünn besiedelten Landstrich in der Nähe von Austin: Auge in Auge. Dem Weißen ist der Esel getürmt und aufs angrenzende Grundstück gelaufen. Schon wieder. Der Schwarze hat seine Kinder dabei, als er sich darüber beschweren will. Er lebt seit fast zwei Jahren auf dem Grundstück, aber man kann in dieser Gegend ja auch gut länger leben, ohne den Nachbarn über den Weg zu laufen. Oder sonstigen Fremden.

Die beiden kennen einander also nicht, und ein entlaufener Esel ist freilich kein idealer Gesprächseinstieg. Die Respektlosigkeiten, die der Weiße herausrotzt, hängen dann aber doch hoch: "Völlig unmöglich" sei es doch wohl, sagt er zum Beispiel, dass sein Gegenüber hier lebe. Und wem, bitteschön, das Grundstück nun "in Wirklichkeit" gehöre?

Alben der Woche

Große Träume aus der Popprovinz

Was man sich eben gerade wieder so fragt, in diesem Land, öffentlich, mit Nachdruck, vor Kindern: Wer passt eigentlich rein ins Land, in die eigene Nachbarschaft, in teure Häuser? Und man kann natürlich nur spekulieren, ob diese Fragen nun aus rein rassistischen Motiven gestellt werden, oder vielleicht auch einfach, weil der 34-jähriger Musiker, der all das dem amerikanischen Rolling Stone erzählte, ganz unabhängig von seiner Hautfarbe, nicht die Norm ist, in einer solchen Umgebung.

Andererseits ist Diskriminierung ja etwas, über das dringend auch auf der Empfängerseite entschieden werden sollte. Und der Empfänger, er heißt übrigens Gary Clark Jr. und ist eine der großen Bluesgitarrenhoffnungen unserer Tage, ist nun mal als Schwarzer in Texas aufgewachsen. Er kennt die Widerwärtigkeiten also, seit er denken kann. Den Dreck, den sie der Familie wieder und wieder in den Briefkasten geworfen haben. Die Konföderierten-Flaggen, die an den Trucks wehten, die hupend am Haus vorbeifuhren. Die "Nigger"-Schmierereien am Zaun.

Und er kennt den kurzen Hoffnungsschimmer: Der erste schwarze Präsident hatte ihn ins Weiße Haus eingeladen, zweimal, hatte ihn "die Zukunft" genannt und auf einer seiner vielgeteilten Playlists verewigt. Ein Silberstreif eher nur. Jetzt ist da stattdessen wieder ein Präsident, der Black-Power-Aktivisten wie den Quarterback Colin Kaepernick als "Hurensöhne" beschimpft. Und da sind diese Typen mit ihren gottverdammten Eseln und ihren gottverdammten Fragen. Natürlich ist da Wut.

Wut ist gut.

Wut kann schließlich auch aus der tiefsten Lethargie reißen und man muss sagen: Dafür war es dringend an der Zeit. Die Geschichte von Gary Clark Jr. ist bis hierhin schließlich auch eine des Scheiterns: immenses Potenzial, gewaltiger Hoffnungsträger. "Der neue Hendrix", hatte die New York Times, vielleicht etwas reflexhaft, prophezeit. "Der Auserwählte seiner Zeit", meinte Entertainment Weekly. Die Zukunft eben. Aber dann doch immer unvollendet. Zementsackschwere Riffs, glutäugige Soli. Den Soul größerer Crooner in der Stimme. Und dazu auch noch diese krumme, etwas respektlose Coolness, die sich an allem anzulehnen schien, was herumstand. Ein bisschen zu viel Coolness womöglich.

Zumindest für die Nachhaltigkeit nach dem ersten, schnellen Karriereschub. Die Zeitgeist-Seismografen schlugen bei diesem Gary Clark Jr. auch deshalb so aus, weil er Urbanität in ein Genre brachte, das mit Urbanität nicht unbedingt gesegnet war: den Blues-Rock. Ein Mann wie Joe Bonamassa ist da immer noch sehr groß.

Bonamassa ist ein fantastischer Gitarrist, aber er hat eine Aura, mit der man eher Mähdrescher bewerben würde oder große Holzkohlegrills. Von Clark gibt es dagegen ein Foto mit dem Rap-Superstar Jay-Z, auf dem sie so aussehen, als hätten sie gerade eine Band gegründet und angekündigt, demnächst das dopeste Album des Jahres zu droppen.

Aber genau das, ein richtig eindrucksvolles Album, wollte Clark eben in den vergangenen Jahren nicht recht gelingen. Es fehlten ihm letztlich einfach wirklich gute Songs - echte Hooks, überraschende Bridges und Emotionen, die über Abgeklärtheit hinausgingen. Vor allem die. Coolness ist schließlich ein Problem, wenn sie sich selbst zu sehr ausstellt.

Und jetzt ist da also endlich dieser frisch aufgekochte Zorn, und mit ihm ein Song, der die ganzen elendigen Fragen, wer jetzt eigentlich wo reingehört und wer nicht, ein für alle Mal beantwortet. "This Land" heißt er. Wie das Album, das er eröffnet, und zwar mit einem furchteinflößenden Synthie-Bass, um den herum sich zwei argwöhnische Gitarren belauern und aus der Deckung heraus anfauchen, ehe sie von einem stolz heranrumpelnden Hip-Hop-Groove mit Off-Beats weggetragen werden. Und darüber im Text: die Verdichtung von Clarks Lebensgeschichte. Das "Lauf Nigger, lauf! Geh dahin zurück, wo du hergekommen bist!", das sein Gift aus einer Vergangenheit injiziert, die plötzlich wieder sehr nah ist, "right in the middle of Trump-country".

Herzlichst, ihr Götz von Berlichingen

Nur dass Clark jetzt zurückbellt, in grimmigen Ausrufezeichen: "Fuck you, I'm America's son! This is where I come from! This land is mine!" Ich komme genau von hier! Und dieses Land gehört niemand anderem als mir! Herzlichst, Ihr Götz von Berlichingen.

Es ist dieser Grimm, dieses Gefühl von "bis hierhin und nicht weiter", das "This Land" aufrichtet und die Songs gegen die vielen Feinde in Stellung bringt. Das aufsässige "What About Us" (ohne Fragezeichen), das den alten Säcken, und diesmal nicht nur den weißen, rät, Platz zu machen, frisches Blut übernimmt ab hier. Den Peter-Tosh-schweren Rock-Reggae von "Feelin' Like a Million". Den Stax-Soul. Den Chuck-Berry-meets-The-Ramones-Rüpler "Gotta Get Into Something". Die Gitarren. Unzählige, zickige, giftige Gitarren, die aus allen Richtung auf den Hörer einpicken. Die nerven müssten, aber nie nerven, weil sie so passgenau in die Songs gebaut sind - nie Selbstzweck oder Schaulauf, immer Atmosphäre, Farbtupfer, Klangraum, Kontrapunkt.

Und weil Wut und Aufmüpfigkeit zu den Dingen gehören, die nur im Kontrast funktionieren, ist da natürlich auch der Gegenschuss: das über hopsenden Trompeten schlurfende "Got to Get Up". Das warm umschmeichelnde "Feed the Babies". Das erst etwas wimmernd und dann mit viel Gitarrenwucht an die Geliebte hinschmachtende "Pearl Cadillac" oder die südstaaten-schwülen Blues-Nummern "The Governor" und "Dirty-Dishes Blues". Allesamt sind sie endlich: gute Songs, sehr gute sogar. Und so viel mehr als nur vielversprechende Attitüde.

Schwacher Trost natürlich, aber neben all dem Hass und dem Argwohn und den tiefen Rissen, den die vergangenen Jahre der Welt beschert haben, haben sie immerhin auch mal wieder ein großes Album hervorgebracht. Auf die Zukunft.

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