Nachruf:Nationalheldin

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Nachruf: In jeder Besetzung groß: Gal Costa bei einem Auftritt in Barcelona 2006.

In jeder Besetzung groß: Gal Costa bei einem Auftritt in Barcelona 2006.

(Foto: Gustavo Nacarino/Reuters)

Die Sängerin Gal Costa ist gestorben, die in Brasilien viel mehr war als nur die erste Diva des Landes.

Von Andrian Kreye

Brasiliens neu gewählter Präsident Lula war bestürzt über den Tod von Gal Costa am Mittwoch, ihre musikalischen Weggefährten Gilberto Gil und Caetano Veloso sowieso. Was sie für ihr Land bedeutete, ist im Norden nur zu erahnen. Sie war Avantgarde, Stimme ihrer Generation und Diva gleichzeitig. Solche Figuren gibt es bei uns nicht. Gemeinsam mit Gil und Veloso bildete sie in den Ausläufern der Bossa-Nova-Welle eine Dreifaltigkeit der brasilianischen Avantgarde, die als Tropicália-Bewegung den Militärdiktatoren ein Stachel war. Die Mischung aus Samba, Bossa, Folkore und Psychedelik war selbst in Liebesliedern politisch aufgeladen und versteckte ihren Zorn auch nicht mehr hinter bittersüßen Harmonien. Die Bewegung verstand sich als Gesamtkunstwerk, verästelte sich in der Kunst und der Literatur.

Ihre Stimme war von einer seltenen Klarheit und Präsenz

Diesen Kampfgeist behielt Gal Costa, auch wenn sie schon bald zum größten Popstar ihres Landes aufstieg. Sie wurde die Diva der MPB, der "Música Popular Brasileira", sang vor großem Orchester und vollen Stadien. Im Norden kannte man ihre frühen Hits wie "Baby", "Que Pena" oder "Coração Vagabundo". In Brasilien waren das Klassiker, denen sie mit jedem Album neue Hits hinzufügte. Es war aber ganz egal, ob sie nur zur Gitarre sang, zu Streicherwolken oder zu den späten Elektronikexperimenten von Caetano Veloso. Ihre Stimme war von einer Klarheit und Präsenz, wie man sie nur selten findet. Später hinterließen die Jahre ihre Spuren im Timbre. Sie ging ganz offensiv damit um. Auf ihrem letzten Album "Nenhuma Dor" (Kein Schmerz) vergangenes Jahr ging sie mit all den Jungen für Duette ins Studio, die Brasiliens Pop heute bestimmen. Da sang sie mit dem wunderbaren Tim Bernades auch noch einmal "Baby". Und man hört, wie sich die Rollen vertauscht haben, wie sie ihre Nachfolger mitzieht. So wie sie einst vom Teenie, die in ihrer Heimatstadt Salvador im Plattenladen arbeitete, von Gil und Veloso entdeckt und zum Superstar gemacht wurde. Am 9. November ist sie nach einer Atemwegsoperation in São Paulo gestorben. Sie wurde 77 Jahre alt.

Eine willkürlich kuratierte Playlist mit einigen ihrer grandiosesten Songs gibt es auf Spotify hier.

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