Galerieszene Rückkehr zur Süße

Sie sind gestresst vom rauen Berliner Klima, von steigenden Preisen, von der deutschen Kulturpolitik: Immer mehr Galeristen entfliehen der früher so coolen Hauptstadt und fangen in Wien neu an.

Von Almuth Spiegler

Gerade erst hat es eröffnet, das Wiener Galerienfestival Curated by, sozusagen die Schwester mit Brille des Berliner Gallery-Weekends, weil durchkuratiert und von Stadt und Staat subventioniert. Die zehnte Ausgabe dreht sich um sich selbst, also um Wien, "viennaline" ist das Motto. 21 Teilnehmer haben internationale Kuratoren gebeten, die Wiener Szene auf ihre Klischees, ihre Bezüge zur Wiener Moderne und ihre heutige politische Relevanz abzuklopfen.

In der Galerie von Emanuel Layr hat diese Auswahl der Berliner Künstler Robert Müller übernommen, und das ist kein Zufall. Wien scheint im Moment Trend zu sein in Berlin. Müller betreibt in Wien schon seit fünf Jahren einen nicht-kommerziellen Kunstraum namens Nous Moules, mit dem er die Achse Wien-Berlin ausbauen möchte. Die hat es zwar immer gegeben, denkt man an Künstler wie Gerwald Rockenschaub, Heimo Zobernig, Walter Vopava oder die Wiener Aktionisten im Exil. In jüngster Zeit scheint aber eine neue, ungewohnte Bewegung in dieses sonst eher einseitige Verhältnis zu kommen.

"Man muss wieder aufeinander zugehen in der Kunst, in Berlin driftet alles auseinander."

Waren es früher eher die Wiener Galeristen, die es ins coolere Berlin zog, so die Galerie Krobath, die 2015 ihre Berlin-Dependance wieder schloss, kommen die Berliner jetzt nach Wien. Vor einer Woche erst sperrte Christian Siekmeier seine Galerie Exile in einem schrägen, holzgetäfelten Raum direkt neben einer der zwei großen Kunstmeilen der Stadt, der Eschenbachgasse, auf. Mit einem Interview auf Artnet, in dem er das Berliner Gallery-Weekend als elitär und protektionistisch kritisierte, verabschiedete er sich diesen Sommer nach zehn Jahren aus Berlin. Erst wolle er eigentlich ganz aufhören, wie es immer mehr Berliner Galerien aus dem Mittelfeld tun. Dann aber, erzählt er, habe er mit seinen Künstlern beschlossen, das ganze neu zu erfinden - und zwar in Wien.

"Es ist heute sowieso egal, wo man sitzt, 80 Prozent der audience ist online", sagt er. In Berlin seien die Räume mittlerweile zu teuer, die Promotion-Maschine der Stadt setze nach der Kunst jetzt ganz auf Start-Ups, so der ehemalige Künstler, was Einfluss auf die Kunst selbst haben könnte, auf die Immobilienpreise jedenfalls. In Wien seien zentral gelegene Räume hingegen noch bezahlbar. Was ihn aber vor allem gereizt habe, sei die "kleinere Szene" gewesen, die mit den zwei Kunstunis und den vielen jungen Projekträumen mehr "Drive" habe.

Auch die Dichte der Institutionen interessiere ihn. Anders als in Berlin besuchten hier die Museumsdirektoren und -Kuratoren noch auf die Eröffnungen. Das erlaube einen "intensiveren Diskurs" und eine freundlichere Stimmung. Während die Kollegen ihn hier willkommen geheißen haben, seien seine Berliner Galeriennachbarn nie bei ihm vorbeigekommen, sagt er. "Man muss wieder aufeinander zugehen in der Kunst, in Berlin driftet alles auseinander." Dazu passen die kommunizierenden Organe aus Glas und Kunststoff vom litauischen Duo Pakui Hardware, mit dem er die Wiener Räume einweiht: "The return to sweetness", heißt die Schau tatsächlich.

Wie das auf Dauer so sei mit der großen Zuneigung der Wiener Galeristen untereinander, dazu sollte man den Neu-Wiener Kollegen vielleicht in einem Jahr noch einmal befragen, meint Markus Peichl und schmunzelt. Seine Galerie Crone ist nur zwei Ecken weiter angesiedelt, er ging vor drei Jahren als erster von Berlin nach Wien, den Berliner Standort betreibt er aber weiter. Nach fast einem Jahr eröffnet er dort im Oktober an einem neuem Ort. Peichl wollte weg aus der touristischen Gegend rund um Checkpoint Charlie. Dafür setzt er jetzt auf die bürgerliche Fasanenstraße in Charlottenburg, gleich neben der Villa Grisebach und dem Kollegen Daniel Buchholz. "Die Aufgeregtheit in Berlin ist vorbei, die Stadt ist aus der Pubertät raus."

Um etwas von dieser vergangenen Gründerstimmung zurückzuholen, werde er aber zwei, drei Mal im Jahr in leerstehenden Gebäuden "kuratorische Projekte" verwirklichen. Zur Messe Art Berlin in der kommenden Woche, dem zweiten Kunst-Großereignis neben dem Gallery Weekend, eröffnet er die erste "Crone Außenstelle" am Tempelhofer Damm, wo er auf 600 Quadratmeter 20 Künstler zeigen wird. Dieses "Bekenntnis zu Berlin" sei jetzt auch schon wieder gegen den Trend, meint Peichl in seiner Wiener Dependance sitzend, wo er im Rahmen von Curated by eine Schau rund um Christoph Schlingensiefs legendären "Ausländer raus"-Container aus dem Jahr 2000 präsentiert.

"In Wien wird bei Eröffnungen tatsächlich noch über Kunst gesprochen."

Als er vor drei Jahren hier eröffnete, hätten ihn in Berlin alle für irre gehalten, erzählt er. Jetzt werde er immer öfter gefragt, ob er in Wien gute Räume wisse. Ist Wien eine Art geriatrisches Zentrum für deutsche Mittelfeld-Galerien, die ums Überleben kämpfen? Peichl muss lachen. "Nein." Wien sei nun einmal eine traditionell kunstaffine Stadt, auch wenn das hier oft anders gesehen werde, sagt der gebürtige Wiener, ein Quereinsteiger, der lange für deutsche Fernsehsender und Verlage gearbeitet hat. "In Wien wird bei Eröffnungen tatsächlich noch über Kunst gesprochen", lobt er.

Wahrscheinlich aber sagt der Hypemehr über Berlin aus als über Wien. Das sieht auch Peichl so: Die deutsche Kunststandortpolitik habe sicher dazu beigetragen, dass mit Exile und Croy Nielsen aus Berlin sowie Beck Eggeling aus Düsseldorf und seiner eigenen mittlerweile vier deutsche Galerien in Wien gelandet sind.

Innerhalb weniger Monate habe Deutschland die Mehrwertsteuer auf Kunst von sieben auf 19 Prozent angehoben (in Österreich stieg der Anteil von zehn auf 13 Prozent) und die Künstlersozialabgabe, die es in Österreich nicht gibt, von 1,1 auf 5,8 Prozent. Bedenke man außerdem die günstigeren Mieten, die geringere Konkurrenz - knapp 30 gute Galerien statt 300 - und die laut Peichl vitalere Szene, so Peichl, wäre das schon ein Argument. Auch die überschaubare Sammlerlandschaft, über die Wiener Galerien so gerne jammern, sei in Berlin nicht viel größer. Nur anders, meint Peichl: In Berlin sei sie zwar ein wenig breiter, in Wien dafür ein wenig reicher.