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"Futur Drei" im Kino:Jenseits von Kartoffeldeutschland

Futur Drei

Junge Menschen, die sich verlieben und poetisch in Zeitlupe durch die Nacht schweben - Szene aus "Futur Drei" von Faraz Shariat.

(Foto: Salzgeber Film)

In Faraz Shariats gefeiertem Regiedebüt "Futur Drei" wartet ein queeres, migrantisches und empfindsames Traumland auf uns. Es sieht nur leider sehr nach Instagram aus.

Von Philipp Bovermann

Filme, die etwas über junge Menschen erzählen wollen, ihre Verlorenheit, ihre nach Liebe dürstenden Körper, fangen gern mit Technomusik und blitzenden Lichtern an. Vielleicht ist das so ein Generationending, dieses Taumeln in der Ekstase, während man eigentlich nach Halt im Leben sucht. Das geht nun seit mindestens zehn Jahren so, richtig jung wirkt das nicht. Aber vielleicht ist es doch noch nicht auserzählt. Vielleicht waren sich bislang nur die Erzähler zu ähnlich: zu weiß, zu hetero, zu viele Filmhochschüler.

Techno also. Buntes Licht. Parvis hat Geburtstag und will feiern. Dort, wo er herkommt und immer noch lebt, bei seinen Eltern in einer mittelständischen Häuschen-Gegend in Hildesheim, geht das nicht. Also zieht er allein los, in irgendeinen Club, der Abend endet in den Armen eines jungen Mannes. Als die T-Shirts weg sind, fragt der: "Woher kommst du eigentlich?"

Der Regisseur Faraz Shariat, der queer-feministische Filmtheorie studiert hat, dürfte die Frage selbst oft genug gehört haben. "Futur Drei" ist in Teilen autobiografisch. Auch seine Eltern stammen, wie die von Parvis, aus dem Iran. Der Film ist, so könnte man sagen, der Versuch einer selbstbewussten Antwort auf die Frage, woher einer denn kommt. Aber klare Antworten möchte Shariat darauf nicht geben, sondern poetisch zu neuen Ufern aufzubrechen. Welche mögen das sein?

Wohin der iranischstämmige Held auch geht, der Rassismus ist immer schon da

Es beginnt mit einem Diebstahl. Parvis klaut, aus Langeweile und als Rebellion, deshalb wird er zu Sozialstunden in einer Flüchtlingsunterkunft verurteilt. An einem seiner ersten Tage soll er das Gespräch mit einer Frau dolmetschen, der die Abschiebung droht, aber er versteht ihren Dialekt nicht. "Ich muss auch mit Kollegen aus Sachsen arbeiten", sagt die genervt Kaugummi kauende blonde Polizistin. Traumata seien kein Grund, eine Abschiebung zu verschieben, fügt die anwesende deutsche Ärztin später hinzu. Parvis möchte sich ablenken, mit schnellem Sex im Internet, aber wohin er auch geht, der Rassismus ist schon da. Nach einem Date mit einem Unbekannten, noch in der Unterwäsche auf dem Balkon, sagt der deutsche Körperbesitzer, er stehe ja sonst nicht so auf Ausländer. Die seien ihm zu behaart.

"Kein Ding", sagt Parvis zu dem rund zwanzig Jahre älteren Mann. "Ich steh eigentlich auch nicht so auf junggebliebene Kartoffeln." Power! Affirmation! Und Schnitt.

Als politisches Statement sind solche Szenen natürlich ein "easy win", ganz altmodisch als Kunstwerk leidet "Futur Drei" aber darunter, dass er die Welt in innerlichkeitsbefreite Kartoffeldeutsche und empfindsame, poetisch in Zeitlupe durch die Nacht schwebende Queers und Migranten unterteilt. Denn, ach ja, Parvis verliebt sich, wie sich das für einen Coming-of-Age-Film gehört, in Amon, einen der Jungs aus der Flüchtlingsunterkunft. Zwischen den beiden liegen Welten - der von Parvis' Eltern in Deutschland aufgebaute Wohlstand, sein deutscher Akzent - und so werden Amon und seine Schwester zu Führern für Parvis. Sie führen ihn, im Sinne einer Identitätssuche, aus Deutschland hinaus.

Wenn die drei zusammen sind, pausiert die Handlung. Traumartige, von sanfter elektronischer Musik unterlegte Montagesequenzen zeigen, wie die drei feiern, auf den Straßen herumalbern und sich stark fühlen, später ziehen sie in ein Gewächshaus, um auf einen Geburtstag anzustoßen, irgendwann landen sie gar auf dem Land, rennen durchs hohe Gras, einem Sonnenuntergang entgegen, Amon hält plötzlich ein Pferd am Zügel.

Ganz real aber wird Amons Schwester die Aufenthaltsberechtigung entzogen. Erst fliehen die drei, aber dann erhalten Flucht und Abschiebung zunehmend eine übertragene Bedeutung als Stationen der Identitätssuche. Schließlich stellt sich die Schwester den Behörden und, als sie schon weg ist, sagt sie zu ihrem in Deutschland gebliebenen Bruder am Telefon: "Jetzt bin ich wirklich losgegangen, und du schon längst. Uns gehört die Zukunft." Man erfährt das nur noch als Voice-Over, während der Film bereits in Naturaufnahmen zerfließt, weich und verzeihend. Uns gehört die Zukunft, dieser Satz fällt zweimal.

Jenseits von Deutschland liegt also etwas, das sehr nach Instagram aussieht. Vielleicht ist das subversiv, vielleicht ist es auch das Gegenteil, so genau kann man das ja bisweilen nicht sagen. Merkwürdig in der ganzen Ambivalenz des Wortes ist es auf jeden Fall: Eine Abschiebung wird zur Allegorie der Versöhnung eines mit seinen Wurzeln hadernden Deutschen.

Futur Drei, D 2020 - Regie: Faraz Shariat. Buch: Shariat, Paulina Lorenz. Kamera: Simon Vu. Mit Benjamin Radjaipour. Salzgeber, 92 Minuten.

© SZ vom 24.09.2020

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