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Games und Popkultur:Die Tänze werden zur Signatur, mit der sich Fortniter zu erkennen geben

Wie der weltweit performte "Floss" beweist, greifen analoge und digitale Dimension dabei ineinander. Russell Hornings Erfindung ist vom Kinderzimmer ins Netz, weiter auf die Bühne, dann ins Spiel und schließlich wieder in die Realität gewandert. Genauso verhält es sich mit allen Tänzen des Formats: Sie sind Agenten eines kulturellen Crossover, werden von der Wirklichkeit abgekupfert und finden über die tanzenden Spieler den Weg dorthin zurück.

"Floss" ist nur ein Beispiel von vielen. Als Hommage an den Charleston der Zwanzigerjahre kommt "Flapper" daher, "Squat Krek" greift auf den russisch-ukrainischen Kasatschok zurück, "Step it up" auf Irish Folk Dance. Andere Kurzchoreografien zitieren aus Filmen wie "Saturday Night Fever", aus US-Sitcoms von "Seinfeld" bis "Scrubs", und verarbeiten Breakin-Moves, die im Alltag über die Trottoirs von New York, Paris oder Berlin fegen. Wahrscheinlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis Ballettpirouetten das "Fortnite"-Portfolio bereichern. Schon fürs aktuelle Angebot gilt: Tanztechnisch ist das keineswegs anspruchslos. Wer sich zum Beispiel mit "Step it up" auf die Straße traut, der muss schon einiges an Geschicklichkeit draufhaben.

Die Folklore-Variation erfordert Balance, Fußspitzenarbeit und ein harmonisches Miteinander von Armen, Beinen und Kopf. Übers Trainieren der Hand-Augen-Koordination, die der Nachwuchs zur Verteidigung seiner Spielleidenschaft so gern ins Feld führt, geht die Schrittkombi jedenfalls weit hinaus. Abgesehen davon ist faszinierend, wie viele Tanzstile und -moden der letzten Jahrzehnte per "Fortnite" auferstehen und selbst die größten Ignoranten für popkulturelle Evergreens begeistern. Allerdings hebt sich die Optik der Tanzanimationen auch äußerst vorteilhaft vom Rest der martialischen "Fortnite"-Pirsch ab, wo jedermann wie ein rasantes Riesenbaby daherkommt, das die Windeln voll zu haben scheint und ständig auf einem Bein in die Luft federt.

Indem "Fortnite" nicht nur Figuren auf Displays, sondern Menschen aus Fleisch und Blut in Bewegung bringt, sprengt es den hermetischen Raum des Gamens. Die Tänzchen werden zur Signatur, mit der sich Fortniter untereinander und ebenso der übrigen Öffentlichkeit zu erkennen geben. Auch im Spielablauf hat das Tanzen eine exakt bestimmbare, rituelle Funktion. Bekanntlich hat Homo sapiens schon immer getanzt, wenn es um Vor- oder Nachbereitung von Kriegs- und Beutezügen ging. Spuren davon lassen sich bereits bei den Höhlenbewohnern nachweisen. Wer je die indianischen "War Dances" gesehen hat, die George Catlin im 19. Jahrhundert auf seinem Zeichenblock festhielt, der ahnt: Wo der gehopste "Pony Dance" scheinbar nur die virale Supernova von 2012, den "Gangnam Style"-Clip, kopiert, schwingen im Untergrund uralte Ethno-Traditionen mit. Kaum zufällig sind bei der virtuellen Knallerei auch Kollektivtänze zugelassen. Was wäre ein Stammes- oder Mannschaftssieg ohne gemeinsamen Freudentaumel?

Muss man nun wirklich "Fortnite" spielen, um sich die entsprechenden Tänze beizubringen? Natürlich nicht. Die Alternative ist eines der zahlreichen Online-Tutorials, die einen Schritt für Schritt mit der Kunst von "Wave" oder "Shuffle" vertraut machen. Wer exzelliert, kann sich danach auf einem der einschlägigen Wettbewerbe zur Schau stellen und sich womöglich zum besten "Fortnite dancer" küren lassen - ohne jede Kampferfahrung.

© SZ vom 14.07.2018/luch

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