Fund von NS-Kunstwerken:Von Hitler verehrt - heute Hehlerware

Adolf Hitler, Albert Speer und Josef Thorak in München, 1936

München 1936: Adolf Hitler mit Bildhauer Professor Josef Thorak. Architekt Albert Speer (links) wurde von Hitler mit der Planung der Welthauptstadt "Germania" beauftragt.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)
  • Bei einer groß angelegten Durchsuchungsaktion haben Ermittler in Bad Dürkheim (Rheinland-Pfalz) Kunstwerke aus der NS-Zeit sichergestellt.
  • Darunter sind zwei massive Pferdeskulpturen des Bildhauers Josef Thorak sowie zwei Frauenskulpturen von Fritz Klimsch.
  • Mit den seit Jahrzehnten verschollenen Kunstgegenständen wurden auf dem Schwarzmarkt Geschäfte gemacht.

Razzia in der Kunsthehler-Szene

Monatelang war ermittelt worden, am Mittwochmorgen schlug die Abteilung "Kunstdelikte" zu: Fahnder des Berliner Landeskriminalamtes durchsuchten bundesweit Wohnungen, Häuser und Lagerhallen von Personen, die der Hehlerei verdächtigt werden. Fündig wurden die Beamten Medienberichten zufolge vor allem im rheinland-pfälzischen Bad Dürkheim. Dort wurden mehrere Kunstwerke aus der NS-Zeit sichergestellt.

Spektakulärste Funde: zwei riesige Bronzepferde von Josef Thorak , zwei Frauenskulpturen von Fritz Klimsch und ein Großrelief von Arno Breker. Die drei Bildhauer gehörten zu den Lieblingskünstlern Adolf Hitlers. So standen Thoraks "Schreitende Pferde" vor der Neuen Reichskanzlei in Berlin, Klimschs Frauenfiguren im Garten des Regierungssitzes. Das Relief war für die vom Diktator geplante Welthauptstadt Germania gedacht.

Zuletzt waren die Skulpturen in Eberswalde (Brandenburg) auf dem Sportplatz einer sowjetischen Kaserne gesehen worden. Das dokumentierte die Kunsthistorikerin Magdalena Bushart in einer wissenschaftlichen Abhandlung über "Arno Brekers NS-Plastik in neuer Umgebung". Nach März 1989 verlor sich die Spur der Kunstwerke.

So bewertet die SZ-Kunstexpertin Catrin Lorch die Funde:

Wenn es heißt, dass bei einer Razzia "Hitler-Pferde" aufgetaucht seien, dann klingt das so, als seien die Ermittler der Kunst Josef Thorak, Fritz Klimsch oder Arno Breker auf der Spur, weil sie verboten oder ästhetisch gefährlich sei. Tatsächlich werden die Behörden aber vor allem deswegen nach den Werken nationalsozialistischer Kunst-Stars gefahndet haben, weil sie gestohlen sind und somit als Hehlerware verkauft werden sollten.

Dass es einen Markt für diese Kunst gibt, ist nicht neu - und so lange die Werke der Bildhauer und Maler, die sich der Wertschätzung und Förderung durch das nationalsozialistische Regime erfreuten, keine eindeutigen Nazi-Runen, Parolen oder Zeichen enthalten, waren Handel oder Ausstellungen auch nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kein Problem. Im Gegenteil. Sogar die Künstler, die sozusagen unter dem besonderen Schutz der Führungselite um Adolf Hitler standen und auf einer "Gottbegnadeten-Liste" geführt wurden - weswegen sie nicht im Krieg kämpfen mussten - konnten nach dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes unbehelligt weiter arbeiten.

Thorak und Breker wurden zügig und umstandslos "entnazifiziert". Arno Breker war in der Zeit des Wirtschaftswunders sogar ein gefragter Porträtist, vor allem bei den Wirtschaftsführern wie dem Banker Hermann Josef Abs oder den Industriellen Herbert Quandt, Rudolf-August Oetker oder Gustav Schickedanz. Sogar Konrad Adenauer ließ bei ihm eine Büste von sich anfertigen. Zahlreiche Skulpturen oder Reliefs dieser Künstler stehen bis heute weiterhin auf öffentlichen Plätzen oder Straßen.

Millionen für Nazi-Kunst

Auf dem Schwarzmarkt sind die jetzt sichergestellten Kunstgegenstände ein Vermögen wert: Allein Thoraks Pferdebronzen sollen nach Bild-Informationen im vergangenen Jahr für 1,5 bis vier Millionen Euro angeboten worden sein.

Hitlers Vision der "Welthauptstadt Germania"

Die neugestaltete Stadt Berlin sollte das Zentrum eines großgermanischen Reiches werden. Vergleichbar mit dem alten Ägypten, Rom oder Babylon - so plante Adolf Hitler in seinem Größenwahn nicht nur eine neue Reichshauptstadt, sondern die neue "Welthauptstadt".

Albert Speer wurde damit beauftragt, als "Generalbauinspektor" dieser geplanten Reichshauptstadt zwischen 1937 und 1943 Berlin nach Hitlers Vorstellungen umzugestalten. Als Generalbauinspektor stellte er sich einen Stab aus Künstlern, Bildhauern, Architekten und Malern zusammen - darunter auch Arno Breker und Josef Thorak.

© SZ.de/ckoo/jobr/odg
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