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Gabriel Josipovici:Ein altmodischer Typ

Der englische Schriftsteller Gabriel Josipovici schreibt stille, nachdenkliche, kraftvolle Romane. Der jüngste erzählt von den inneren Ausflügen eines Gewohnheitsmenschen.

Von Ulrich Rüdenauer

WALES Pen Y Fan rises above a mist shrouded landscape near Llangorse Lake Brecon Beacons National P

Endstation Wales: Nachdem der Erzähler in London und Paris gelebt hat, zieht er sich schließlich nach Wales zurück. Es könnte aber auch alles nur ein Trugbild gewesen sein, ein ungelebtes Leben.

(Foto: Adam Burton/imago)

Der namenlose Erzähler in Gabriel Josipovicis neuem Roman "Wohin gehst du, mein Leben?" hat die Fantasie, nach dem Tod seiner ersten Frau nach Paris zu ziehen. Die Idee kommt ihm auf dem Old Barnes Cemetery in London - der dem englischen Original des Romans übrigens seinen Titel verleiht. Das Bestechende an solchen Kopfgeburten sei die minimale Mühe, die man aufbringen müsse: Man spinne ein bisschen herum, müsse aber weder Koffer packen noch Besitztümer loswerden. Wälze man so ein Vorhaben aber lange genug im Kopf, "scheint es zunächst nur möglich, dann sogar wahrscheinlich und am Ende notwendig".

So gelangt der Erzähler also doch nach Paris, spaziert fortan auf dem Friedhof von Montparnasse umher, geht seiner Arbeit als Übersetzer nach und hört in seiner kleinen Wohnung Monteverdi. Die dritte und letzte Station dieses Lebens und Romans sind die Hügel über Abergavenny im Südosten von Wales, wo er sich mit seiner zweiten Frau beschaulich eingerichtet hat.

All das erzählt Josipovici allerdings nicht chronologisch. Während die Zeiten und Schauplätze unvermittelt von Seite zu Seite wechseln, verfließen dem Leser irgendwann die Grenzen zwischen den drei Orten und Lebensphasen ebenso wie jene zwischen Fantasie und fiktiver Wirklichkeit; man weiß nicht mehr, ob das alles erlebt oder doch nur erträumt ist.

Die Übersetzung wahrt die einheimliche Schwebe des Romans

Die Kunst von Gabriel Josipovici, der 1940 in Nizza geboren wurde, in Kairo aufwuchs und seit langer Zeit in England lebt, besteht nämlich darin, uns durch winzige Andeutungen, fortwährende Wiederholungen und kleine Variationen ein Gefühl der Ungewissheit und Gefahr zu vermitteln: Der Rhythmus dieser Prosa, einem Musikstück mit immer wiederkehrenden Motiven gleich, erzeugt eine geradezu soghafte Wirkung, ohne dass wir auch nur ahnen, wohin es uns da zieht. "Dove t'en vai, mia vita?" - der Vers aus Monteverdis "Orfeo" dient der deutschen Übersetzung von Jochen Jung, die überzeugend die unheimliche Schwebe des Romans wahrt, nicht umsonst als Titel.

Pressebild Verlag Jung & Jung

Der englische Schriftsteller Gabriel Josipovici

(Foto: Bruno Charoy)

Wie ist die erste Frau des biederen Erzählers eigentlich umgekommen - ist sie in der Themse ertrunken, hat er ihr beim Ertrinken zugesehen, sie gar in den Fluss gestoßen? Wer war diese erste Frau, gab es sie überhaupt - oder war sie vielleicht nur eine flüchtige Bekanntschaft, die vom Erzähler gestalkt und schließlich qua Einbildungskraft in ein fantasiertes Setting eingefügt wurde? Auch die zweite Frau, die sich immer wieder als Stichwortgeberin in die Reden ihres Mannes einschaltet, bleibt eine Schimäre. Freunde behaupten, sie ähnele der ersten Frau vollkommen - dabei gleicht sie ihr nur aufs rote Haar, sonst aber überhaupt nicht. Und die Freunde? Nichts erfahren wir über sie, außer dass sie den Geschichten des Erzählers lauschen. Ein unsichtbares Publikum.

"Ich bin immer ein Gewohnheitsmensch gewesen", behauptet der Übersetzer von sich. Und um zu beweisen, dass er den Gleichklang der Tage den Aufregungen eines Lebemannes vorzieht, wiederholt er seine Selbsteinschätzung auf geradezu penetrante Weise: "Ich bin ein Gewohnheitstier", sagt er, und das alle paar Seiten. Ein etwas neurotisches Gewohnheitswesen in stets korrekter Kleidung, ein altmodischer Typ mit literarischen Vorlieben, die dann doch wieder so ungewöhnlich sind, dass sie ihm etwas Geheimnisvolles verleihen.

In einem einzelnen Leben verbergen sich viele andere

Besonders hingezogen fühlt er sich zu Joachim Du Bellay, jenem spätmittelalterlichen französischen Dichter, der zusammen mit Pierre de Ronsard einen Dichterkreis bildete, der unter dem Namen "La Pléiade" in die Literaturgeschichte einging (und bis heute in der Klassikerreihe "Bibliothèque de la Pléiade" im Verlag Gallimard weiterlebt).

Der Erzähler verdient seinen Lebensunterhalt mit Übersetzungen - und die Arbeit ist nicht mehr als ein Brotberuf -, aber beim Übertragen von du Bellays Sonetten packt ihn der Ehrgeiz. So beiläufig sind dessen Zeilen, dass der stocksteife Held nicht den rechten Ton für sie findet. Vielleicht weil sich du Bellay dem Übersetztwerden entzieht, fühlt der unscheinbare Nachfahre sich ihm so nah. "Es war die Verknüpfung von ruhiger Genauigkeit beim Schreiben und wilder Verzweiflung in all dem, was geschrieben war über Dinge, die ihn immer tief bewegten", heißt es über den Dichter.

Womöglich ist das etwas, was sich auch über Josipovici und diesen genau komponierten, nie zu viel preisgebenden Roman sagen lässt: Man liest die präzisen, unmissverständlichen Sätze und spürt darin zusehends eine Unsicherheit und unbändige Verzweiflung, die der Klarheit des geschilderten, unspektakulären Lebensmodells widerspricht. Ist alles nur ein Trugbild?

"In dem einen Leben sind viele Leben. Andere Leben. Einige werden gelebt und andere sind eingebildet. Das ist das Absurde an Biographien, würde er sagen, an Romanen. Sie ziehen nie die anderen Leben in Betracht, die ihre Schatten über uns werfen, während wir uns allmählich, wie im Traum, von der Geburt zur Reife und zum Tod bewegen." Josipovicis Roman hingegen zieht das ganz Andere in Betracht; die Schatten, den Traum, das Ungelebte. Er zeigt das Unwahrscheinliche, das Literatur vermag: ein Leben zu vervielfachen und zu überhöhen, zu fantasieren und mit dem Tod zu spielen.

Gabriel Josipovici: Wohin gehst du, mein Leben? Roman. Aus dem Englischen von Jochen Jung. Jung und Jung. Salzburg, Wien 2020. 110 Seiten, 18 Euro.

© SZ vom 01.10.2020

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