Games und Popkultur Der Tanz der Superkiller

Der Siegertanz "Floss" im Spiel Fortnite erinnert an das Hantieren mit Zahnseide.

(Foto: Epic Games)
  • Die Freudentänze aus dem Videospiel "Fortnite" sind derzeit bei Jugendlichen sehr beliebt.
  • Die Choreographien sind Agenten eines kulturellen Crossover: Sie wurden erst von der Wirklichkeit abgekupfert und finden über die tanzenden Spieler den Weg dorthin zurück.
  • Schon immer haben Menschen getanzt, wenn es um Vor- oder Nachbereitung von Kriegs- und Beutezügen ging.
Von Dorion Weickmann

Der schlaksige Typ ist gerade mal 16 Jahre alt und schon ein Star: "Backpack Kid", Klarname Russell Horning. Der Triumphzug des Rucksackträgers begann vor ziemlich genau einem Jahr, als die Sängerin Katy Perry ihn im Netz entdeckte und auf die Bühne holte. Dort stahl er der Lady die Show, und zwar mit einem Tanz, den inzwischen ganze Heerscharen von Jugendlichen an Bushaltestellen, auf Schulhöfen und Fußballplätzen vorführen. Auch Profisportler garnieren ihre Siege neuerdings mit Hornings getanztem Rambazamba und präsentieren die gleiche Mini-Show, mit dem Heranwachsende einander einheizen. Er heißt "Floss", was hierzulande mit Zahnseide übersetzt wird, und ist eine motorische Vergrößerung des Vorgangs, der beim Benutzen des Dentalwerkzeugs in den Zahnzwischenräumen stattfindet: Die Arme schwingen monoton von rechts nach links und zurück, mal vor und mal hinter dem Körper, während die Hüften jeweils in Gegenrichtung verschoben werden.

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Der "Floss"-Hype verdankt sich nicht dem bei Youtube dokumentierten Katy-Perry-Auftritt, sondern einem jener Videogames, die elterliche Alarmglocken schrillen lassen. "Fortnite", gerade mit allerlei neuen Gimmicks versehen in die fünfte Runde gestartet, hat "Floss" in eine Animation überführt und global vermarktet. Jeder "Fortnite"-Recke - und das sind immerhin inzwischen 125 Millionen weltweit - kann seinen Avatar nach Lust und Laune ein "Floss"-Tänzchen hinlegen lassen. Was meistens geschieht, wenn er gerade einen Feind neutralisiert, also per Pistole, MP oder sonstiger Superwaffe umgenietet hat. Mit dem Triumphtanz 2.0 wird der Gegner in den Orkus geschickt. Allerdings ist "Floss" ein kostenpflichtiges Accessoire, genau wie die verschiedenen Skins, sprich: Charaktere und Kostümierungen, die man sich als "Fortnite"-Gamer zulegen kann. Zur kostenlosen Basis-Ausstattung gehört nur ein Breakdance-Schnipsel. Wer mehr draufhaben und das ganze virtuelle Tanz-Repertoire beherrschen will, muss die Nummern käuflich erwerben.

Das lässt sich locker als reine Abzocke abtun, vom suchterzeugenden Potenzial ganz zu schweigen. Wie viele Spiele verführt "Fortnite" dazu, sich Tage und Nächte um die Ohren zu schlagen. Das Spielschema ist standardisiert, jede Partie wird mit hundert Mann bestritten und folgt dem Prinzip "Last Man Standing" - gewonnen hat, wer am Ende noch lebt. Baller-Talent allein führt aber nicht zum Ziel. Parallel zum Tötungsgeschäft muss jeder Spieler Rohstoffe sammeln, um Unterstände, Türme oder andere Gemäuer zu bauen, die ihm als Schutz oder Schießstand dienen. Was "Fortnite" außerdem von der Shooter-Konkurrenz unterscheidet, ist die in "emotes" und "dances" verpackte Möglichkeit, Gefühle zu zeigen. Die werden natürlich so aufbereitet, wie es einer mit Emojis und Sprachkürzeln sozialisierten Generation gefällt: kurz, knapp und präzise auf den Punkt.