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Gallimard-Verlegerin Karina Hocine:Der Geist des Gebäudes

Karina Hocine

"Um Bücher zu machen, muss man in erster Linie Verleger sein und das Marketing in seine Grenzen verweisen": Karina Hocine, die neue Generalsekretärin des Pariser Traditionsverlags Gallimard.

(Foto: Serge Picard/VU/laif)

Bestseller, die keine mehr sind, ein Pädophilieskandal, der ins eigene Programm eingreift und die ständige Frage: Wie verkauft man heute Literatur? Ein Besuch bei Karina Hocine, der neuen Generalsekretärin von Gallimard in Paris.

"Mercato" nennt man im französischen Verlagswesen das Kommen und Gehen von Cheflektoren und Programmleitern, wie beim Fußball. Von den satten Transferbeträgen für die Fußballstars kann auf dem Feld der Verleger aber keine Rede sein. Bis zu zwei Prozent pro Jahr geht der Buchmarkt in Frankreich kontinuierlich zurück. Und im vergangenen Jahr hat sich das Pariser Verlegerkarussell so schnell gedreht, dass man sich fragte, was das zu bedeuten hat.

Ein bei Flammarion groß gewordener Programmdirektor, Gilles Haéri, wechselte ins Haus Albin Michel und löste dort als Verlagsleiter den Großenkel des Verlagsgründers ab. Im Konzern Hachette übernahm die achtunddreißigjährige Direktorin des Taschenbuchverlags Livre de Poche, Véronique Cardi, die Leitung des Verlags Jean-Claude Lattès. Die bisherige Programmchefin bei Lattès wiederum, Karina Hocine, ging als Generalsekretärin zu Gallimard.

Generalsekretärin? Klingt ein bisschen nach Notprogramm und Bürokratie. Karina Hocine aber sagt: "Das würde zum alten Familienbetrieb Gallimard etwa so passen wie die moderne Bauordnung zu einem Renaissanceschloss an der Loire." Der Vergleich leuchtet ein. Wäre man beim Besuch unten am Empfang nicht abgeholt worden, hätte man auf dem Weg zu ihrem Büro über schmale Treppen und mehrfach verzweigte Flure im Haus leicht verloren gehen können. Gerade darin liegt aber der Zauber dieses Orts, an dem André Gide, Malraux, Cocteau, Saint-Exupéry, Sartre, Beauvoir ein- und ausgingen. Die Straße im klassischen Pariser Verlagsviertel trägt heute den Namen des Gründers Gaston Gallimard. Und der Geist weht aus jeder Ecke des alten Gebäudes. Karina Hocine gehört auch dem "Comité de lecture" an, jenem legendären Gremium bei Gallimard, in dem seit 1925 allmonatlich über die Publikationswürdigkeit der eingegangenen Manuskripte entschieden wird.

Als Kind kabylischer Eltern in Metz geboren, kam Hocine über Umwege ins Verlagsgeschäft. Nach einem Studium in antiker Geschichte war sie zunächst Sportjournalistin, bis der Verlag JC Lattès sie in die Programmleitung holte. Dort begleitete sie unter anderen Delphine de Vigan zu ihren ersten Erfolgen. Gemessen an den Lieblingsautoren ihrer Jugend, scheint die Integration in die französische Kultur bei dieser Migrantentochter vollauf geglückt zu sein. Wo andere ihrer Generation Saul Bellow, Toni Morrison, Philippe Sollers oder die Autoren des Nouveau Roman nennen mögen, kommt sie mit Altherren der frühen Nachkriegszeit: Paul Morand, Jacques Chardonne, Jean Giono, die wegen ihrer einstigen Nähe zu Vichy überdies als politisch belastet erschienen. "Gionos tief mit den konkreten Provence-Landschaften verwachsene Figuren, Morands beschleunigter Erzählstil im Roman 'Die Fusion', seine Weltoffenheit und seine Vorliebe für gewisse Mittelmeerbuchten, die er immer wieder durchschwamm, faszinierten eine junge Frau wie mich. Sie haben meine affektive innere Geografie geprägt."

Titel mit relativ bescheidener Auflage werden mit einem großen Werbeaufwand gepuscht

Mit diesem Sinn fürs literarisch auch Abseitige fühlt Karina Hocine sich bei Gallimard zu Hause. Zwar steht auch hinter diesem Verlag mittlerweile eine Holding, Madrigall, mit gut einem Dutzend Filialen und neun großen Buchhandlungen. Ihr Jahresumsatz von einer halben Milliarde Euro macht Madrigall zur drittgrößten Verlagsgruppe in Frankreich, hinter Hachette und Editis. Doch lief die Entwicklung hier anders herum. Die Holding ist aus dem Stammhaus Gallimard hervorgegangen und wird von Antoine Gallimard, dem Großenkel des Verlagsgründers Gaston Gallimard, in der nunmehr dritten Generation geleitet.

Als symptomatisch für das französische Verlagsgeschäft begreift Karina Hocine die Berufung einer Spezialistin für den Taschenbuchmarkt, Véronique Cardi, als Leiterin bei Lattès. Es sei ihr aufgefallen, sagt sie, dass Titel mit relativ bescheidener Auflage mit einem großen Werbeaufwand gepuscht wurden, als sollten Versuchsballons für Bestseller gestartet werden. "Ergebnisse sehe ich keine und für eine Beurteilung ist es vielleicht noch zu früh, doch habe ich mit meinem verlegerischen Bauernverstand da meine Zweifel. Um Bücher zu machen, muss man in erster Linie Verleger sein und das Marketing in seine Grenzen verweisen".

Die jüngste Entwicklung des französischen Bestsellermarkts könnte ihr recht geben. Während der Absatz französischer Romane im vergangenen Jahr insgesamt stabil blieb, ist die Konfektionsliteratur der zehn erfolgreichsten Autoren gegenüber dem Vorjahr um vier Prozent auf gut 20 Prozent des Gesamtabsatzes zurückgegangen. Der Spitzenreiter dieser Kategorie, Guillaume Musso, ist mit seinen Erfolgstiteln innerhalb von drei Jahren von 1,8 auf 1,4 Millionen Exemplare gesunken. Der einzige von der Kritik beachtete Autor dieser Top-Ten-Gruppe ist Michel Houellebecq, der mit seinem vor einem Jahr beim Madrigall-Verlag Flammarion erschienenen Roman "Serotonin" über eine halbe Million Exemplare verkaufte. "Ein Beweis, dass auch anspruchsvolle Literatur solche Höhen erreichen kann", so Hocine.

Ist dies aber ohne begleitende Provokationen und Kontroversen heute noch möglich? Die Herbst- wie soeben die Wintersaison begannen im Zeichen der Polemik. Nach Yann Moix im September mit der Affäre um seine antisemitischen Zeichnungen kam nun der Autor Gabriel Matzneff wegen seiner offenen Bekenntnisse zur Pädophilie in die Schlagzeilen. Nach dem Aufsehen um das Buch "Le Consentement" ("Die Einwilligung") von Vanessa Springora, die als junges Mädchen selbst eine Beziehung mit dem Autor hatte, hat Gallimard dessen Tagebücher aus dem Programm genommen - nach Jahrzehnten des gefälligen Wegschauens im ganzen Milieu.

"Ich kann an mir selber sehen, wie die Leseperspektive sich ändert."

Man habe sich bei Gallimard diese Entscheidung nicht leicht gemacht, sagt Hocine. Sie verstehe solche Affären auch als Spätwirkungen jener "Ego-Fiktion", die um das reale Ich fiktionale Erzählung spinnt, die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Dichtung verwischt und dann mitunter in Skandale oder Gerichtsprozesse ausartet. "Antoine Gallimard fühlte sich durch die Lektüre von Vanessa Springoras Buch angesprochen und hat sich darüber auch öffentlich geäußert. Plötzlich ging ihm die andere Seite von Matzneffs literarisch beschönigten sexuellen Affären mit Minderjährigen auf", sagt Karina Hocine und gibt zu, dass auch sie in jungen Jahren fürs Talent des Schriftstellers Gabriel Matzneff empfänglich gewesen sei. "Ich kann an mir selber sehen, wie die Leseperspektive sich ändert und das, was zuvor akzeptabel erschien, plötzlich nicht mehr durchgeht." An eine Moralisierung der Literatur glaubt sie trotzdem nicht. Eine Moralisierung vielleicht der Gesellschaft, sagt sie, nicht aber der Literatur. So etwas wie jene sensitivity readers, die sich in den amerikanischen Verlagen breitmachen, um alle konfliktverdächtigen Stellen vorsorglich aus den Manuskripten zu entfernen, sei bei Gallimard jedenfalls nicht vorgesehen.

Dennoch kann man sich auch bei Gallimard nicht einfach über die Vorstellungen des gesellschaftlich Zulässigen hinwegsetzen. Vor zwei Jahren musste der Verlag eine angekündigte kritische Neuauflage der antisemitischen Pamphlete von Louis-Ferdinand Céline zurückziehen angesichts des virulenten Protests dagegen. "Wir haben genügend brisante Autoren in unserem Programm, um zu wissen, wie sehr das Schreiben eine gefährliche Sache sein kann. Literatur und Kunst bedeutet immer auch Grenzübertretung. Das ist zugleich wertvoll und fragil, denn Grenzen sind selten endgültig."

Während Karina Hocine das sagt, wird an der Bürotür geklopft. Die Generalsekretärin wird zum Strategiegespräch in die Chefetage gebeten. Eine vom Kulturministerium bestellte und gerade vorgelegte Studie über die materiellen Existenzbedingungen der französischen Schriftsteller sorgt für Aufregung unter den Verlagsleuten. Der Autor Bruno Racine, ehemaliger Direktor der Nationalbibliothek, analysiert in der Studie die schleichende soziale Verarmung der Schriftsteller und führt einen Teil des Problems auf die bestehenden Verlagsregeln zurück.

Die als Korporation schlecht organisierten Buchautoren würden von den Verlagen - Racine spricht von ihnen als "acteurs de l'aval": bloße Geburtshelfer beim Entstehen von Büchern - auf Sparflamme gehalten, indem nicht die real geleistete Arbeit, sondern der potenzielle Erfolg ihrer eingereichten Werke entlohnt werde, heißt es in der Studie. Überdies würden die Verlagshäuser gezielt ein Überangebot an Titeln schaffen, das den Autoren ebenfalls schade. Racine plädiert für die Einführung von Leistungsverträgen mit Minimalansätzen für alle Autoren, ähnlich denen, wie sie für Freiberufler existieren, mit Anrechnung des jeweils erbrachten Arbeitsaufwands.

Eine solche "kopernikanische Wende des Urheberrechts" würde das lange gereifte Verlagswesens auf den Kopf stellen und die schöpferische Freiheit der Schriftsteller untergraben, schreibt der Verlagsleiter Antoine Gallimard in einer scharfen Entgegnung auf Racines Bericht in der Zeitung Le Monde. Sollen Autoren künftig wie Anwälte oder Zahnärzte die Anschaffung von Arbeitsmaterial und die Stundensätze pro Manuskriptseite in Rechnung stellen? Auch das Argument vom zu großen Publikationsangebot hält der Gallimard-Chef für absurd. Mit weniger Büchern die Leute wieder zum Lesen und Bücherkaufen animieren zu wollen, sei Unsinn. Nach der kurzen Hochstimmung mit einem offen bücherliebenden Staatspräsidenten und einer Verlegerin als Kulturministerin weht auch in Frankreich wieder ein rauerer Wind und wirbelt Autorenträume, Lektorenpläne und Verlegerstrategien wild durcheinander. Bei Gallimard, wo die vierte Führungsgeneration in Position geht, will man sich deswegen nicht aus dem Häuschen bringen lassen.

© SZ vom 26.02.2020

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