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Game:Schönheit der Apokalypse

Das Spiel "The Last of US 2" reizt mit seiner Geschichte von der Zeit nach dem Ende der Zivilisation die Grenzen der Playstation aus.

Von Bernd Graff

Der Kurznachrichtendienst Twitter mag nicht immer Inhalte bieten, die intellektuell auf der Höhe des Diskurses sind. Doch was die Stunde emotional geschlagen hat, kann kein anderes Medium so prägnant protokollieren. So garnierten Nutzer die Meldung der letzten Woche, dass in diesem Jahr eine neue Spiele-Konsole von Sony auf den Markt kommt, die "PS5", mit schnell gebastelten Fotomontagen, die eben jene PS5 auf dem Kopf von Papst Franziskus zeigten, als sei sie seine Tiara.

Optisch bietet sich das an, weil das Design der Konsole entweder an eine verbrannte Frikadelle zwischen zwei warm gewordenen Käsescheiben erinnert oder aber, hochkant, an eine dezent geschwungene Papstkrone - wenn sie denn von Coco Chanel gestaltet worden wäre.

Die emotionalen Valeurs jedoch, die im Bild vom Papst mit der PS5-Mütze den Fetisch umschreiben, sind genau getroffen. Denn Spielekonsolen sind mehr als dezidierte Computer, die mit bestechender Grafik Unterhaltung bieten. Sie sind das Gegenteil von dem, was die Fernsehserie "Mad Men" über Diaprojektoren gesagt hat: Während die transparenten Fotos von einer "Erinnerungsmaschine" zu neuem Leben erweckt werden, erscheint die Konsole als eine "Sehnsuchtsmaschine", die den Wunsch nach großem, lebendigerem Leben zu erfüllen vermag.

Szenen, die so intensiv und ergreifend umgesetzt sind, wie im klassischen (Film-)Drama

Das gelingt nie. Doch es scheint, dass das Entwicklerstudio "Naughty Dog" mit dem Playstation-Titel: "The Last of Us 2" dem nun ein wenig näher gekommen ist.

The Last of us 2

Die Täter sind im PS4-Spiel „The Last of Us 2“ so verletzt wie die Opfer.

(Foto: Naughty Dog /Sony)

Das Spiel erscheint am 19. Juni und stellt die Fortsetzung jener in morbid-schönen Bildern dargelegten Dystopie dar, die vor sechs Jahren erschien und als in sich abgeschlossen galt. Das Post-Desaster-Szenario, in das der Spieler mit "The Last of Us" gebracht wurde, erinnert an das, welches der Roman "The Road" des amerikanischen Autors Cormac McCarthy entwirft.

Zwei Überlebende, der erwachsene Joel und die junge Ellie, zogen in "The Last of Us" durch ein postapokalyptisches Amerika, das von einer Infektion dahingerafft wird. Deren Opfer mutieren, siechen und zerfallen. Das Paar muss aber nicht nur gegen die Mutanten kämpfen, es muss auch Milizen und Mitüberlebende abwehren, die fast noch heimtückischer agieren. Denn alle kämpfen um die wenigen verbliebenen Ressourcen, Nahrung, Medikamente und Waffen. Daran hat sich auch in der Fortsetzung nichts geändert.

Jeder ist des Nächsten Wolf. Aber eben nicht nur. Denn es entstehen immer wieder Allianzen - unerwartete, aber auch unerwartet brüchige. "Survival of the Fittest" bedeutet nicht, als Sieger in einem Debattierwettbewerb vom Platz zu gehen, die Kampfsequenzen sind brutal. Doch es gibt nie strahlende Sieger, nur Überlebende, die angeschlagen sind und Deckung vor neuem Grauen suchen. Misstrauen, Skrupel und die Überschreitung eigener ethisch-moralischer Grenzen sind dem Spiel miteinprogrammiert. Daneben gibt es Szenen, die so intensiv und ergreifend umgesetzt sind, dass man sie eher im klassischen (Film-)Drama verorten würde als in einem Videospiel mit Endzeitgegnern.

Das Studio "Naughty Dog" ist bekannt für diese Betonung von episch-narrativen Elementen, den Entwurf von plausiblen Protagonisten mit glaubwürdiger Charaktertiefe. Auch in der ebenfalls für die Playstation entstandenen, heiteren "Uncharted"-Serie war Ballern nur die Nebensache in einem Handlungsamalgam, das 007- mit Indiana Jones-Elementen mischte.

"The Last of Us 2" ist das Spiel der Stunde. Nicht nur, weil es technisch ausreizt, was eine in die Jahre gekommene Playstation 4 heute noch darstellen kann. Es werden im Spiel tatsächlich Bilder von fast surreal realistischer Schönheit komponiert. Das Szenario einer Seuche, dazu die gnadenlose Gewalttätigkeit Uniformierter scheinen aktuellen Newsfeeds entnommen zu sein. Doch es ist die Darstellung menschlicher Beziehungen, die "The Last of Us 2" groß macht. Liebende Menschen verletzt das Leben ja dann immer noch am schlimmsten.

© SZ vom 19.06.2020

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