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Interview am Morgen: "Futurium-Eröffnung":"Wir müssen ein neues Verhältnis zur Utopie gewinnen"

Eine Frau schaut sich bei einer Vorbesichtigung eine Installation im Berliner "Futurium" an, das am 5. September eröffnet.

(Foto: AFP)

Wie wollen wir leben?, fragt das Berliner "Futurium" ab heute. Sein Direktor erklärt, warum man Zukunft immer im Plural denken sollte und was ihn am Streckennetz der Bahn ärgert.

Am heutigen Donnerstag eröffnet das "Haus der Zukünfte" im Berliner Regierungsviertel. Getragen wird es vom Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie von mehreren Stiftungen und Wirtschaftsunternehmen. Zu sehen ist eine Ausstellung zu den Themen "Mensch", "Technik" und "Natur". Außerdem gibt es ein "Forum" mit partizipativen Formaten und ein "Lab", in dem selbst experimentiert werden kann. Im Gespräch erklärt Direktor Stefan Brandt das Konzept seines Hauses und warum er optimistisch in die Zukunft schaut.

SZ: Wie kann man etwas ausstellen, das noch gar nicht passiert ist?

Stefan Brandt: Indem man gar nicht erst den Anspruch erhebt, Zukunft auszustellen. Wir machen einen wichtigen Unterschied: Wir sprechen von Zukünften. Das bedeutet, dass wir Ideen präsentieren, von denen wir jetzt natürlich noch nicht wissen, ob sie später Zukunft werden. Wir sind kein Prognoseinstitut, das in die Glaskugel schaut, sondern ein Ort der Auseinandersetzung über verschiedene Zukunftsvorstellungen.

Haben Sie ein Beispiel, was einen im Futurium erwartet?

Eine der drei Programmsäulen ist das "Lab", in dem man ausprobieren und experimentieren kann. Dort können Besucher und Besucherinnen zum Beispiel eine mobile Wetterstation bauen. Die nimmt man dann mit nach Hause und kann bei sich wichtige Parameter für Luftqualität messen, zum Beispiel die Feinstaubbelastung. Damit sehen Sie: Wie ist Ihr Lebensumfeld? Ist es gesund oder nicht? Sollte man da etwas ändern? Die Informationen dieser einzelnen Stationen wandern dann wieder zurück ins Futurium, wo das Netzwerk aller privaten Stationen zu sehen sein wird, das stetig wächst.

Interview am Morgen

Diese Interview-Reihe widmet sich aktuellen Themen und erscheint von Montag bis Freitag spätestens um 7.30 Uhr auf SZ.de. Alle Interviews hier.

Die Zukunftsentwürfe, die derzeit in unserer Gesellschaft vorherrschen sind ja eher bedrohlich: Klimaerwärmung, Überalterung, Jobverluste durch Automatisierung...

Ich glaube, so eindeutig ist das gar nicht. Es gibt sicherlich Untersuchungen, wonach einer Mehrheit der Menschen die Geschwindigkeit des Wandels, gerade des technologischen, zu schnell ist. Auf der anderen Seite sollte man nicht vergessen, dass wir eine der ersten Generationen sind, für die Zukunftsgestaltung überhaupt eine realistische Option ist. Vor hundert, zweihundert oder gar tausend Jahren sah die übergroße Mehrheit Zukunft noch als etwas vollkommen Unbeeinflussbares.

Viele haben dennoch das Gefühl, dass Globalisierung und Digitalisierung sie machtlos machen. Was antworten Sie denen?

Lasst uns gemeinsam etwas daran ändern. Wir haben eine Entwicklung von ungeheurer Dynamik. Vor gerade mal zwölf Jahren ist das erste iPhone auf den Markt gekommen und damit der Durchbruch der Smartphone-Technologie. Seitdem gab es einen totalen Umbruch, der bis in Denk- und Fühlweisen hineinreicht. Dieser Wandel wurde aber von vielen Menschen mitgetrieben. Denn die Nutzung dieser Smartphones hat ja fast jeden erfasst und fast jeder hatte Vorteile daraus. Dass jetzt auch langsam das Bewusstsein für die Nachteile, etwa für Datenschutz wächst, ist ganz natürlich. Auch die Politik hat mittlerweile verstanden, dass es mehr Regulierung braucht. Insofern bin ich ganz zuversichtlich, dass uns der Schritt von Konsumenten zu Gestaltern gelingt.

dpa-Story - Zukunft

Stefan Brandt, 43, ist seit 2017 als Direktor für die Konzeption des Berliner "Futuriums" zuständig.

(Foto: dpa)

Junge Menschen klagen derzeit allerdings verstärkt, dass die - mehrheitlich älteren - Politiker bei Themen wie dem Klimaschutz oder der Rente die Zukunft ihrer Generation verspiele.

Wenn man das historisch sieht, merkt man: Es gab immer Auseinandersetzungen zwischen Jungen und Alten. Nach dem Zweiten Weltkrieg etwa haben die 68er in Deutschland ebenfalls sehr kritisch über die Vorgängergeneration debattiert, die der Jugend ja auch ein schwieriges Feld hinterlassen hatte. Und solche Kritik ist natürlich auch legitim. Klimawandel und Waldsterben etwa sind Themen, die spätestens seit den 1980er Jahren präsent waren. Trotzdem ist das Schienennetz der Bahn seitdem stark zurückgegangen - vor allem in der Fläche, die sich heute entsprechend abgekoppelt fühlt. Und SUVs gibt es erst seit der Jahrtausendwende auf den Straßen. Wir sind bis heute getrieben vom "Convenience-Prinzip", der größten individuellen Bequemlichkeit. Wir brauchen eine größere Balance zwischen individuellem Fortkommen und gemeinschaftlichem Handeln. Das wird eine große Aufgabe und dafür braucht man dann auch die Politiker, die diese Fäden zusammenbekommen.

Sind Leute eigentlich eher mit Utopien oder mit Dystopien zum Handeln zu bewegen?

Da kann ich gleich zurückfragen. Was zieht denn für Sie als Journalistin, besser: Die Utopie oder die Dystopie?

So viele Utopien gibt es ja gar nicht mehr, über die man berichten könnte.

Da haben Sie teilweise Recht. Die großen gesellschaftlichen Utopien der letzten Jahrhunderte sind natürlich entwertet worden durch Versuche, sie eins zu eins in die Realität umzusetzen. Ich glaube aber, dass wir heute ein neues Verhältnis zur Utopie gewinnen müssen. Denn Utopien sind wichtig, um eine Orientierung aufzubauen, so etwas wie einen Leitstern. Man muss sich dabei nur immer bewusst machen, dass man es mit einem weit entfernten Ziel zu tun hat, dem man sich nur annähern kann.

Es soll im Futurium auch einen "Wünsche-Speicher" geben, in den man seinen persönlichen Wunsch für die Zukunft abgeben kann. Was ist Ihrer?

Mein Wunsch wäre, dass wir mit wohlwollender Nachsicht miteinander umgehen. Wir haben heutzutage eine Unduldsamkeit, eine Schärfe der Auseinandersetzung, die sicher auch durch die sozialen Medien getrieben ist. Man kann das als Zuspitzung gut finden. Aber ich glaube, wir müssen wieder mehr lernen, zu vergeben.

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