Süddeutsche Zeitung

Galerien in der Corona-Krise:Geschlossene Veranstaltung

Nachdenken, Bärlauchsammeln, Instagram: Wie gehen die Galeristen mit der Zwangspause um und wie wollen sie aus ihr wieder herausfinden?

Um Motive für seine Bilder zu finden geht der Maler Johannes Rochhausen kurze Wege. Der 1981 geborene ehemalige Meisterschüler von Neo Rauch malt seit Jahren nahezu ausschließlich erdfarbene Innenansichten seines Leipziger Ateliers. Bis vor ein paar Wochen wirkte diese eigensinnige Arbeit etwas eigenbrötlerisch und verschroben. Seit aber das große Zuhausebleiben den Alltag bestimmt, betrachtet man diese Gemälde über die Zurückgeworfenheit in die eigenen vier Wände mit anderen Augen.

Auch Arne Linde, die Betreiberin von Rochhausens Leipziger Galerie ASPN, hält wie alle Galerien ihre Türen derzeit verschlossen. Dass gerade jetzt die Rochhausen-Bilder in ihren menschenleeren Ausstellungsräumen hängen, empfindet die Galeristin als "erstaunlich allegorische Situation". Zu tun hat Linde allerdings auch während der erzwungenen Ausstellungspause genug.

"Die Künstler als Menschen zu unterstützen", das sei jetzt ihre Aufgabe, sagt eine Galeristin

"Jetzt ist es wichtig, auf solidarische und achtsame Weise mit den Künstlerinnen und Künstlern in Kontakt zu bleiben, genauso wie mit den Sammlern und Leihgebern", sagt die Galeristin, die auf dem Gelände der ehemaligen Baumwollspinnerei arbeitet. Von "Ausnahmezustand" will sie aber nicht sprechen. "Ich glaube nicht, dass nachher alles wieder so sein wird wie vor der Krise." Der "Transformationsprozess" sei doch bereits im vollen Gange. Daher sei etwa die politische Forderung nach der Absenkung der Mehrwertsteuer für Kunstverkäufe auf sieben Prozent gerade jetzt sehr sinnvoll.

Dass die Krise auch in der Szene eine tiefe Schneise der Verwüstung hinterlassen wird, darin sind sich alle einig. Aber dass sich der Kunstmarkt etwa nun maßgeblich ins Digitale verlagern lässt, wird stark bezweifelt. Obwohl das derzeit - zumindest teilweise - zu geschehen scheint. Immerhin 250 000 Zugriffe auf ihre "Online Viewing Rooms" zählte eben die Art Basel Hong Kong. Die Messe hat angekündigt, diese digitale Plattform weiter auszubauen. Sie ist wenig aufregend, bringt aber eine ungewohnte Transparenz, auch weil man hier nicht extra nach den Preisen fragen muss. Sie stehen bei den Abbildungen.

Doch der Fokus auf das Geschäft hat dieser Tagen einen seltsamen Beigeschmack. Es gibt ein Bedürfnis nach Innehalten. Und gleichzeitig soll alles weitergehen.

Weil der zeitgenössische Kunstmarkt auf Konnektivität und Mobilität basiert, ist der plötzliche Stillstand auf besonders gespenstische Weise spürbar. Schon das Anhalten der Isolation hat zerstörerische Wirkung. Prognosen seien "schlicht nicht möglich" sagt Saskia Draxler von der Galerie Nagel/Draxler. "Sollte eine weltweite, länger anhaltende Rezession kommen, werden einige Galerien vielleicht gar nicht mehr wieder aufmachen." Und wie sähe ein positives Szenario aus? "Alle, die überleben, stellen per se ein positives Potenzial da."

Vielleicht werden nun Modelle der Zusammenarbeit aktuell, wie sie der Galerist Thomas Fischer bereits erprobt hat. Fischer arbeitet seit einem Jahr ohne eigene Ausstellungsräume. Er kooperierte mit befreundeten Galerien, die ihm temporär ihre Räume überließen und die Kosten teilten, wie zuletzt die Galerie Soy Capitán in Kreuzberg, wo Fischer Anfang März die nun vorzeitig geschlossene Ausstellung mit Bildern der Fotografin Irmel Kamp zeigte.

Vor allem kleinere Galerien ohne große Fixkosten seien jetzt im Vorteil sagt der Leipziger Galerist Jochen Hempel, der in Wien eine Zweigstelle eröffnen wollte. Die Ausstellung war schon aufgebaut, die Einladungen verschickt, dann kam die Corona-Krise und machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Den Mietvertrag hat Hempel dank der Kulanz der Vermieterin inzwischen schon wieder auflösen können. Trotzdem klagt er nicht. "Ich bin optimistisch."

Doch wenn es den Galerien allgemein schlecht geht, dann hat das weitreichende Folgen. An diesen Unternehmen hängen neben den Künstlern schließlich auch die Existenzen einer ganzen Reihe von wenig sichtbaren Kunstschaffenden: Assistenten, Fotografen, Texter, Grafiker, Aufbauhelfer und Kunstspediteure.

Der Kölner Galerist Jan Kaps wollte im März eigentlich zu "Onsen Confidential" - einer Galeriepräsentation mit Konferenz im fernen Japan reisen. Stattdessen sei er am vergangenen Wochenende im Wald Bärlauch sammeln gewesen, erzählt er am Telefon. Glücklich klingt er dabei nicht. Wie alle Galeristen brennt für die Künstler die er vertritt, etwa die junge Kölner Malerin Melike Kara, deren Bilder er ursprünglich in diesem Frühling parallel zur nun verschobenen Art Cologne präsentieren wollte.

Für vielversprechende Künstler auf dem Sprung in die nächsthöhere Liga ist der derzeitige Verlust von Ausstellungsmöglichkeiten und Öffentlichkeit besonders schmerzhaft. Im Moment geht es aber auch darum, "die Künstler als Menschen zu unterstützen - das ist die Verantwortung, die ich gerade sehe", erklärt die Münchner Galeristin Deborah Schamoni. Sie organisiert von ihrem Büro aus Mundschutzmasken für befreundete Künstler in New York oder hält den Kontakt zu dem von ihr vertretenen Künstler Davide Stucchi, der in Mailand schon wochenlang unter den Bedingungen der Quarantäne leben muss.

Aufgrund der ökonomischen Unsicherheit wurden auch bei ihr bereits vereinbarte Verkäufe wieder auf Eis gelegt. Das kann Schamoni sogar verstehen. Andererseits sagt sie: "Kunst zu kaufen wäre jetzt eigentlich wichtig." Gerade auf diese Weise sei es möglich weniger etablierte Künstler sowie die mit ihnen assoziierten jüngeren und kleineren Galerien zu unterstützen.

Hier könnte sich auch der Bund noch viel stärker engagieren, schlägt der Düsseldorfer Galerist Markus Lüttgen vor, der "ein sofortiges Ankaufprogramm der Bundesregierung" fordert, um die Künstler und Galerien in ihrem Existenzkampf schnell und wirksam zu unterstützen. Dafür könnten etwa alle Galerien, die Abgaben an die Künstlersozialkasse abführen, eingeladen werden, potenzielle Werke vorzuschlagen. Über die Vorschläge könnte dann eine kurzfristig zusammengestellte Expertenkommission entscheiden. "Das geht auch im Homeoffice" sagt der Galerist.

Anderswo, vor allem auf Instagram, ist der Kampf um Sichtbarkeit bereits voll entbrannt. Der Berliner Galerist Johann König etwa sendet hier mit seinem Telefon fast täglich eine eigene Talkshow, um sein Galerieprogramm im Gespräch zu halten.

Jetzt seien Experimente möglich. Kunst könne helfen, die Schockstarre zu überwinden

Bei Carlier/Gebauer sind es die Künstler selbst, die unter dem Hashtag #InTouchAVisualDialogue die erzwungene Isolation durchbrechen. Die Idee dazu stamme von Edi Rama, der im Hauptberuf als albanischer Premierminister auch im Krisenmodus operiert, erzählt Ulrich Gebauer. Der Galerist sieht seine derzeitige Aufgabe vor allem darin "den Kontakt zu halten". Die Situation sei unübersichtlich, aber der "Einschnitt ist enorm". Wer die nächsten Monate überstehen wolle, müsse einen langen Atem haben.

Tanja Wagner hat auf ihrer Website die Rubrik "Art in Quarantine" eingerichtet. Hier präsentieren Künstler der Galerie im Wochentakt drei Kunstwerke online. In dieser Woche ist das die in Sarajevo lebende Künstlerin Šejla Kamerić. Wagner sagt, die gegenwärtige Situation biete auch die Möglichkeit für Experimente. Die Galeristin ist überzeugt, dass die Beschäftigung mit der Kunst ein Weg ist, die Schockstarre zu überwinden und das Nachdenken in Gang zu bringen.

Dann könnte man vielleicht auch über die Frage diskutieren, inwieweit die forcierte Online-Betriebsamkeit nicht auch noch stärkere Abhängigkeiten von großen Internetkonzernen und deren Serverstrukturen mit sich bringt. Das betrifft nicht nur die Kunst allein. Wie sind unabhängige Vernetzung, Partizipation und Solidarität unter diesen Umständen möglich? Nina Mentrup von der Galerie KM wünscht sich Kunst, die das Netz nicht nur affirmativ nutzt, sondern sich mit dessen Struktur kritisch auseinandersetzt. Seit längerem bereitet die Galerie eine Ausstellung mit Markus Stein vor, dessen Kunst sich um die Ästhetik von Software und die Grenzen von Maschinen dreht. Stein nimmt so den Faden zu aktivistischen Spielarten der Medienkunst der Neunziger- und Nullerjahre wieder auf. Auch das passt plötzlich unheimlich gut in die Gegenwart.

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SZ vom 28.03.2020
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