Fünfte Station in Apice, Italien Im Haus des Arztes

So bildeten die beiden ein seltsames Paar - Loveson in seiner hellblauen Uniform, und er mit dem leuchtend roten Feuerwehrhelm. Die Hunde flüchteten jaulend mit eingezogenen Schwänzen, und dichte, schwarze Wolken zogen auf. Sie versprachen Regen.

Zuerst sprach Loveson nicht viel. Er war schon lange nicht mehr hier gewesen, und man sah ihm an, dass ihn das mitnahm. Das letzte Mal musste er Obdachlose und Immigranten aussiedeln, die sich für ein paar Monate hier niedergelassen hatten. Sie wurden in eine provisorische Unterkunft verfrachtet, die mittlerweile seit bald zwanzig Jahren bestand, und Apice wurde endgültig geschlossen und mit Sperrgittern und Drahtverhauen verriegelt.

Es begann, heftig zu regnen, und er und Loveson flüchteten ins nächstbeste Haus. Es war das Haus des Arztes gewesen, und sie beide standen in einem ehemaligen Behandlungszimmer. Die altmodische Einrichtung, die verrosteten Metallkästen, ein achtlos liegengelassenes Abhörgerät und ein mit herabgefallenem Verputz bedeckter Gynäkologie-Stuhl ließen sie verstummen. Unter dem Stuhl lagen ein paar Stöckelschuhe.

Der Regen prasselte durch das kaputte Glasdach auf seinen idiotischen Feuerwehrhelm. Loveson sagte schließlich, dass er den Helm abnehmen könne, so gefährlich sei es hier auch wieder nicht. Dann regnete es auf seinen Kopf statt auf den Helm. Als ihm das Wasser in den Kragen lief und von der Nase tropfte, mussten sie beide lachen.

Sie benahmen sich dann wie schlimme Buben, die verbotene Dinge tun. Sie spielten mit einem kaputten Plastikball am Hauptplatz Fußball, blätterten in alten Magazinen, stießen verriegelte Türen auf und warteten in einem Cinquecento ohne Räder darauf, dass der Regen nachließ.

Stimmungsumschwung am Altar

Am Ende kraxelten sie durch ein Fenster der vor langer Zeit zugemauerten Kirche, bestaunten die Reste ihrer Schönheit, steckten ihre Köpfe in den Karner unter dem Kirchenschiff und gruselten sich vor den Skeletten.

Im Kino, das an die Kirche angebaut war, wurde Loveson wieder schweigsam und ernst. Er beobachtete ihn aus den Augenwinkeln und schrieb seine Stimmung dem Altar zu, der in dem dunklen Raum die einzige Lichtinsel bildete - als würde der Heilige Geist ihn erstrahlen lassen. Es verlieh dem Raum die Feierlichkeit einer nie enden wollenden Messe. Denn hier in diesem Kino war die Messe gefeiert worden, als es nach dem Erdbeben in der Kirche selbst zu riskant geworden war.

Warum Kino und Kirche überhaupt so aneinander gebaut worden waren, wollte er Loveson noch fragen, aber er vergaß es, als er den Polizisten neben sich weinen sah. Stumm rollten ihm die Tränen über die Wangen.

Wie eine nicht enden wollende Gegenwart

Als sie sich verabschiedeten, erklärte Loveson ihm den Grund für seine Tränen. Oben in der Vorführkabine habe er seine Frau kennengelernt und noch am selben Abend, während der Filmvorführung, seinen Sohn gezeugt.

Aber das sei doch kein Grund zum Weinen, sagte er zu Loveson, als er ihm den Feuerwehrhelm zurückgab. Das nicht, gab Loveson zu. Aber der Rest irgendwie schon. Wenn die Zeit so bildlich angehalten wird wie in dieser Stadt, dann schmerzt die Vergangenheit, als wäre sie eine nicht enden wollende Gegenwart.

Ob Loveson ihm ein Hotel in der Nähe empfehlen könne, wollte er wissen. Der schüttelte den Kopf und antwortete abwesend: "Gab es früher nicht, gibt es jetzt nicht".